Steigende Zahlen Mehr Selbstmorde im Gefängnis – 76 Tote im Jahr 2016

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Die Zahl der Häftlinge, die sich das Leben nehmen, steigt wieder. Foto: Paul Zinken/dpaDie Zahl der Häftlinge, die sich das Leben nehmen, steigt wieder. Foto: Paul Zinken/dpa

Osnabrück. In Deutschland nehmen sich wieder mehr Häftlinge das Leben. Seit 2013 steigen die Zahlen der Suizide hinter Gittern. Die Gründe dafür sind vielfältig. Die Linke fordert eine bessere medizinische Betreuung.

2016 starben 76 Menschen im Justizvollzug durch Suizid – das waren zehn mehr als ein Jahr zuvor. Der Trend zeigt seit drei Jahren deutlich nach oben: 2013 waren es 50 Selbstmode im Justizvollzug, 2014 waren es 60 und 2015 waren es 66. Das geht aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Linken hervor, die unserer Redaktion vorliegt. Zahlen zu 2017 sind noch nicht verfügbar. Damit ist der traurige Stand von vor zehn Jahren wieder erreicht, auch 2006 nahmen sich 76 Häftlinge das Leben. In den davorliegenden Jahren war die Suizidrate zumeist höher gewesen, als Grund gilt die damalige Überbelegung der Gefängnisse.

Weniger Häftlinge, aber mehr Fälle

Rechnet man die durchschnittliche Jahresbelegung der Gefängnisse mit ein, so zeigt sich der Anstieg noch deutlicher. Denn 2013 saßen im Schnitt 66 050 Häftlinge ein, es gab aber nur 50 Suizide. Obwohl es 2016 mit 62 940 durchschnittlich deutlich weniger Gefängnisinsassen waren, stieg die Zahl auf 76. Damit kletterte die Suizidrate, die die Zahl der Selbstmorde pro 100 000 Gefangene angibt, in diesem Zeitraum von 74,5 auf 116,5 Prozent.

Sucht, psychische Probleme und Isolation

Das Justizministerium räumt ein, dass die Suizidrate unter Gefangenen deutlich höher ist als unter der Wohnbevölkerung. Dies erklärt das Ministerium damit, dass viele der Häftlinge schon vor der Haft isoliert gewesen seien, ein geringes Einkommen hätten, unter Suchtproblemen oder psychischen Problemen litten und gewaltbereiter seien. „Dies sind Merkmale, die auch in der Wohnbevölkerung mit einem erhöhten Suizidrisiko einhergehen“, schreibt das Ministerium. Zudem gelte auch die Inhaftierung an sich als zusätzlicher Risikofaktor. Der Vergleich zur Suizidrate in der normalen Bevölkerung (2015 nur 12,3 Prozent), sei verzerrt, da darin auch Kinder enthalten seien (die sich selten das Leben nehmen) und die Gefangenenpopulation an einem bestimmten Stichtag geschätzt werde.

Auch mehr Todesfälle insgesamt

Die Zahl der Todesfälle insgesamt in Haft ist ebenfalls in den vergangenen Jahren wieder gestiegen. Während es 2013 noch 122 waren, waren es 2016 genau 163. Von diesem Jahr an soll die Statistik die Zahlen jeweils getrennt nach Art des Vollzugs (also etwa Untersuchungshaft-, Sicherungsverwahrung oder Jugendstrafvollzug) ausgewiesen werden.

Die innenpolitische Expertin der Linken, Ulla Jelpke sagte: „Jeder Tote hinter Gittern ist einer zu viel.“ Sie forderte eine weitere Untergliederung der Statistiken zu Toten in Haft - etwa Todesfällen durch Krankheiten und Alter. Jelpke kritisierte: „Auch mögliche Todesfälle in Folge von Gewalt gehen bislang in der allgemeinen Statistik unter.“

Jelpke forderte eine bessere medizinische Versorgung für Inhaftierte, insbesondere durch freie Arztwahl sowie die Möglichkeit der Gefangenen, einen Vertrauenspsychologen zur Rate zu ziehen. „Das könnte die Todesrate hinter Gittern mit Sicherheit senken.“

Der Bund der Strafvollzugsbediensteten (BSBD) fordert, die Zahl der JVA-Beschäftigten zu erhöhen. Das Justizministerium in Nordrhein-Westfalen will die Videoüberwachung in den Gefängnissen deutlich verstärken. Experten fordern zudem mehr Angebote für die Gefangenen, etwa eine Telefonseelsorge für Häftlinge.

Die Linken-Abgeordnete Jelpke kritisierte auch, dass nach wie vor der Strafvollzug in der Praxis „nicht auf Resozialisierung, sondern auf Wegsperren ausgerichtet“ sei. Notwendig wäre eine Reform des Strafvollzugs, der ganz klar auf die Resozialisierung der Gefangenen ausgerichtet werden müsste. Gefangene müssten in die Kranken- und Rentenversicherung einbezogen und für ihre Arbeit ordentlich entlohnt werden.

Video zur Haft im offenen Vollzug


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