Serie 50 Jahre 1968 Anfänge der Frauenbewegung: Weiber, Worte und Tomaten

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Osnabrück. 1968 legte auch den Grundstein für die Frauenbewegung, ohne die beispielsweise eine weibliche Kanzlerin in Deutschland nie denkbar gewesen wäre. Doch die Zeiten waren kompliziert. Sogar ein simpler Hosenanzug konnte einen Skandal auslösen.

Ausgerechnet Marx! Hätten sich doch die revolutionsbegeisterten 68er lieber einen anderen Lieblingsautor gesucht. Denn auch wenn Karl Marx unverwüstlich-zeitlose Meilensteine wie „Das Kapital“ verfasst hat, so stammen von ihm auch Zeilen, die weniger konsensgeeignet scheinen. Zum Beispiel diese: „Das Verhältnis des Mannes zum Weib ist das natürlichste Verhältnis des Menschen zum Menschen.“ Allein die Wortwahl zaubert gleichberechtigten, genderaffinen Menschen unserer Zeit Empörungsfalten auf die Stirn.

Dreisatz: Kinder, Küche, Kirche

Damals aber war die nachgeordnete Position der Frau Zeitgeist: Für sie galt der Dreisatz Kinder, Küche, Kirche, Rollenbilder waren zementiert, Ziel junger Frauen hatte es zu sein, eine gute Ehefrau, Hausfrau und Mutter zu werden. Und selbstverständlich hatten sie sich dem Mann unterzuordnen, sie durften beispielsweise nicht ohne die Erlaubnis ihrer Ehemänner arbeiten gehen.

Andere, alternative Lebenskonzepte passten nicht in die autoritäre, kleinbürgerliche Gesellschaft, in der überdies viele Positionen immer noch von Altnazis besetzt waren. Die Bereitschaft, Krieg und Nationalsozialismus und die damit verbundenen Gräuel aufzubereiten, ging gegen null. Ähnliches galt für die Bereitschaft der Männer, sich am Haushalt zu beteiligen oder gar zuzulassen, dass ihre Frauen sich emanzipierten. Doch die Welt war im Wandel.

Nur ein Viertel der Studenten waren Frauen

Legt man den herrschenden Zeitgeist zugrunde, ist es kaum verwunderlich, dass der Protest, ja die ganze studentisch getriebene 68er-Bewegung eine eher männliche Veranstaltung war. Auch die Statistik spricht dafür: Gerade mal ein Viertel aller eingeschriebenen Studenten, die Keimzelle der Revolte, war weiblich. Den philosophischen Überbau lieferte Karl Marx. Der war im Jahr 1968 zwar schon 85 Jahre tot, doch dessen Bücher sich ließen sich herrlich aussagekräftig unterm Arm herumtragen. Inhaltlich prangerte er die Ausbeutung an, widmete sich dem Hauptwiderspruch von Kapital und Arbeit, befeuerte revolutionäre Sehnsüchte. In seine Analysen schloss er Frauen zwar stets mit ein, beschrieb sie sogar als doppelt unterdrückt: ausgebeutet durch die Industrie und ausgebeutet durch unbezahlte Arbeit zu Hause. Doch dass Frauen eine eigene politische Agenda bräuchten, das hatte der große Marx nicht vorgesehen. Und der Großteil der 68er ebenfalls nicht, die mächtige Außerparlamentarische Opposition (Apo) und den elitären Sozialistischen Studentenbund (SDS) eingeschlossen.

Skandalträchtige Rede in Frankfurt

Dies sollte nicht unwidersprochen bleiben. Am 13. September 1968, einem Freitag, war es soweit: Die Filmstudentin Helke Sander, die Anfang des Jahres in Berlin den „Aktionsrat zur Befreiung der Frauen“ gegründet hatte, sprach in Frankfurt am Main vor der 23. Delegiertenkonferenz des SDS. Sanders warf den Anwesenden die Verdrängung der Geschlechterproblematik vor und schilderte eindrücklich die Nöte der Frauen, insbesondere derer mit Kindern. Konkret skizzierte Sander die Problematik im Umgang der Geschlechter miteinander, ein Phänomen, das auch innerhalb des SDS zutage trat: „Die Hilflosigkeit und Arroganz, mit der wir hier auftreten müssen, macht keinen besonderen Spaß“, erklärte die damals 31-jährige alleinerziehende Mutter eines Sohnes. „Hilflos sind wir deshalb, weil wir von progressiven Männern eigentlich erwarten, dass sie die Brisanz unseres Konfliktes einsehen. Die Arroganz kommt daher, dass wir sehen, welche Bretter ihr vor den Köpfen habt. (...) Diese Verdrängungen wollen wir nicht mehr mitmachen.“

Mehr Kinderläden! Mehr Diskurs!

