„Nicht nur für Flüchtlinge“ Lehrer wollen Wertekunde – aber für alle

Von Beate Tenfelde

Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes und Schulleiter des Robert-Koch-Gymnasiums in Deggendorf, wünscht sich mehr Demokratieerziehung für alle Kindern. Foto:dpaHeinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes und Schulleiter des Robert-Koch-Gymnasiums in Deggendorf, wünscht sich mehr Demokratieerziehung für alle Kindern. Foto:dpa

Berlin. Lehrerverbände lehnen den Vorstoß von CDU und CSU ab, für Kinder von Flüchtlingen gesonderte „Rechtsstaatsklassen“ einzuführen.

Der Deutsche Lehrerverband hat die Unions-Forderung nach verstärkter Werte- und Demokratieerziehung für Kinder aus Zuwandererfamilien zwar grundsätzlich begrüßt. „Dieser wichtige Bereich kommt in den bisherigen Willkommens-, Übergangs- und Sprachlernklassen oft zu kurz, weil der Fokus auf dem Deutschlernen liegt“, sagte Verbandschef Heinz-Peter Meidinger unserer Redaktion. Er hält aber wenig von einer Separierung dieses Unterrichts im Rahmen sogenannter „Rechtsstaatsklassen“ für Flüchtlingskinder, wie sie in einem Papier der Fraktionsvorsitzenden von CDU und CSU gefordert werden.

„Ich bin dafür, diesen Werteunterricht in den Gesamtlehrplan zu integrieren“, betonte der Gymnasiallehrer, der 170 000 Pädagogen vertritt. Auch bei den deutschen Schülern würden die Themen Grundgesetz, Rechtsstaatsprinzip und Demokratie „leider derzeit ganz kleingeschrieben“. Erst ab der 10. Klasse gebe es an den meisten Schularten Politikunterricht mit nur wenigen Schulstunden. Allerdings erfordere eine Ausweitung des Lehrplans Zusatzstunden, Zusatzlehrkräfte und eine entsprechende Fortbildung betroffener Lehrkräfte. „Zum Nulltarif ist das nicht zu haben“, erklärte Meidinger. Nach seinen Worten sehen sich manche Lehrkräfte auf diese spezielle Anforderung nicht ausreichend vorbereitet.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) lehnt die aus den Reihen von CDU/CSU geforderten „Rechtsstaatsklassen“ für Kinder von Flüchtlingen ebenfalls ab. „Das ist kontraproduktiv, weil die Schülerinnen und Schüler separiert statt integriert werden. Das Themenfeld kann im Sprachunterricht bearbeitet werden“, sagte die GEW-Bundesvorsitzende Marlis Tepe unserer Redaktion. Die GEW erwarte, dass die Bundesregierung das Recht auf Bildung für alle Kinder und Jugendlichen so schnell wie möglich umsetze. Dabei komme es darauf an, im gemeinsamen Unterricht Fragen von rechtlichen Normen, Ethik, Religionen und Werten zu behandeln. „In Deutschland muss über die Frage eines gemeinsamen Faches neu nachgedacht werden“, forderte Tepe. Zurzeit würden diese Fragen in Fächern wie Religion, Ethik, Gesellschaftskunde, Geschichte oder Philosophie bearbeitet. Kritisch bewertet die GEW-Chefin auch, dass geflüchtete Kinder und Jugendlichen derzeit erst nach einer längeren Wartezeit Schulunterricht bekämen. „Hier sind weitere Anstrengungen nötig“, forderte Tepe. Für Flüchtlingskinder sei bundesweit die „Beschäftigung mit dem deutschen Rechtssystem und der Werteordnung des Landes wichtig“, heißt es in einem Papier der Unions-Fraktionsspitzen, das zuvor bekannt wurde. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) äußerte sich zustimmend, verwies aber auf die Zuständigkeit der Länder.