Fragen an das Umweltbundesamt Was tun, bevor die Welt im Plastikmüll erstickt?

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Osnabrück . Es ist ein erschreckendes, aber leider nicht unrealistisches Szenario: Die Welt erstickt langsam aber sicher im Plastikmüll. Vor allem in den Meeren sammeln sich gigantische Mengen an. Bis zu 13 Millionen Tonnen sollen es weltweit sein - Jahr für Jahr. Es ist höchste Zeit, dass die Menschen ihr Konsumverhalten verändern, fordern Experten wie Maria Krautzberger, die Präsidentin des Umweltbundesamtes.

Die Bilder sind erschreckend: In Thailand starb unlängst ein Wal, der 80 Plastiktüten im Magen hatte. Es gibt kaum mehr eine Meeresregion, in der nicht massenhaft Plastikmüll angeschwemmt wird. Sogar im arktischen Meereis haben Forscher Mikroplastik nachgewiesen. Im Pazifik schwimmt zwischen Hawaii und Kalifornien ein Müllstrudel viermal so groß wie Deutschland. Und dann sind da auch noch die wachsenden Müllhalden an Land, die ebenfalls zu einem großen Teil aus Plastik bestehen, einem Material, das in der Natur Jahrtausende übersteht.

Geht es im bisherigen Tempo weiter, wird die Erde bis zur Mitte des Jahrhunderts mit zwölf Milliarden Tonnen Plastikmüll überschwemmt sein, heißt es beim Umweltprogramm der Vereinten Nationen (Unep). Demnach sind weltweit bislang nur neun Prozent des jemals hergestellten Plastiks recycelt worden.

Einige Länder wie Deutschland sind da aktuell schon weiter. Doch auch hierzulande ist bei der Wiederverwertung und vor allem der Abfallvermeidung noch viel Luft nach oben, wie Maria Krautzberger vom Umweltbundesamt sagt. Im Interview mit unserer Zeitung erläutert sie, was die Politik tun muss - und was jeder einzelne tun kann. Ihre wichtigste Botschaft: „Mehrweg ist die bessere Alternative.“ Noch besser sei es, wenn erst gar kein Müll anfällt.

Frau Krautzberger, das Thema Plastikmüll beschäftigt mittlerweile sogar G7-Gipfeltreffen. Ein Teil der Industriestaaten hat sich zum Ziel gesetzt, bis 2040 sämtliche Plastikprodukte dem Recycling zuzuführen. Wo stehen wir beim Plastik-Recycling heute in Deutschland, Europa und der Welt? Und wie realistisch ist das G7-Ziel?

Ich bin sehr froh, dass Recycling jetzt auch ein Thema auf dem internationalen Parkett ist. Recycling schont die Ressourcen, hilft beim Klimaschutz und es landet weniger Müll in der Umwelt. In Deutschland stehen wir mit einer Recyclingrate von knapp 40 Prozent bei Verbraucherverpackungen im internationalen Vergleich nicht schlecht da, aber natürlich haben auch wir noch deutlich Luft nach oben. Alles in den gelben Sack zu werfen reicht auch nicht. Kunststoffprodukte müssen leicht zu recyceln sein – man muss also schon beim Produktdesign das Lebensende mit in den Blick nehmen. Und wir müssen die Nachfrage nach Rezyklaten stärken. Sonst ist der Anreiz natürlich gering, überhaupt zu recyceln. Ohne diese Schritte ist das G7-Ziel in weiter Ferne.

Nimmt Deutschland in Sachen Plastikmüll und Umweltschutz eine Vorreiterrolle ein?

In Deutschland produzieren wir im europäischen Vergleich sehr viel Müll pro Kopf. Andererseits gibt es in Deutschland weniger Plastikmüllverschmutzung in der Umwelt: Durch die dualen Systeme werden Hersteller an den Entsorgungskosten von Verpackungen beteiligt, es gibt ein Pfandsystem für Getränkeverpackungen - dadurch gibt es bei uns fast keine PET-Flaschen in der Umwelt – und unser Recycling-System ist gut ausgebaut. Durch das Verpackungsgesetz, das im nächsten Jahr in Kraft tritt, sollen zudem gut recycelbare Verpackungen gefördert werden. Aber im Vergleich zu Materialien wie Papier (82 Prozent) sind die Recyclingraten für Plastik (38 Prozent) nicht sehr hoch. Auch sehe ich mit Sorge, dass immer weniger Getränke in Mehrwegflaschen verkauft werden.

Weltweit landen jährlich bis zu 13 Millionen Tonnen Plastikmüll in den Meeren. Welche Tierarten sind besonders gefährdet? Und welches sind die größten Risiken für Menschen?

