Auch gegen Benziner und Holzöfen Umwelthilfe: Wir beklagen uns nicht, sondern wir verklagen

Von Marion Trimborn

Der Geschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe, Jürgen Resch im Interview. Foto: dpaDer Geschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe, Jürgen Resch im Interview. Foto: dpa

Osnabrück. Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) hat sich zu einer der schlagkräftigsten und lautstärksten Öko-Lobby-Organisationen Deutschlands entwickelt. Die Kampagne gegen Diesel-Autos ist einer ihrer größten Erfolge. An der Spitze steht Jürgen Resch, der für die Luftreinheit nun auch Benzinern den Kampf ansagt. Holzöfen und Kamine ohne Filter gehören seiner Ansicht nach verboten. Ein Interview.

Herr Resch, die Kampagne der Deutschen Umwelthilfe gegen die angeblichen Dreckschleudern Diesel war erfolgreich. Das Bundesverwaltungsgericht hat Fahrverbot für Dieselfahrzeuge in Städten generell für zulässig erklärt. Jetzt haben Sie Ihre Ziele erreicht, oder?

Nein, überhaupt nicht. Nun müssen wir das erfreulich klare Urteil von Leipzig zur Zulässigkeit von Dieselfahrverboten auch umgesetzt bekommen. Ich kämpfe seit 32 Jahren für die saubere Luft und wir sind nun diesem Ziel nahe – aber erst mit der Aussperrung der schmutzigen Dieselfahrzeuge werden wir es erreicht haben.

Reicht`s Ihnen jetzt nicht im Kampf gegen den Diesel? Der Absatz geht ja zurück…

Es geht doch um die 15 Millionen Bestandsdiesel. Diese sind so schmutzig, dass jedes Jahr 400 000 Menschen an Asthma und 400 000 an Diabetes erkranken und knapp 13 000 Menschen vorzeitig sterben. Wir können nicht weiter hunderttausendfaches Leid akzeptieren.

Aber das absolute Ziel einer sauberen Luft ist doch völlig unrealistisch. Wir leben immerhin in einer industrialisierten Gesellschaft…

Wir sind im ersten Schritt schon mal zufrieden, wenn wenigstens die Grenzwerte der EU von 40 Mikrogramm Stickstoffdioxid pro Kubikmeter eingehalten werden. Das Verbraucherschutzrecht gibt uns die Möglichkeit, auch den Staat zur Einhaltung der Gesetze zu verpflichten. Unser Motto lautet: Wir beklagen uns nicht, sondern wir verklagen. Für die Zukunft müssen wir für den Schutz der Gesundheit die Grenzwerte verschärfen. Wie gut das funktioniert, zeigt die Schweiz, die seit 1986 schon 30 Mikrogramm festgelegt hat.

Dann darf aber bald kein Auto mehr fahren, oder?

Alle Diesel, die den aktuellen Grenzwert auch auf der Straße und nicht nur im Labor einhalten, werden keine Probleme bekommen. Wer aber in Wirklichkeit bis zu Zwanzigmal die Grenzwerte überschreitet, muss draußen bleiben. Bei Stickstoffdioxid sind Dieselmotoren das Problem, auch die der aktuellen Euro-6-Norm. Sie übersteigen im Durchschnitt die Grenzwerte auf der Straße um den Faktor 6. Wirklich saubere Diesel, Benziner, Hybride und Elektroautos dürfen natürlich fahren.

Sind Sie mit der Nachrüstung der manipulierten Diesel bei VW zufrieden?

Nein, das funktioniert leider nicht. Die Software-Updates wirken im Winterhalbjahr überhaupt nicht und im Sommer werden die im Durchschnitt um 500 Prozent zu hohen Abgaswerte um ganze 25 Prozent gesenkt. Die Bundesregierung muss die Dieselkonzerne dazu verpflichten, die Abschalteinrichtungen zu entfernen und im Rahmen einer technischen Nachrüstung funktionierende Katalysatoren auf Harnstoffbasis auf eigene Kosten einzubauen. Die Kosten hierfür belaufen sich auf etwa 1500 Euro pro Auto, das können die Hersteller, die 2017 rund 40 Milliarden Euro Gewinn vor Steuern erzielten, ohne Arbeitsplatzverluste auch finanzieren.

Es sind aber nicht nur die Dieselautos. Viele moderne Benziner, nämlich Direkteinspritzer, stoßen große Mengen an Feinstaubpartikeln aus. Wollen Sie sich die Benziner als nächstes vornehmen?

Das tun wir seit acht Jahren. 2017 haben wir beispielsweise den Daimler-Vorstand über eine exklusive Berichterstattung mit der Wirtschaftswoche dazu gebracht, für den Benzin-Smart den Partikelfilter zu versprechen. Bis heute wurde aber auch dieses Versprechen nicht eingehalten. Es ist völlig absurd, dass die Autoindustrie erreicht hatte, dass Benzin-Direkteinspritzer bis 2017 zehnmal mehr Partikel ausstoßen dürfen als Diesel. Verbrauchern kann ich nur raten: Finger weg von allen Benzin-Direkteinspritzern ohne Filter.

