„Probleme nach den Ferien“ Lehrerverband: Klassen mit 30 Kindern untragbar“

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Heinz-Peter Meidinger , Bundesvorsitzender des Deutschen Lehrerverbands, befürchtet, dass Pädagogenmangel geordneten Schulbetrieb auch nach den Sommerferien unmöglich macht. Foto: Stefan KuhnHeinz-Peter Meidinger , Bundesvorsitzender des Deutschen Lehrerverbands, befürchtet, dass Pädagogenmangel geordneten Schulbetrieb auch nach den Sommerferien unmöglich macht. Foto: Stefan Kuhn

Berlin. Wie soll der Schulbetrieb nach der Sommerpause weitergehen, wenn Tausende von Lehrern fehlen? Muss es an der Schultür Waffenkontrollen geben? Was wird aus dem Versprechen, Schulen digital aufzurüsten? Dazu im Interview Heinz-Peter Meidinger, der Präsident des Deutschen Lehrerverbands.

Der Deutsche Lehrerverband bezweifelt, dass nach den Sommerferien überall ein geordneter Schulbetrieb beginnt. „Das Hauptproblem ist nicht gelöst. Wir haben massiven Lehrermangel, und dies trifft besonders hart Grund-, Förder- und Berufsschulen“, sagte Präsident Heinz-Peter Meidinger unserer Redaktion. Nach seinen Worten „hilft es wenig, dass halb fertige Lehramtsstudenten und Quereinsteiger einspringen“. Es müssten nur Pädagogen wegen Krankheit oder Elternzeit ausfallen, „dann bricht das Kartenhaus zusammen“. Er nannte es „untragbar“, wenn Klassen dann zusammengelegt und 30 statt 20 Kinder unterrichtet würden. Laut Meidinger „schafft es die Kultusbürokratie bis heute nicht, halbwegs treffsicher zu planen“. Hier der >Wortlaut:

. Im ganzen Land fehlen Lehrer. Wie soll es nach der Sommerpause weitergehen?

Ich bin sehr skeptisch, dass nach den Sommerferien überall ein geordneter Schulbetrieb beginnt. Aber was heißt schon geordnet? Klar ist: Das Hauptproblem ist nicht gelöst. Wir haben massiven Lehrermangel, und dies trifft besonders hart Grund-, Förder- und Berufsschulen. Da hilft es wenig, dass halb fertige Lehramtsstudenten und Quereinsteiger einspringen. Es müssen nur Pädagogen wegen Krankheit oder Elternzeit ausfallen, dann bricht das Kartenhaus zusammen.

Was genau macht die Lage schlimm?

Schon im laufenden Schuljahr waren zum Beispiel bis zu 80 Prozent der neu eingestellten Grundschullehrer in Sachsen und Berlin Quereinsteiger ohne Lehramtsausbildung. So wird es in diesem Spätsommer weitergehen. Selbst in Ländern wie Bayern ist die Unterrichtsversorgung auf Kante genäht. Untragbar ist es, wenn Klassen dann zusammengelegt und 30 statt 20 Kinder unterrichtet werden.

War das nicht vorhersehbar?

Leider schafft es die Kultusbürokratie bis heute nicht, halbwegs treffsicher zu planen. Dabei hätten die Länder eigentlich ausreichend Zeit, dem Mangel rechtzeitig vorzubeugen, den Lehrerberuf attraktiver zu machen und mehr Lehrkräfte auszubilden. Zur Wahrheit gehört auch: Neben dem akuten Mangel von deutschlandweit bis zu 35 000 Pädagogen in Grund-, Förder- und Berufsschulen gibt es einen Überhang von 10 000 Gymnasial- und Realschullehrern, die keinen Job finden.

Muss es – wie Hamburg plant – einen Einheitslehrer geben, der bei gleicher Bezahlung ab Klasse 5 überall einsetzbar ist?

Für den Staat wäre es die bequemste Lösung. Aber es wäre Gift für den Lernerfolg der Schüler und die Bildungsqualität. Wer junge Menschen zum Abitur führen will, braucht die auf wissenschaftliche Arbeit ausgerichtete Ausbildung eines Gymnasiallehrers. Sonst ist die Studierfähigkeit nicht gewährleistet. Andererseits ist die spezielle pädagogische Qualifikation von Grundschullehrern gefordert, um Mädchen und Jungen begabungsgerecht zu fördern. Ich warne die Länder davor, mit Einheitslehrern den selbst verschuldeten Versorgungsnotstand in Schulen zu lösen. Das dient weder den Lehrkräften noch den Kindern.

Käme mit dem Einheitslehrer ein Billig-Abitur?