Sander forderte, sich für Kinderläden zu engagieren, um Frauen mehr Zeit zu geben. Und sie verlangte eine grundsätzliche Debatte über das Geschlechterproblem: „Wenn ihr zu dieser Diskussion, die inhaltlich geführt werden muss, nicht bereit seid, dann müssen wir allerdings feststellen, dass der SDS nichts weiter ist als ein aufgeblasener konterrevolutionärer Hefeteig. Die Genossinnen werden dann die Konsequenzen zu ziehen wissen.“

Tomaten in der Hinterhand

Und tatsächlich: Weil Sanders Redebeitrag ausgerechnet der letzte vor der Mittagspause war, schien ein Diskurs unwahrscheinlich und schon im Keim zu ersticken. Doch Sigrid Rüger, wie Sander aus Berlin angereist, war vorbereitet: Ohne, dass Sander davon wusste, hatte sie Tomaten mitgebracht, und die warf sie nun kurzerhand auf die – männlichen – Sitzungsleiter. Weiber, Worte und Tomaten – die Revolte in der Revolte war perfekt. Bis heute gelten Sanders Kampfrede und Rügers Tomatenwurf als Initialzündung der Frauenbewegung.

Der Startschuss war laut und als Weckruf überall im Land zu hören: Mehr und mehr Weiberräte bildeten sich, Kinderläden wurden gegründet und hatten regen Zulauf. Zugleich flammten überall Debatten auf, wie das Patriarchat überwunden werden könne, welche Erziehung für die Kinder denn wohl die beste sei und wie man überhaupt miteinander leben könnte und wollte. Debatten, die bis heute stattfinden. Das Private war endgültig politisch.

Wenige Vorzeige-Frauen

Dennoch ist die Liste der Frauennamen, die man heute mit dem Schicksalsjahr 1968 in Verbindung bringt, erstaunlich kurz. Ganz böse gesagt, lässt sie sich fast auf zwei Namen reduzieren: Gretchen Dutschke, des Studentenführers Ehefrau, und Uschi Obermaier, das schöne Model aus der Kommune 1. Und weder die eine noch die andere bot wirklich eine geeignete Blaupause für das, was wir heute mit dem Schlagwort Frauenbewegung titulieren. Gretchen Dutschke, die Amerikanerin in Deutschland, war zu sehr „die Frau an Rudis Seite“: belesen und engagiert in der Sache, aber keinesfalls eine Speerspitze im Kampf gegen die Unterdrückung der Frau durch den Mann.

Und Obermaier? Sie erfüllte zwar kurzzeitig als Freundin von Rainer Langhans, dem wuschelhaarigen Vorzeigekommunarden, Klischee und Wunschbild der selbstbestimmten Frau. Doch am Ende war auch sie schlicht zu unpolitisch, um als politisches Vorbild ernstgenommen zu werden.

Brennende BHs und sehr, sehr kurze Röcke

Doch natürlich gab es Vorbilder, weiter zurückliegend etwa Clara Zetkin, die einst das Wahlrecht und den Frauentag erstritten hatte. Oder die Frauenrechtlerinnen in den USA, die ab Mitte der 60er-Jahre für Furore sorgten, indem sie ihre Büstenhalter demonstrativ in die Höhe hielten und teilweise sogar verbrannten – als Sinnbild ihrer Befreiung. Oder die Bewegung „Dolle Mina“, die in den Niederlanden gegen Unterjochung kämpfte. Ein Übriges tat der Minirock, der nicht nur Beinfreiheit versprach, sondern auch selbstbewusstes, weibliches Statement war. Und nicht zu vergessen die Einführung der „Pille“, die es Frauen ermöglichte, angstfrei ihre Sexualität zu entdecken.

Deutschlands berühmteste Feministin

Und eben der Tomatenwurf, wobei auch die Namen Helke Sander und Sigrid Rüger heute nur noch wenig präsent sind. Der von Alice Schwarzer dafür umso mehr. Deutschlands berühmteste Feministin erlebte das Jahr 1968 als junge, angehende Journalistin in Düsseldorf. „Auch ich verfolgte mit heißem Herzen die zunehmenden politischen Proteste“, schreibt Schwarzer 2008 in ihrer Rückschau „Mein persönliches 1968“. Doch „das Dorf an der Düssel“ sei nicht gerade eine „Hochburg der Studentenbewegung“ gewesen, erinnert sie sich. „Die einzigen, die da Action machten, waren die KunststudentInnen unter der Ägide von Joseph Beuys.“

Frankreichs Frauenbewegung

Dennoch beteiligte sich die in ihrem Volontariat eingespannte Schwarzer, ging auf Demonstrationen (sofern es welche gab), sprach sogar im Mai 68 bei einer Schlusskundgebung. Erst 1969 landete Schwarzer in Frankfurt, einer „Hochburg der Studentenrevolte“. Doch als Redakteurin des Apo-Organs „Pardon“, Vorläufer der „Titanic“, fühlte sie sich fremd, zum einen, weil sie „der erste und letzte weibliche Journalist in dieser Redaktion“ war, zum anderen, weil sie die frauenfixierten, sexuell aufgeladenen Titelbilder und insbesondere die Debatten darum ablehnte.