Was ist Ihr wichtigstes Thema für dieses Jahr?

Neben der Verkehrswende in unseren Städten ist es die Aufdeckung des stattfindenden Betrugs der Autohersteller bei den Spritverbrauchangaben - und damit auch den CO2-Emissionen. Quasi alle Hersteller machen falsche Angaben zum Spritverbrauch, die Abweichung beträgt zwischenzeitlich 42 Prozent im Durchschnitt. Ein Tipp für Ihre Leser: Vertrauen Sie nicht den Angaben des Bordcomputers, diese zeigen oft einen niedrigeren Verbrauch an.

Glauben Sie, dass die Politik Sie da unterstützt?

Solange Politiker nicht in der Regierung sitzen – ja. Aber selbst grüne Minister oder Ministerpräsidenten gehen regelmäßig vor den Vorstandschefs der Autokonzerne in die Knie. Daher setze ich momentan nicht mehr auf die Politik, sondern auf die Gerichte.

Ihre Kampagne ist aber ganz schön einseitig. Sie verteufeln private Dieselautos – obwohl Kamine und Holzöfen schon seit Jahren mehr Feinstaub ausstoßen als alle Fahrzeuge zusammen. Wollen Sie Hausbesitzern den Kamin verbieten?

Dort, wo es Probleme mit Feinstaub gibt, müssen entweder Einschränkungen oder Verbote von ungefilterten Kaminen ausgesprochen werden. Die Städte sollten nur noch solche Kaminöfen erlauben, die mit einem Filter ausgestattet oder nachgerüstet sind.

Die DUH hat ein Glaubwürdigkeitsproblem. Sie ziehen gegen deutsche Hersteller wie BMW, VW und Daimler und deren Dieselmotoren zu Felde, lassen sich aber andererseits von Toyota unterstützen. Für die Japaner spielt die Produktion von Dieselmotoren so gut wie keine Rolle.

Auch Toyota hat einen Dieselanteil von 13 Prozent. Und wir haben bereits vor zwei Jahren einen Toyota-Diesel getestet und mehrfache Grenzwertüberschreitungen festgestellt und veröffentlicht. Die Kooperation mit Toyota geht ins 20. Jahr. 18 Jahre lang war das kein Problem und plötzlich soll Dieselgate eine Verschwörung von Toyota sein? Es ist auch nur ein mittlerer fünfstelliger Betrag, den wir von Toyota bekommen. Wir kriegen die gleiche Größenordnung von Daimler für unsere internationale Umweltstiftung Global Nature Fund. Und genauso, wie wir Verstöße von Daimler verfolgen, sind wir gegen Toyota in 47 Fällen wegen Verbrauchertäuschung gerichtlich vorgegangen.

Es gibt den Vorwurf der dubiosen Machenschaften wegen ihres Geschäftsmodells. Wie kann es sein, dass sich die DUH mit dem Abmahnen kleiner Autohändler wegen Verstößen gegen umweltbezogene Verbraucherschutzgesetze finanziert?

Es ist schon interessant, dass sich ausgerechnet die Automobilindustrie gegen die Kontrolle ihrer Umwelt- und Verbraucherschutzverstöße so verbittert zur Wehr setzt. Sie fordert tatsächlich, dass weder der Staat noch Verbraucherverbände sie kontrolliert. Mit den Einnahmen aus der ökologischen Marktüberwachung von etwas mehr als zwei Millionen Euro finanzieren wir deren Durchführung und die Verbraucherberatung. Wir sind froh, dass wir die Kosten, die diese Kontrollen verursachen, so wieder reinbekommen. Unsere Bilanzen sind öffentlich, wir schreiben seit Jahren eine schwarze Null.

Es ist erstaunlich: Sie sind ein kleiner Verein und haben so große Außenwirkung…

Wir haben mehrere hunderttausend Unterstützer in unseren Aktionen, über 3 000 Mitglieder, davon 274 stimmberechtigt. Greenpeace hat übrigens nur 40 stimmberechtigte Mitglieder, Umweltstiftungen wie der WWF sogar gar keine Mitglieder. Erfolg und Außenwirkung sind das Ergebnis der richtigen Themen, der notwendigen Professionalität und der Zusammenarbeit eines hundertköpfigen, tollen Teams.

Die DUH hat einen Sitz in Radolfzell und einen in Berlin. Das Hin- und Herreisen ist nicht gerade umweltfreundlich, oder?

Nein, leider nicht. Wo es möglich ist, nutze ich Bahn, Bus oder mein Pedelec-Fahrrad. Und unser Familienauto ist seit vielen Jahren ein Benzin-Hybrid mit besonders niedrigem Verbrauch.