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„Tatort“-Erfinder Gunther Witte ist ein Fan der Münster-Krimis

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Der "Tatort"-Erfinder Gunther Witte.Der "Tatort"-Erfinder Gunther Witte.

Hinter einer Tasse Kräutertee sitzt ein unscheinbarer älterer Herr in der Gaststätte an den Hackeschen Höfen in Berlin. Nichts deutet darauf hin, dass er Fernsehgeschichte geschrieben hat. Doch als „Tatort“-Erfinder Gunther Witte von den Anfängen des Krimi-Klassikers erzählt, leuchten seine Augen. Wir unterhalten uns über legendäre Krimis, die eigentlich gar kein „Tatort“ werden sollten, berühmte Fernsehfahnder und einen weltbekannten Regisseur, der keinen „Tatort“ drehen durfte:

Herr Witte, sind Sie eigentlich Ehrenbürger von München?
Wieso das denn?

München war vom ZDF und dessen Serie „Der Kommissar“ zur deutschen Mordhauptstadt gemacht worden – bis Sie den „Tatort“ erfanden und das Verbrechen über die ganze Republik verteilten.
Vielleicht hätten die Münchner mich dafür ja am liebsten umgebracht. Es hat der Stadt doch sehr genutzt, dass da so viel produziert wurde. Vor allem Grünwald war ja regelrechtes Mordland.

Und deshalb haben Sie den „Tatort“ erfunden?
Mein damaliger Chef beim WDR, Günter Rohrbach, war immer ein strategischer Denker und hatte gemerkt, dass der ARD mit dem ZDF ein Konkurrent erwächst, der wirklich gefährlich werden kann. Der Unterhaltungsanteil im ZDF wurde immer erfolgreicher, deshalb ist Rohrbach mit meinem Kollegen Peter Märthesheimer und mir in den Kölner Stadtwald losmarschiert und hat uns Aufträge erteilt: Er sollte eine Familienserie entwickeln, daraus wurde später „Acht Stunden sind kein Tag“ mit Fassbinder. Mein Auftrag war eine Krimiserie. Dabei hatte ich bis zu diesem Tag mit Krimis nicht mehr zu tun als viele andere auch.

Haben Sie sofort „Ja“ gesagt?
Natürlich, das war ja eine ehrenvolle Aufgabe. Mir wurde dann auch ziemlich schnell klar, dass mir im Fernsehen kein Krimi so gut gefallen hat wie etwas, das ich früher mal im Radio gehört hatte. Zu meiner Schüler- und Studentenzeit hatte ich noch in Ostberlin gewohnt und samstagabends im RIAS immer die Sendung „Es geschah in Berlin“ eingeschaltet. Die war sehr dokumentarisch, behandelte echte Fälle, hatte immer mit Berlin zu tun und war sehr spannend.

Und so etwas wollten Sie dann fürs Fernsehen?
Ja, aber den Titel wollte ich nicht klauen, obwohl es die Sendung schon lange nicht mehr gab. Und so kam ich dann auf „Tatort“. Und da ich auch von Anfang an die Idee mit der Regionalität hatte, wollte ich die Filme zunächst als „Tatort Berlin“, „Tatort München“, „Tatort Hamburg“ und so weiter laufen lassen, immer schön sortiert nach den einzelnen ARD-Sendern. Wir haben dann aber doch auf die Städtenamen verzichtet, weil der Begriff „Tatort“ allein kräftig genug ist.

Wie sind Sie denn darauf gekommen, alle ARD-Sender mit ins Boot zu holen und dem „Tatort“ dadurch seine regionale Einfärbung zu geben?
Stellen Sie sich mal vor, der WDR hätte eine so umfangreiche Reihe vorgeschlagen und dann alleine umsetzen müssen. Unser Etat wäre zu wesentlichen Teilen nur für dieses Projekt benötigt worden. Ich wollte aber auch mich selbst nicht dadurch blockieren, dass das ganze Geld nur für diese eine Krimireihe draufgeht. Da war es doch nur logisch, die Last auf viele Schultern zu verteilen. Dieser Hintergedanke ist voll aufgegangen und ließ sich in der Öffentlichkeit auch noch als die große Stärke der ARD verkaufen.

War Ihr Chef von Ihren Ideen begeistert?
Rohrbach fand es prima, aber die Idee musste natürlich den üblichen Instanzenweg gehen und auf einer der vierteljährlichen Sitzungen der Fernsehspielchefs vorgestellt werden. Und da gab’s zunächst mal überhaupt keine Zustimmung, stattdessen haben die Herren alle nur uninteressiert geschwiegen.

