NOZ-Agenda Ist Karl Marx wirklich noch aktuell oder wird er maßlos überschätzt?

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NOZ-Agenda zu „200 Jahre Marx- noch immer aktuell?“. Foto: Swaantje HehmannNOZ-Agenda zu „200 Jahre Marx- noch immer aktuell?“. Foto: Swaantje Hehmann 

Osnabrück. Kino-Film, Bücher und Dokumentationen: Der vor 200 Jahren geborene Philosoph und Revolutionär Karl Marx erlebt eine Renaissance. Sind seine Thesen wirklich wieder brandaktuell? Darüber stritten Experten und Politiker bei der NOZ-Agenda.

Warum soll man heute noch dicke Wälzer von Karl Marx lesen, die vor mehr als 150 Jahren zum ersten Mal erschienen sind? Weil Wirtschaftskrisen und wachsende soziale Ungleichheit zeigen, dass Marx‘ Krisentheorie des Kapitalismus alles andere als überholt ist. So argumentierten Experten bei der NOZ-Agenda zum Thema „200 Jahre Marx – noch immer aktuell?“ am Donnerstagabend. Auch wenn die Marx-Fans das Publikum auf ihrer Seite hatten, gab es doch Widerspruch auf dem Podium.

Politologe: Marx hätte viel zu sagen

„Marx könnte zur heutigen Situation in Deutschland viel sagen“, meinte der Berliner Politikwissenschaftler Michael Heinrich, der als einer der besten Marx-Kenner weltweit gilt und Spezialist für „Das Kapital“ ist. Seine Argumente: Die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich, steigende Mieten und prekäre Arbeitsverträge. „Das alles würde Marx überhaupt nicht überraschen“, sagte der Politologe unter Applaus der knapp 200 Zuhörer. „Denn das sieht er in der Logik des Kapitalismus.“ Und der beruhe auf Ausbeutung und Klassenherrschaft. Themen, die heute wie im 19. Jahrhundert die Menschen bewegten und dem Werk des vor 200 Jahren geborenen Philosophen und Revolutionärs Aktualität verliehen.

Linken-Politiker: Marx würde einen Ausgleich fordern

Unterstützung bekam Heinrich von Dietmar Bartsch, dem Vorsitzender der Linken-Fraktion im Bundestag. Er verwies darauf, dass 43 Familien in Deutschland so viel besitzen wie die Hälfte der Bevölkerung und war sich sicher: „Da würde Marx einen Ausgleich fordern.“ Bartsch, der in Moskau Marxismus-Leninismus studiert hat, wünschte sich, „dass die soziale Marktwirtschaft wieder eine starke Komponente des Sozialen hat. Das ist ein aktuelles Ziel nach Marx.“

Historiker: Marx ist ohne Einfluss

In der teilweise hitzigen Debatte unter der Moderation von Chefredakteur Ralf Geisenhanslüke kam von dem Bielefelder Historiker und Ökonom Prof. Werner Abelshauser aber heftiger Widerspruch. Abelshauser gilt als einer der besten Kenner der deutschen Wirtschaftsgeschichte. Er sagte: “Ich bin nicht sehr hoffnungsvoll, was eine Renaisssance der Marx‘schen Positionen angeht.“ Das Werk von Marx sei bereits zum Zeitpunkt seines Erscheinens überholt gewesen. Denn schon da sei der Arbeitnehmer kein Anhängsel von Maschinen mehr gewesen, sondern es habe sich die Erkenntnis durchgesetzt, „dass man Arbeiter als menschliches Vermögen hegen und pflegen muss.“ Das Publikum schien davon nicht überzeugt zu sein, wie Geraune zeigte.

Dietmar Bartsch widersprach energisch: „Es ist kein Zufall, dass es heute an vielen Universitäten Marx-Vorlesungen gibt.“ Karl Marx sei zum wichtigsten Theoretiker von Sozialismus und Kommunismus geworden. Im „Kommunistischen Manifest“ begründete er gemeinsam mit Friedrich Engels die Weltanschauung des Marxismus. Sein 1867 erschienenes Hauptwerk „Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie“ beeinflusste die Arbeiterbewegung und die Linke wie kein anderer.

Bartsch sorgte für Gelächter

Bartsch gab sich deshalb jovial und siegessicher. Unter Gelächter der Zuhörer sagte der Linken-Fraktionschef: „Wenn Karl Marx heute leben würde, würde er ein sehr, sehr kluger Berater der Linken sein und dazu aufrufen, sie zu wählen.“

Zu seiner Zeit erfuhr Marx allerdings keine große Anerkennung, wie der Wirtschaftshistoriker Abelshauser betonte. „Marx wurde nicht wahrgenommen.“ Marx, dessen Vater Gerichtsdolmetscher in Osnabrück war, habe zu Lebzeiten nur tausend Exemplare seines Werkes an den Mann gebracht, bis Ende des Jahrhundert seien es 5000 gewesen.

Verkauf der Bücher steigt

Heutzutage sind Marx Werke dagegen begehrt und verkaufen sich nach Angaben des Karl Dietz Verlages Berlin so gut wie lange nicht. Der Verkauf der Bände seines Hauptwerks „Das Kapital“ stieg 2017 um 20 Prozent auf 2650 Stück, sagte die Geschäftsführerin des Karl Dietz Verlages Berlin, Sabine Nuss kürzlich unserer Redaktion. In diesem Jahr soll es nochmals bergauf gehen. Allein 2017 waren es 2650 Stück. Nach der Finanzkrise 2008 griffen bereits viele Deutsche zu Marx Büchern, um zu erfahren, wie es zur Krise kam. Nun gibt es zum Jubiläum die zweite Welle.

Bundespräsident lobt Karl Marx

Die Bedeutung von Marx unterstrich auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, der Karl Marx bei einer Podiumsdiskussion im Berliner Schloss Bellevue als „großen deutschen Denker“ würdigte. Zugleich warnte Steinmeier aber: „Wir Deutschen sollten Karl Marx weder überhöhen noch aus unserer Geschichte verbannen.“

Osnabrücker halten Marx für aktuell

Eine NOZ-Straßenumfrage zeigte, dass die Osnabrücker den Revolutionär nach wie vor schätzen: „Marx ist heute aktueller denn je“, sagte ein älterer Mann und verwies auf befristete Arbeitsverträge. Kopfschüttelnd kritisierte der Osnabrücker die häufig gezahlten Millionenabfindungen für Top-Manager: „Ein paar Eliten kriegen als goldenen Handschlag eine Abfindung von 30 Millionen Euro und haben Bockmist gebaut ohne Ende.“

Auch in Ostdeutschland gab es Renaissance

Nach der Wende habe Marx in Ostdeutschland eine gewisse Renaissance erlebt, berichtete Michael Seidel, der Chefredakteur der „Schweriner Volkszeitung“, die wie die „Neue Osnabrücker Zeitung“ zum Verbund von NOZ Medien gehört. „Viele Ostdeutsche haben eine Art des Manchester-Kapitalismus erleben müssen“, sagte Seidel, der Journalistik an der Karl-Marx-Universität in Leipzig studierte. Er hätte einen Wunsch an Marx, wenn der heute leben würde: „Dass er den politischen Diskurs mit aller Verve aufmischt, um endlich wieder Politik-Debatten zu schaffen.“


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