Ministerin kritisierte Billigangebote Klöckner: Dumpingpreise für Fleisch ethisch nicht vertretbar

Von Dirk Fisser

Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner. Foto: dpaBundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner. Foto: dpa

Berlin. Rabattaktionen für Fleisch in Supermärkten? Geht gar nicht, findet Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU). Im Interview äußert sie sich auch zum Wolf und spricht sich für eine Regulierung des Bestandes aus.

Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner hat Rabattaktionen von Supermärkten für Fleisch und Milch als „ethisch nicht vertretbar“ kritisiert. Im Interview mit unserer Redaktion sagte die CDU-Politikerin: „Der Handel sagt mir immer, der Verbraucher sei nicht bereit, mehr für Lebensmittel zu zahlen. Doch wer Fleisch verramscht, der verstellt den Blick auf die Wertigkeit der Ware.“ Sie halte es nicht für richtig, dass im Bereich der Lebensmittel mit Dumpingpreisen geworben werde: „Dumpingpreise für Fleisch halte ich für ethisch nicht vertretbar.“ Tiere seien keine Wegwerfware, sondern Mitgeschöpfe. „Daher solle man Fleischpreise auch nicht als Lockmittel nutzen.“ 

Lesen Sie hier das Interview im Wortlaut:

Frau Klöckner, Sie haben die Pläne zum staatlichen Tierwohllabel ziemlich umgekrempelt. Unter anderem soll es bald drei Stufen auf der Fleischverpackung geben. Warum?

Unser Tierwohllabel bietet den Verbrauchern eine verlässliche Orientierung. Mit unserem dreistufigen Label nehmen wir alle Einkommen in den Blick. Die Verbraucher können zeigen, wie viel ihnen Tierwohl wert ist. Denn klar ist auch: Investitionen in mehr Tierwohl müssen sich für unsere Landwirte lohnen. Die Haltungsbedingungen im Stall werden über dem bislang gängigen Standard liegen. Hier reden wir beispielsweise über mehr Platz, mehr Auslauf oder besondere Beschäftigungsmöglichkeiten. Wir wollen das Tierwohl auf der Verpackung sichtbar machen, dem Bauern einen Anreiz geben mitzumachen, und dem Verbraucher eine unmissverständliche Orientierung im Supermarkt geben.

Es gibt viel Kritik und Verbesserungsvorschläge zu Ihren Labelplänen. Ein Punkt ist die Freiwilligkeit. Umweltschützer wie Bauernlobbyisten sprechen sich für ein Pflichtsiegel aus. Warum traut sich der Staat das nicht? 

Derartige Forderungen sind nicht zu Ende gedacht. Ein Pflichtlabel würde doch bedeuten, dass wir den gesetzlichen Mindeststandard mit einem Label auszeichnen müssten. Aber wir prämieren doch auch keinen Autofahrer, der stets bei Grün über die Ampel fährt und nicht bei Rot. Das Label dürfen diejenigen nutzen, die verbindlich und überprüfbar Tierwohl über dem gesetzlichen Standard einhalten. Ein weiterer Nachteil eines Pflichtlabels wäre, dass die Bundesregierung die Bauern bei ihren notwendigen Investitionen nicht finanziell unterstützen dürfte, wie zum Beispiel Stallumbauten. Denn was Gesetz wäre, müsste jeder einhalten, und das dürfte nicht gefördert werden. Mit unserer Tierwohlkennzeichnung bauen wir auf den guten Erfahrungen des ebenfalls freiwilligen Bio-Labels auf. Die Kriterien für die, die mitmachen, sind aber verbindlich!

Es gibt ein funktionierendes System, das bessere Haltungsbedingungen im Stall honoriert: die privatwirtschaftliche Initiative Tierwohl, die 2020 ausläuft. Ist es Zufall, dass genau dann Ihr Label an den Start gehen soll? 

