Absage auch an Robbenjagd Bundesumweltministerin: Windräder im Watt bleiben tabu

Von Beate Tenfelde

Der Offshore-Windpark „Nordsee 1“ vor der Insel Spiekeroog. „Es gibt genügend gute Flächen für Offshore-Windräder außerhalb der Schutzgebiete in Nord- und Ostsee“, findet die Bundesumweltministerin. Foto: Ingo Wagner/dpaDer Offshore-Windpark „Nordsee 1“ vor der Insel Spiekeroog. „Es gibt genügend gute Flächen für Offshore-Windräder außerhalb der Schutzgebiete in Nord- und Ostsee“, findet die Bundesumweltministerin. Foto: Ingo Wagner/dpa

Berlin. Wie wichtig ist das Watt? Muss wieder Jagd gemacht werden auf den Seehund? Gehört Mikroplastik in Haarshampoo verboten? Dazu im Interview Svenja Schulze, Bundesumweltministerin (SPD).

Frau Schulze, heute sind Sie in den Niederlanden bei einer Konferenz zum Schutz des Wattenmeers. Alles chic im Schlick?

Aber ja, und das soll auch so bleiben. Wer das Watt kennt, weiß: Schlick ist chic – beim Schutz dieser weltweit einzigartigen Naturlandschaft an der Nordseeküste arbeiten wir mit den Niederlanden und Dänemark eng zusammen. Völlig zu Recht wurde dieser Lebensraum für mehr als zehntausend Tier- und Pflanzenarten 2009 zum Weltnaturerbe erklärt.

Erklären Sie einem Städter, was wichtig im Watt ist, zum Beispiel für Vögel …

Für zehn Millionen Zugvögel ist das Wattenmeer ein Rastplatz auf dem Weg zwischen arktischen und afrikanischen Ländern. Daher ist auch die Kooperation mit diesen Regionen ein Schwerpunkt der heutigen Konferenz in Leeuwarden. Es reicht nicht, die Zugvögel im Watt zu schützen, das muss international vernetzt passieren. Im 40. Jahr der Trilateralen Wattenmeer-Zusammenarbeit der drei Nationen sind aber auch die Themen Meeresmüll und Nitratbelastung zentrale Herausforderungen. Deutschland wird bis 2022 die Präsidentschaft übernehmen und an diesen Themen arbeiten, die übrigens auch in der Europäischen Union ganz oben auf der Agenda stehen.

Wie geht’s dem Seehund, dessen Population wächst und wächst …

Durch den Schutz der Lebensräume in den Wattenmeer-Nationalparken hat sich der Seehund-Bestand tatsächlich gut erholt nach dem verheerenden Virenbefall in den 90er-Jahren. Etwa 38 000 Seehunde und 5500 Kegelrobben wurden 2017 im gesamten Weltnaturerbe Wattenmeer gezählt. Das ist das höchste Niveau seit Beginn der Zählungen im Jahr 1975.

Fischer klagen, dass ihnen die Robben und Seehunde die Fische wegfressen. Muss die Jagd auf sie wieder eröffnet werden?

Nein, Seehund und Robben sind streng geschützte Arten. Sie gehören zum Ökosystem Wattenmeer, und wir sind froh, dass sich die Bestände erholt haben. Der entscheidende Faktor für den schlechten Zustand vieler Fischbestände ist vor allem die Fischerei selbst.

Bundesumweltministerin Svenja Schulze ( SPD). Foto: imago/photothek

Wie viele Windkraftanlagen gibt es derzeit vor der Küste? Und werden sie irgendwann auch im Wattenmeer stehen?

Aktuell haben wir in Nord- und Ostsee rund 1000 Windkraftanlagen mit einer Leistung von insgesamt umgerechnet rund fünf Atomkraftwerken. Das wollen wir bis 2025 fast verdoppeln, um das Klima zu schützen. Aber dabei ist klar: Das Wattenmeer ist tabu für Windräder – und das soll auch so bleiben. Es gibt genügend gute Flächen für Offshore-Windräder außerhalb der Schutzgebiete in Nord- und Ostsee, um unsere Klimaziele zu erreichen. Und unsere Ingenieure sind gut in der Lage, auch weiter draußen im Meer erfolgreich Windparks zu bauen und zu betreiben. Bereits jetzt liegen die Anlagen im Durchschnitt 70 Kilometer vom Festland entfernt. Wir achten daher darauf, dass Windparks möglichst an solchen Orten und in solchen Jahreszeiten entstehen, wo sie Zugvögel oder Schweinswale möglichst wenig stören.