Und?
Wir waren beide sehr traurig, aber Rohrbach hat mich ein Vierteljahr später dieselbe Idee einfach noch mal vortragen lassen, und plötzlich gab’s helle Begeisterung. Auf einmal konnte es den Fernsehspielchefs gar nicht schnell genug gehen, obwohl jeder von ihnen hätte wissen müssen, dass man nicht zwei Monate später die Reihe starten kann. Schließlich müssen ja erst mal Drehbücher geschrieben und die Filme produziert werden. Aber das spielte alles keine Rolle mehr, es musste jetzt ein Weg gefunden werden, schnell mit dem „Tatort“ anzufangen.

Wie haben Sie das Problem gelöst?
Der NDR hat angefangen, die hatten eine Reihe Filme von dem wunderbaren Krimiautor Werremeier in Arbeit und „Taxi nach Leipzig“ auch schon produziert. Plötzlich war „Taxi nach Leipzig“ der erste „Tatort“, obwohl er gar nicht als solcher gedreht worden war. Der Kommissar Trimmel ist einfach eingemeindet worden.

Was machten die anderen ARD-Sender?
Jeder kramte irgendetwas raus, was er schon in der Schublade hatte. Damals gab es noch den Süddeutschen Rundfunk, und der hatte einen Dokumentarfilm über Mannheim gemacht, in dem irgendwann mal ein Kommissar durchs Bild lief. Und der ist dann tatsächlich auch als „Tatort“-Folge „Mannheimer Morgen“ gesendet worden.

Gab es kein Grundkonzept?
Ja, eines mit wenigen dicken Säulen. Weil ich den anderen Sendern ja keine Vorschriften machen konnte, konnte ich auch nur Grundpfeiler einsetzen. An erster Stelle: Im Mittelpunkt steht der Kommissar. Dann eben die Regionalität, und die dritte große Säule war: Der „Tatort“ muss Geschichten erzählen, die möglich, vorstellbar und realitätsnah sind. Das wurde auch alles akzeptiert.

Da war der schöne Zollfahnder Kressin als erster WDR-Kommissar aber hart an der Grenze.
Den hatten wir auch schon in der Mache, als der „Tatort“ beschlossen wurde. Ich habe selbst gedacht: Jetzt kommst du mit einer Sache an, die das genaue Gegenteil von dem ist, was du eigentlich willst. Da mussten wir durch, von den anderen Sendern hat keiner gemurrt, und dann war Kressin ja auch sehr erfolgreich.

War Kressins Realitätsferne dann aber doch sein Todesurteil?
Das kann man nicht sagen. Er kam ja an bei den Zuschauern, und wir hätten mit ihm auch weitergemacht. Aber sein Darsteller Sieghardt Rupp war zwar ein wunderbarer Schauspieler, aber auch ein unheimlich schwieriger Kandidat.

Warum?
Er hatte immer andere Vorstellungen von dem, was er machen sollte. Und er konnte junge Regisseure nicht leiden. Da gab es Konstellationen, die gingen einfach nicht, deshalb waren wir mit Kressin leider ziemlich schnell am Ende.

Gehörte zu den „Tatort“-Säulen nicht auch der Gast-Kommissar?
Ja, das war eher eine dünne Säule. Wir haben es am Anfang so gemacht, dass immer ein Kommissar aus einer anderen „Tatort“-Stadt im aktuellen Fall auftaucht. Aber das war wirklich konstruierter Quatsch. Man musste sich immer verrenken, um den einen Kommissar in die andere Stadt zu bringen, wo er eigentlich nichts zu suchen hatte. Deshalb haben wir es auch sehr bald gelassen.

Hatten Sie eigentlich damals das Gefühl „Jetzt schreiben wir Fernsehgeschichte“?
Ganz im Gegenteil, ich habe gedacht: Wenn das mal bloß gut geht. Ich wusste ja, dass es nirgendwo auf der Welt eine Krimireihe mit zehn verschiedenen Kommissaren gab. Manchmal habe ich gedacht: Das kann gar nicht sein, dass die Leute so etwas akzeptieren. Ich hatte ganz schön Muffensausen.

Rainer Werner Fassbinder wollte auch mal einen „Tatort“ drehen – und Sie haben es verhindert.
Im Nachhinein muss ich wirklich sagen: Das war ein Fehler, und das tut mir leid. Fassbinder hatte mich gefragt, ob er auch mal einen „Tatort“ machen könne, und ich antwortete ihm: Natürlich, gerne, prima. Und dann gab mir Fassbinder ein Exposé von einem anderen Autor, das hingeschludert und wirklich nicht gut war. Es ging um einen Bundesliga-Skandal.

Fassbinder wollte einen Fußball-„Tatort“ drehen?
Ja. Ich habe dem Autoren und wahrscheinlich auch Fassbinder gesagt, dass mir das Exposé nicht gefällt, damit war’s dann erledigt und ihm wohl auch nicht so wichtig. Heute bereue ich es.