Es braucht Zeit, bis das Labelfleisch beim Verbraucher im Warenkorb liegt. Wir schaffen jetzt die gesetzlichen Grundlagen für die Kennzeichnung. Dann müssen das Kabinett und der Bundestag zustimmen, bevor die Bauern Investitionen vornehmen und ihre Produktion anpassen können. Der Zeitplan, den ich mir gesetzt habe, ist durchaus ambitioniert. Wenn wir so weit sind, wird es – wie auch beim Bio-Label - eine Informationskampagne für die Verbraucher geben. Dafür haben wir 70 Millionen Euro vorgesehen.

Welchen Marktanteil soll das freiwillige Staatslabel denn erreichen? 

Da ist es jetzt zu früh für Prozentzahlen. Und es braucht seine Zeit, das wird nicht von heute auf morgen von Null auf 100 gehen. Aber es gibt massiv den Wunsch bei Verbrauchern, mehr Tierwohl auch auf der Verpackung erkennen zu können. Mit dem Label jedenfalls kann der Verbraucher den Anspruch beim Kauf in die Tat umsetzen. Ich sehe da schon eine gewisse Verpflichtung von uns allen, die Ansprüche, die wir an die Landwirtschaft stellen, auch zu honorieren. Wir sitzen da in einem Boot.


Blick in Fleischtheke. Foto: dpa


Die Supermarktketten aber nutzen doch gerade jetzt zum Auftakt der Grillsaison niedrige Fleischpreise als Lockmittel. Trügt Ihre Hoffnung Sie da nicht? 

Solche Rabattaktionen finde ich nicht richtig: Lebensmittel sind Mittel zum Leben. Sie sind das, was uns in Bewegung hält. Und hier wird dann mit Dumpingpreisen gearbeitet. Hier appelliere ich auch an die Lebensmittelketten und den Handel. Der Handel sagt mir immer, der Verbraucher sei nicht bereit, mehr für Lebensmittel zu zahlen. Doch wer Fleisch verramscht, der verstellt den Blick auf die Wertigkeit der Ware. Dumpingpreise für Fleisch halte ich für ethisch nicht vertretbar. Denn Tiere sind keine Wegwerfware, sondern Mitgeschöpfe. Daher sollte man Fleischpreise nicht als Lockmittel nutzen. Gleiches gilt auch für die Milch. Wir müssen gemeinsam daran arbeiten, dass Lebensmittel ihren Preis wert sind.

Die Deutschen essen etwa doppelt so viel Fleisch pro Kopf und Jahr wie Mediziner eigentlich empfehlen. Muss mehr Salat auf die deutschen Teller? 

Ich bin nicht die Ernährungs-Gouvernante der Nation, die den Bürgern vorschreibt, was sie zu essen haben und dann auch noch überprüft, ob sie sich auch genug bewegen. Die Verbraucher müssen wissen, was gut für sie ist. Dazu gehört der ganze Lebensstil und nicht nur ein einzelner Aspekt. Deshalb will ich die Ernährungskompetenz stärken – und zwar in allen Lebensphasen. Hier nehme ich besonders Kinder und Jugendliche in den Blick. Überdurchschnittlich viele Kinder sind übergewichtig. Es fehlt aber an ausreichend wissenschaftlichen Erkenntnissen zu dem Thema. Deshalb richte ich ein Forschungsinstitut für Kinderernährung ein, das Grundlagen erforscht, um effektive Politik zu gestalten.

Ein Dauerthema in den ländlichen Regionen ist der Wolf. Können Sie schon sagen, wie viele Nutztiere im vergangenen Jahr nachweisbar von Wölfen getötet worden sind? Und wie viele Wölfe in Deutschland leben? 

Mittlerweile leben in Deutschland circa 60 Rudel mit geschätzt rund 600 Tieren. Nach derzeitigen Entwicklungen wird mit einem weiteren jährlichen Zuwachs von 25 bis 35 Prozent gerechnet. Das ist ein Erfolg für den Artenschutz, und dieser fordert insbesondere die Nutztierhalter heraus. Immer wieder greifen Wölfe Nutztierherden an und reißen vor allem Schafe und Ziegen. Im Jahr 2016 wurden so mehr als 1000 Nutztiere durch Wölfe gerissen. Das dürfen wir nicht ignorieren.