Schon bald zog es Schwarzer zurück nach Frankreich, wo die Frauenbewegung deutlich aktiver, auch weniger dogmatisch war und wo Schwarzer die Osterunruhen 1968 nach dem Schuss auf Benno Ohnesorg erlebt hatte.

Kampf gegen Paragraf 218

Schwarzers öffentlicher und auch öffentlichkeitswirksamer Kampf für die Frauenrechte und namentlich gegen den Paragrafen 218, der Abtreibung unter Strafe stellte, begann in Deutschland 1971, und zwar mit der spektakulären „Stern“-Aktion „Wir haben abgetrieben“. Die Aktion markierte einen Startschuss, eine weitere Initialzündung für die Frauenbewegung in Deutschland. „Und ich? Ich fuhr nach getaner Aktion im Mai 1971 zurück nach Paris, wo mein Leben, meine Frauenbewegung und meine Arbeit auf mich warteten und zog erst 1974 zurück nach Deutschland“, erinnert sich Schwarzer.

„Regelrechter Kulturschock“

Nach ihrer Rückkehr fand sie zwar bewegte Frauen vor, doch von gänzlich anderer Art, als sie gehofft hatte: „Als ich da zum ersten Mal ins Frauenzentrum Hornstraße ging, erlitt ich einen regelrechten Kulturschock. So konnte Frauenbewegung also auch aussehen: Meldung zur Geschäftsordnung, Kassenwartin, Schulung. Und noch immer gaben die Post-68erinnen den Ton an, die meisten inzwischen zu heimlichen Trotzkistinnen oder Maostinnen und Mitgliedern in K(ommunistischen)-Gruppen oder SEDlerinnen mutiert. (...) Die wahren Feministinnen hatten es schwer, in diesen meist straff geführten „Kollektiven“ ihre Stimme zu erheben.“

Kritisch und unbequem

Doch Schwarzer kämpfte, schrieb Bücher und Artikel, organisierte Aktionen wie die „Rock-Parties“ für Frauen und gründete 1977 die feministische Zeitschrift „Emma“. Im gleichen Jahr kippte das Gesetz, das Frauen die Aufnahme einer Arbeitsstelle nur dann erlaubte, wenn der Ehemann einverstanden war. Auch der Paragraf 218 ließ sich nicht halten und wurde mehrfach überarbeitet und entschärft. Und in gleichem Maße, wie Schwarzer zur bekanntesten Feministin im Land avancierte, so wurde sie auch die umstrittenste. Ihre schneidende, unbequeme Kritik traf nicht nur, aber immer wieder auch Frauen: „Daran hat man diese pseudofeministischen Funktionärinnen der Frauenfrage immer gleich erkannt: an ihrer Stellvertreterpolitik. Sie sprachen grundsätzlich von „den Frauen“ – wir hingegen sprachen von „uns Frauen“. Endlich“, ätzte Schwarzer.

Verkrustetes System

Doch der Anfang war gemacht, die Bälle waren ins Rollen geraten, das Ziel einer gleichberechtigten Gesellschaft ins Visier genommen. Allerdings sollte es noch dauern, bis harten Krusten des Systems endgültig aufbrachen und bis die Frauen sich all das erstritten hatten, was heute so selbstverständlich scheint.

Skurrile Skandale

Immer wieder gab es Rückschläge und Skandale, auch skurrile: So kam es 1970 zu einem denkwürdigen Eklat auf dem männerdominierten politischen Parkett, als die SPD-Bundestagsabgeordnete Lenelotte von Bothmer eine Mutprobe der besonderen Art wagte: Die Hannoveranerin schritt am 14. Oktober 1970 in einem eleganten, hellbeigen Hosenanzug in den Bonner Plenarsaal, trat ans Rednerpult und hielt als allererste Frau im Hosenanzug im Parlament eine Rede. Und das, obwohl Bundestagsvizepräsident Richard Jaeger, ein CSU-Mann, zuvor gewettert hatte, er werde es niemals zulassen, dass eine Frau in einem solchen Aufzug dort sprechen werde.

Sturm der Entrüstung: „Würdeloses Weib!“

Von Bothmer, die mit dem Todesstrafen-Befürworter Jaeger schon lange überkreuz lag, dachte darüber nach, kaufte sich einen Hosenanzug – und provozierte einen Sturm der Entrüstung, der sie selbst überraschte. Sie sei ein „unanständiges, würdeloses Weib!“, zeterte ein namenloser Briefeschreiber. Von diesem Tag an sollte es noch genau 35 Jahre, ein Monat, eine Woche und zwei Tage dauern, bis die CDU-Politikerin Angela Merkel als erste deutsche Bundeskanzlerin vereidigt wurde. Ihr Markenzeichen: der Hosenanzug.


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