Kritische Bilanz des Aufbaus Grünen-Experte fordert mehr Engagement in Afghanistan

Von Uwe Westdörp

Einsatz in Afghanistan: Ein US-Soldat überwacht das Geschehen am Boden bei Kilagay in Nord-Afghanistan am 21.11.2011 an Bord eines US-Kampfhubschraubers des Typs Black Hawk. Foto: dpaEinsatz in Afghanistan: Ein US-Soldat überwacht das Geschehen am Boden bei Kilagay in Nord-Afghanistan am 21.11.2011 an Bord eines US-Kampfhubschraubers des Typs Black Hawk. Foto: dpa

Osnabrück. Die USA haben eine kritische Bilanz ihrer Wiederaufbaubemühungen in Afghanistan gezogen. Der Grünen-Außenexperte Omid Nouripour plädiert trotzdem dafür, dass die internationale Gemeinschaft an ihrem militärischen und zivilen Einsatz in dem Land festhält.

Nouripour sagte unserer Redaktion: „Es ist ganz viel erreicht worden in Afghanistan, zum Beispiel beim Aufbau des Gesundheitswesens.“ Aber das Erreichte müsse abgesichert werden durch einen Staat, „der funktioniert und dem die Menschen vertrauen können“. An dieser Aufgabe sei die Weltgemeinschaft bisher gescheitert. „Da muss noch sehr viel mehr kommen, nicht nur von den USA, sondern auch von Deutschland und anderen“, forderte Nouripour mit Blick auf einen US-Bericht, in dem die USA ihre Aufbaubemühungen von 2001 bis 2017 als „weitgehend gescheitert“ bezeichnen.

Der Grünen-Bundestagsabgeordnete kritisierte, es sei zu viel Geld ins Land geflossen, ohne es an Projekte zu binden. Das müsse sich dringend ändern, sagte Nouripour unter Hinweis auf „Warlords und ihre Netzwerke“, die dem Aufbau einer Zivilgesellschaft im Weg stünden.

Washington habe seine Fähigkeit, Regierungsinstitutionen aufzubauen und zu reformieren, erheblich überschätzt, hatte zuvor der Generalinspekteur des US-Senats für den Wiederaufbau in Afghanistan (Sigar), John Sopko, in einem in Washington vorgestellten Bericht festgestellt. Die US-Regierung und das US-Militär hätten viel zu viel Geld viel zu schnell in einem Land ausgegeben, das schlecht darauf vorbereitet gewesen sei. Das habe der Korruption Tür und Tor geöffnet.

Viele Projekte, die zudem mit zu wenig Fachwissen umgesetzt worden seien, hätten mehr geschadet als geholfen. Sie hätten in der Bevölkerung „Könige der Patronage“ geschaffen. Marginalisierte Afghanen hätten „natürliche Verbündete“ in den Taliban gefunden, heißt es in dem Bericht. Er konzentriert sich auf die „Stabilisierungsbemühungen“ von Militär und zivilen Helfern für unsichere Gegenden und ist der vierte in einer Serie sogenannter „Lehren“ (Lessons Learned), die Sigar in den vergangenen Monaten zu dem mehr als 16-jährigen Hilfs- und Militäreinsatz vorgestellt hat.

Erst am Mittwoch hatte das US-Militär eingeräumt, dass die neue aggressive Afghanistan-Strategie der USA bisher kaum erfolgreich ist. In seinem vierteljährlichen Bericht an den Senat schrieb der Generalinspekteurs für den US-Einsatz, die Taliban kontrollierten mittlerweile 14,5 Prozent der afghanischen Bezirke und zwölf Prozent der Bevölkerung. „Verfügbare Daten zeigen nur wenige Zeichen von Fortschritt“, warnte Generalinspekteur Glenn Fine.

Gleichzeitig sei die Zahl der afghanischen Soldaten und Polizisten zwischen Januar und Ende März wegen Desertierungen, Todesfällen und Verletzungen weiter geschrumpft - auf mittlerweile elf Prozent unter der offiziellen Stärke von 352 000 Mann. (mit dpa)


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