Eine Aufnahme aus Baden-Württemberg. Hier soll ein Wolf mehrere Schafe gerissen haben. Foto: dpa


Dauerthema in den ländlichen Regionen ist der Wolf.  

Wir dürfen keinem allzu romantischen Bild des Wolfes hinterher hängen. Artenbestand ist richtig und wichtig, aber es gibt Regionen in Deutschland, in denen ist der gute Erhaltungszustand des Wolfes erreicht. Beispielsweise in den ostdeutschen Bundesländern oder in Teilen Niedersachsens. Wir müssen zu einem effektiven Wolfsmanagement kommen. Der Wunsch der Verbraucher nach Freilandhaltung wird immer größer und deshalb brauchen wir auch Lösungen für unsere Tierhalter, deren Tiere in Freilandhaltung in der Gefahr sind, von Wölfen gerissen werden.

(Weiterlesen: Wölfe töteten 2017 mehr als 500 Nutztiere in Norddeutschland)

Was heißt das? Wölfe in den Regionen abschießen? Dazu müssten Sie aber auch die EU überzeugen, den Schutzstatus des Raubtieres zu lockern.

Erst einmal brauchen wir ein klares Vorgehen innerhalb der Regierungskoalition. Die Union ist da ganz klar, aber wir warten noch auf die SPD. Auf der Agrarministerkonferenz hatte ich den Eindruck, dass das Thema auf Ebene der Länder pragmatischer gesehen wird. Ich sehe es als Aufgabe von Politik, die Realitäten vor Ort wahrzunehmen und das muss auch das Bundesumweltministerium erkennen. Für mich ist klar, dass Schutzmaßnahmen wie Zäune allein nicht ausreichen werden. Der Wolf ist lernfähig, er überwindet solche Hindernisse. Wir müssen über eine Regulierung reden.

Frau Klöckner, am 20. Mai findet der erste Weltbienentag statt. Was plant die Bundesregierung zum Schutz der Insekten?

Die Biene ist systemrelevant und damit gilt: Was der Biene schadet, schadet dem Landwirt und damit uns allen. Wir arbeiten an einer sehr umfangreichen Ackerbaustrategie für Deutschland. Das bedeutet beispielsweise mehr Blühstreifen auf Ackerflächen, aber auch die Reduktion des Einsatzes von Pflanzenschutzmitteln. Mein Ministerium investiert pro Jahr drei Millionen Euro in Forschung und Kampagnen zum Bienenschutz. Wir unterhalten ein eigenes Bieneninstitut. Die Biene soll es in Deutschland künftig wieder besser haben. Wir brauchen sie. Deswegen lenken wir am Weltbienentag die Aufmerksamkeit auf die große Bedeutung der Bienen als eines der wichtigsten Tiere in unserem Öko-System. Schließlich ist ihre geschätzte Bestäubungsleistung zwei Milliarden Euro. Ich freue mich, dass am 17. Mai auch mein slowenischer Amtskollege Dejan Židan zu Gast sein wird, der den Weltbienentag erstmals initiiert hat. An diesem Tag werden wir unsere ersten Bienenstöcke im Hofgarten des Landwirtschaftsministeriums aufstellen. Wir haben bereits bienenfreundliche Blumen angepflanzt. Ich habe auch alle anderen Ministerien und die nachgeordneten Behörden aufgerufen, auf ihren Außenflächen Bienenfutter zu pflanzen und so einen aktiven Beitrag zum Bienenschutz zu leisten. Wir alle können gemeinsam mehr tun. Auch die vielen kommunalen Unternehmen und der Bauernverband machen zum Beispiel mit. Dazu hat mein Ministerium umfangreiche Informationsmaterialien aufgelegt. Schauen Sie mal in unsere Bienen-APP. Das müssen uns die Bienen wert sein. Auch wenn sie klein sind, ihre Wirkung ist immens groß.