Wir alle kennen die erschreckenden Meldungen von Walen, die an großen Mengen von verschlucktem Plastik verenden. Da Kunststoffe selbst in abgelegenen Meeresgebieten zu finden sind und dort sehr lange Zeit verbleiben, sind direkt und indirekt die meisten Tierarten, die im und am Meer leben, von den Auswirkungen betroffen. Bei einigen Tierarten gibt es alarmierende Zahlen: so sind etwa alle Schildkrötenarten gefährdet, sich in Meeresmüll zu verheddern oder ihn zu verschlucken. Aber auch zahlreiche Fische, Seevögel und Meeressäuger verwechseln Kunststoffteile mit Nahrungsmitteln oder kommen nicht aus Fischernetzen los, die herrenlos im Meer umhertreiben. Wir riskieren, dass wir die einzigartigen Meeresökosysteme für die kommenden Generationen zerstören – das ist das größte Risiko. Welche gesundheitlichen Risiken sich daraus ergeben, dass Fische und Meeresfrüchte Mikroplastik enthalten können, können wir derzeit nicht bewerten.

Die EU will Einmalgeschirr, Strohhalme und Wattestäbchen aus Plastik verbieten. Ein richtiger Schritt? Oder nur Symbolpolitik?

Absolut richtig und wichtig. Plastikgabeln, Strohhalme und Flaschenverschlüsse finden wir seit Jahren in großer Zahl an europäischen Stränden. Sie sind ein Ärgernis für viele Menschen und eine Bedrohung für unsere Meeresumwelt. Jeden Vorschlag zur Eindämmung dieses Plastikmülls kann ich nur begrüßen. In dem Vorschlag steckt übrigens noch viel mehr als die plakativen Verbote: zum Beispiel soll, wer Einwegplastik produziert, an den Kosten der Abfallbeseitigung beteiligt werden und Verbraucher über die negativen Umweltfolgen aufklären. Klar ist: wir müssen hier einen gemeinsamen europäischen Ansatz finden. Meeresmüll ist ein grenzüberschreitendes Problem, das wir nur gemeinsam mit unseren Nachbarn angehen können.

Welche weiteren Plastikprodukte und -Verpackungen gehören verboten? Und wie könnte man sie ersetzen?

Wir müssen das Bewusstsein dafür schärfen, Einweg möglichst durch Mehrweg zu ersetzen, wichtig ist auch die geordnete Sammlung und Verwertung. Für viele Produkte, zum Beispiel Plastikflaschen oder Plastiktüten, gibt es ja gute Mehrwegalternativen, die viele Male benutzt werden können. Das ist in der Regel der umweltfreundlichste Weg. Wenn Plastikprodukte aber durch andere Einwegmaterialien ersetzt werden, wird es schon schwieriger: Die Alternativen sind nicht immer besser für die Umwelt. Verbote alleine reichen deswegen nicht aus, das sehen wir an den aktuellen Zahlen zu Plastiktüten: Der Verbrauch ist zwar deutlich gesunken, aber stattdessen werden mehr Papiertüten verbraucht, die bei Einmalnutzung auch nicht umweltfreundlicher sind. Einfach weil bei der Produktion viel CO2 produziert wird, das ist nicht gut. Die bessere Alternative heißt auch hier: Mehrweg!

Wie könnten Mehrwegverpackungen stärker gefördert werden? Und was halten sie von einer Plastiksteuer?

„Prinzipiell sind die ökonomischen Anreize, die Umwelt zu schützen, nach wie vor schwach ausgeprägt. Darum ist es sinnvoll, über eine solche Steuer nachzudenken. Allerdings kommt es hier auf die genaue Ausgestaltung an: Welche Kunststoffe sollen besteuert werden? Inwiefern werden die Recyclingfähigkeit oder andere ökologische Aspekte beachtet? Kann eine solche Steuer zur Verpackungsvermeidung beitragen? Wie kann sichergestellt werden, dass möglichst hochwertig recycelt wird, und Europa nicht von Parkbänken aus gemischten Kunststoffabfällen überschwemmt wird, die wir dann letztlich selbst nicht weiter recyceln können? Oder wäre vielleicht eine Abgabe auf alle Verpackungsmaterialien sinnvoll? Sie sehen, hier sind noch viele Fragen offen.

Worauf sollte der Verbraucher im Alltag achten?

Am besten ist es, wenn Müll gar nicht erst anfällt. Ein Beispiel passend zur Jahreszeit: Das Eis schmeckt in der Waffel genauso gut wie im Becher, und Sie produzieren damit keinen Müll. Auf unnötige Verpackungen sollten die Verbraucherinnen und Verbraucher also von vornherein verzichten. Und sie können darauf achten, Verpackungen mehrfach zu verwenden. Es gibt so viele praktische und wiederverwendbare Flaschen und Becher aus Edelstahl oder Glas, dass es oft keinen Grund mehr gibt, Wasser in Plastikflaschen zu kaufen oder seinen Kaffee im kunststoffbeschichteten Einwegbecher mitzunehmen. Und natürlich sollten die Kunststoffabfälle recycelt werden, und nicht in der Restmülltonne oder in der Umwelt landen.


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