Die Gefahr ist groß, dass die Qualität in allen Bereichen leidet.

Das Land Berlin, das auf den Beamtenstatus bei Lehrkräften verzichtet hat, klagt über eklatanten Pädagogenmangel und lockt nun mit 5300 Euro Einstiegsgehalt, aber bislang ohne Erfolg...

5300 Euro klingen gut – brutto wohlgemerkt. Aber klar ist auch, Berlin lockt mit dem Höchstsatz, aber dann ist auch Endstation. Und nicht nur das Gehalt entscheidet. Jetzt rächt sich, dass Berlin seine Schulen verlottern ließ und durch die Abschaffung des Beamtenstatus am falschen Ende gespart hat. Auch die Rahmenbedingungen sind miserabel, was Bewerber abschreckt. In manchen Bezirken sind beispielsweise die Klassen mit bis zu 100 Prozent mit Migrantenkindern besetzt. Das macht die Arbeit von Lehrkräften sehr schwer.

Warum sollen Lehrer Beamte sein?

Damit sie unabhängig und neutral sind. Damit sie unberechtigten Einflussnahmen von außen widerstehen. Die Vergabe schulischer Abschlüsse ist schließlich ein hoheitlicher Akt, der über Lebenschancen entscheidet. Und Lehrer sollten Beamte sein und damit nicht streiken dürfen, damit sie verlässlich den Schulbetrieb aufrechterhalten. Schauen Sie nach Frankreich, wo Lehrer streiken dürfen. Die französische Partnerschule des von mir geleiteten Gymnasiums musste wegen Lehrerstreiks schon mal sechs Wochen dichtmachen und als Folge den langen Schüleraustausch mit Deutschland streichen.

Anderes Thema: Immer wieder schrecken Gewalttaten an Schulen auf, speziell in den USA. Ist es auch bei uns so weit, dass Waffenkontrollen nötig sind?

Ja, wir haben ein Problem. So beobachten wir einen Anstieg der Gewaltbereitschaft in Brennpunkt-Schulen. In Berlin zum Beispiel werden 40 Prozent schulischer Gewalttaten in Problemvierteln wie Neukölln, Marzahn-Hellersdorf und Lichtenberg verzeichnet. Zu Waffenkontrollen aber wären Lehrerinnen und Lehrer bei uns gar nicht befugt. Ich warne zudem vor Pauschalurteilen. Generell besteht kein Anlass für Eltern, sich Sorgen zu machen, wenn man am Morgen sein Kind zur Schule schickt. Angesichts von 40 000 Schulen in Deutschland sind die Gewaltvorfälle im internationalen Vergleich noch relativ gering.

Entwarnung also?

Es gilt hier, den Anfängen von Anfang an konsequent zu wehren. Dazu gehört aus Sicht des Deutschen Lehrerverbands zum einen, endlich eine bundesweit einheitliche Meldepflicht für Vorfälle psychischer und physischer Gewalt einzuführen. Zweitens müssen besonders betroffene Schulen mehr Unterstützung von Sozialarbeitern und Psychologen bekommen. Allerdings wäre es ein Armutszeugnis, wenn wir unsere Schulen zu Hochsicherheitstrakten ausbauen müssten. Drittens dürfen Schulen Gewalttaten nicht unter den Teppich kehren. Falsch verstandene Angst um den Ruf der Schule und der Opfer hilft uns nicht weiter.

Von Lehrerinnen und Lehrern wird erwartet, Disziplin und die Einhaltung von Regeln durchzusetzen. Werden sie genug unterstützt?

Mich ärgert, wenn Politiker Bildung zwar zum Wahlkampfthema machen, aber an Schulen nur dann erscheinen, wenn es schöne Bilder gibt, weil ein Modellversuch gestartet wird. Jeder Minister, jeder Staatsekretär und jeder Fachaufsichtsbeamte sollte sich auch in Brennpunkt-Schulen ein realistisches Bild der Lage machen.

Stichwort Digitalpakt für Schulen: Werden die vor Jahren zugesagten 3,5 Milliarden Euro denn nun fließen?

Das ist ein einziges Trauerspiel. Im Oktober 2016 sind den Schulen von der Bundesregierung Mittel für die bessere digitale Ausstattung versprochen worden: Passiert ist nichts. Ex-Finanzminister Wolfgang Schäuble gab das Geld nicht frei. Jetzt wird auf die noch nicht vollzogene Grundgesetz-Änderung verwiesen. Will die Bundesregierung ihre Glaubwürdigkeit einigermaßen wahren, muss sie die 3,5 Milliarden Euro jetzt sofort vorschießen, sonst droht weiterer Stillstand.


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