Gelegentlich gab’s auch mal Ärger mit Politikern...
Ja, ganz besonders erinnere ich mich an Franz Josef Strauß. Der schickte 1975 nach dem SFB-Tatort „Tod im U-Bahn-Schacht“ dem Intendanten ein Fernschreiben und bezeichnete den Krimi darin als „Banditenfilm aus Montevideo mit Bordelleinlage“ und verdonnerte gleich das ganze Genre. Wir haben darüber Tränen gelacht.

Der „Tatort“ ist heute ein Sammelbecken für erstklassige Schauspieler. War das am Anfang anders?
Das war immer schon so. Über die Jahrzehnte haben wir alle kriegen können, die wir wollten. Denken Sie nur an Curd Jürgens oder Agnes Fink. Es hat sich nie jemand dagegen gesperrt.

Gab es in all den Jahren auch mal eine Phase, in der Sie dachten, jetzt geht's zu Ende mit dem „Tatort“?
Es gab Phasen, in denen ich deprimiert war, weil nacheinander eine ganze Reihe von schlechten „Tatorten“ liefen. Anfang der Achtzigerjahre gab es die Folge „Der gelbe Unterrock“ – da dachte ich: So etwas darf einfach nicht passieren. Aber ich dachte auch: Es kann immer Hochs und Tiefs geben, und es wird sicher wieder aufwärtsgehen.

Es gab auch mal Überlegungen, den „Tatort“ von 90 auf 45 Minuten zu verkürzen.
Darüber könnte ich mich heute noch aufregen. Das kam irgendwann in den Achtzigerjahren aus dem Kreis der Programmdirektoren. Und es wäre mit Sicherheit der Tod des „Tatort“ gewesen, dagegen habe ich mich mit aller Macht gewehrt. Aber daran sieht man auch, dass die Programmdirektoren keine Ahnung hatten. Es ist doch ein ganz wesentlicher Bestandteil des Erfolges, dass der „Tatort“ in Form von einzelnen richtigen Filmen kommt. Insofern sind die 90 Minuten zwingend. Für formatierte Serien wie „Derrick“ ist der kürzere Umfang dagegen angemessen.

Nach fast 40 Jahren „Tatort“ – wer ist Ihr absoluter Lieblingskommissar?
Die interessanteste und mir auch nahestehendste Figur ist und bleibt Schimanski. Das soll nicht heißen, dass ich etwas vom Schimanski habe, ich bin ja eher der Thanner-Typ. Aber ich fand die beiden als Paar einfach wunderbar und ihre Dialoge großartig.

Und welche aktuellen Ermittler gefallen Ihnen?
Ich mag weiterhin Bär und Behrendt in Köln, und ich bin ein Fan des Münsteraner „Tatort“. Bei diesen Folgen lache ich mich kaputt. Aber trotzdem kann man auch die Fälle als solche ernst nehmen. Ich finde sogar, dass Thiel und Boerne von den Storys und der Komödiantik her durchaus vergleichbar sind mit Schimanski und Thanner. Solche komischen Paare gibt es ja auch im wirklichen Leben.

Es gab früher jede Menge Eintagsfliegen bei den Kommissaren, die einmal und nie wieder im „Tatort“ auftauchten.
Das war überwiegend bei den kleinen Sendern, die anfangs nur einen „Tatort“ pro Jahr ausstrahlten. Etliche Schauspieler sagten: Wenn ich „Tatort“ spiele, habe ich da nur einmal im Jahr eine Rolle und werde für andere Produktionen nicht besetzt, weil die Leute sagen: Du bist ja „Tatort“-Kommissar. Das konnte ich gut verstehen, die gruben sich ja selbst das Wasser ab. Einer, der vier „Tatorte“ im Jahr dreht, kann damit leben und in Kauf nehmen, dass er in anderen Filmen weniger vorkommt.

Heute sind „Tatort“-Kommissare wie Klaus J. Behrendt, Axel Prahl oder Axel Milberg in jeder Menge anderer Rollen zu sehen.
Mit Behrendt hatte ich seinerzeit eine lange Diskussion, ob er auch andere Rollen annehmen darf. Damals waren wir mit den Gagen sehr restriktiv, nachdem uns die Privatsender in einen Gagen-Höhenflug mitgeschleppt hatten. Wir haben uns dann darauf geeinigt, dass er im deutschen Fernsehen zwar andere Rollen, aber keine anderen Ermittler spielen darf.

Sie sind heute 74. Glauben Sie, dass der „Tatort“ Sie überlebt, selbst wenn Sie 100 werden?
Ja, vorausgesetzt die ARD lebt dann noch.


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