Flüchtlingsdebatte Terre des Hommes lehnt Unterbringung von Kindern in Anker-Zentren ab

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Ein Leben in der Warteposition: Rund 45 Prozent der Flüchtlinge in Deutschland sind Kinder und Jugendliche. Foto: S. Kahnert/dpaEin Leben in der Warteposition: Rund 45 Prozent der Flüchtlinge in Deutschland sind Kinder und Jugendliche. Foto: S. Kahnert/dpa

Osnabrück. Das Kinderhilfswerk übt in einem Brief an die Bundesregierung scharfe Kritik an den Plänen des Innenministers: „Das Kindeswohl muss Vorrang haben vor flüchtlingspolitischen Erwägungen“.

In der Debatte um Ankerzentren fordert das Kinderhilfswerk Terre des Hommes Bund , Länder und Kommunen auf, die Rechte und das Wohl von Kindern zu achten. „Auf Grundlage der bisher bekannten Pläne steht für uns fest: Ankerzentren werden keine geeigneten Orte für Kinder und Jugendliche sein“, sagte Terre des Hommes-Kinderrechtsexperte Thomas Berthold unserer Redaktion. In einem offenen Brief an die Bundesregierung sowie Städte und Gemeinden übt das Kinderhilfswerk gemeinsam mit 21 Verbänden und Organisationen massive Kritik an den Plänen von Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU): „Das Kindeswohl muss Vorrang vor flüchtlingspolitischen Erwägungen haben“. (Ankerzentren: Pistorius weist Vorwürfe der Union zurück)

In dem dreiseitigen Schreiben, das unserer Redeaktion vorliegt, heißt es, Ankerzentren böten weder eine bedarfsgerechte Versorgung von Heranwachsenden noch garantierten sie den Zugang zu - frühkindlicher - Bildung. Auch Spiel- und Freizeitmöglichkeiten seien nicht gewährleistet. Schon heute müsse man in einigen existierenden Aufnahmeeinrichtungen aufgrund fehlender baulicher Standards von einer „sogar das Kindeswohl gefährdenden Umgebung sprechen“, monieren die Kritiker in dem Brief. Terre des Hommes mahnt deshalb: „Die bayerischen Einrichtungen taugen grundsätzlich nicht als Vorbild“. Pädagogisch und rechtlich stehe es außer Frage, dass Kinder nicht nur besonderen Schutz benötigen, sondern ihnen elementare Rechte nicht vorenthalten werden dürften.

Rund 45 Prozent der Geflüchteten in Deutschland sind minderjährig. Kinder und Jugendliche sind demnach die größte Einzelgruppe unter den aus ihrer Heimat vor Krieg und Terror geflüchteten Menschen.

Im Widerspruch zur Jugendhilfe

Die Abkürzung „Anker“ steht für „Ankunft, Entscheidung, Rückführung“. Die Große Koalition im Bund hat vereinbart, bis zum Herbst 2018 in einer Pilotphase erste Ankerzentren einzurichten. In der Endausbaustufe sind laut Bundesinnenministerium bundesweit 40 solcher Großaufnahmestellen geplant. Dort sollen Asylbewerber unterkommen, bis sie in beschleunigten Verfahren auf Kommunen verteilt oder aber in ihr Herkunftsland abgeschoben werden. Viele Bundesländer lehnen die Ankerzentren ab.

Mit Blick auf unbegleitete minderjährige Flüchtlinge mahnen die Kinderschützer in dem Brief an das Bundesinnenministerium: „Kinder ohne Eltern oder Personensorgeberechtigte haben in Einrichtungen mit unzureichendem Schutz und fremden Erwachsenen nichts verloren.“ Die geplante Unterbringung von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen in Ankerzentren widerspreche dem Vorrang der Kinder- und Jugendhilfe.

Neben Terre des Hommes haben unter anderem das Deutsche Kinderhilfswerk, der Flüchtlingsrat Niedersachsen sowie die AWO, der Paritätischer Gesamtverband und das Netzwerk zur Umsetzung der UN-Kinderrechtskonvention den Brief unterstützt.


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