Nach der Vermüllung der Meere und Strände kommt auch Alarm aus dem gar nicht mehr ewigen Eis: Pro Liter Meereis zählten die Forscher über 12 000 Mikroplastikteilchen. Was tun?

Plastik hat unseren Planeten bereits massiv verändert, die Folgen sind unabsehbar. Wir müssen diese Plastikflut in der Umwelt dringend eindämmen. Was den Müll in den Meeren angeht, liegt der zentrale Hebel in den Entwicklungs- und Schwellenländern. Denen müssen wir helfen, bessere Sammel- und Recyclingsysteme aufzubauen. Aber auch hierzulande müssen wir besser werden: Indem wir überflüssiges Plastik vermeiden und das, was wir nicht vermeiden können, noch effektiver recyceln. Schließlich ist altes Plastik kein Müll, sondern ein Rohstoff, den man recyceln und nutzen kann – das tut auch unsere Wirtschaft bislang noch nicht genug.

Die EU arbeitet an einer Plastiksteuer…

Was die EU vorgeschlagen hat, ist keine Plastiksteuer, sondern ein Anreiz, den Recycling-Anteil am Verpackungsmüll zu erhöhen. Darüber kann man nachdenken. Wovon ich nichts halte, ist eine generelle Plastiksteuer nach der Rasenmäher-Methode, die Kunststoffe grundsätzlich um ein paar Cent teurer macht. Das würde der Umwelt nichts bringen, weil es keine Lenkungswirkung entfaltet: Soll man ein Kilo Einweg-Plastik wirklich genauso besteuern wie ein Kilo Kunststoff-Beschichtung für Windräder? Das zeigt doch, dass eine generelle Steuer der falsche Ansatz wäre.

Also Verzicht auf Einweggeschirr- und -Besteck und damit Einstieg in eine völlig neue Grillsaison?

Ich bin sicher nicht die Einzige, die sich an überquellenden Abfallkörben und Plastikmüll-Parks stört. In der Tat beschäftigt sich die EU-Kommission mit der Frage, ob wir bestimmte Plastik-Wegwerfartikel wirklich brauchen. Das finde ich gut, denn solche Fragen kann man im Binnenmarkt sinnvoll nur auf europäischer Ebene klären. Die Erfahrung zeigt, dass auch Verbote unsere Wirtschaft kreativer und unsere Umwelt besser machen können. Ich vermisse die alte Glühbirne jedenfalls nicht mehr, seit es sparsamne und lange haltebare LED-Lampen in allen Farben und mit allen möglichen Funktionen gibt.

Wollen Sie auch Mikroplastik verbieten?

Ja. Kein Mensch braucht Mikroplastik, und darum würde ich es sehr begrüßen, wenn wir ein europaweites Verbot bekämen. So lange arbeiten wir daran, die Industrie auch national zum Ausstieg zu bewegen. Bei Peelings und anderen Kosmetika haben wir das schon geschafft. Hier setzen die Hersteller jetzt Walnussmehl oder Mandelkleie statt Mikroplastik ein. Mein Ziel ist, dass die Industrie im nächsten Schritt auch bei Shampoo, Rasierschaum oder Haarspray auf Mikroplastik verzichtet.

Zum Schluss: Die Grundwasserverschmutzung durch Nitrat aus der Landwirtschaft gefährdet die Gesundheit vor allem von Babys. Laut EU ist in 28 Prozent der deutschen Messstationen der Nitratgehalt zu hoch. Wo genau?

Leider trifft es nahezu die gesamte Fläche der Bundesrepublik. Aber natürlich haben wir im Nordwesten Niedersachsens, im Münsterland und in Regionen mit Gemüseanbau besonders hohe Belastungen. Um das zu ändern, hilft eines: Weniger Gülle auf die Äcker. Mit der Novellierung der Düngeverordnung haben wir einige gute Ansätze, um die Nitrat-Belastung des Grundwassers zu senken. Allerdings dauert es lange, bis sich solche Effekte auch im Zustand des Grundwassers zeigen.

Im Juni will der Europäische Gerichtshof in der Nitrat-Frage urteilen...

Wenn der Europäische Gerichtshof uns verurteilen sollte, weil ihm die bisherigen Maßnahmen nicht reichen, dann müssen wir noch einmal ran an die Nitratreduzierung. Das Grundproblem ist und bleibt: Wir haben in manchen Regionen zu viele Tiere auf kleinem Raum. Ich treffe immer mehr Landwirte, die auch sehen, dass dies Grenzen hat. Ich meine, wir sollten Landwirte belohnen, die sich für Naturschutz und Landschaftspflege einsetzen. Es muss eine völlig neue Agrarpolitik geben, die Weichen werden jetzt gestellt.


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