Roboter und künstliche Intelligenz Trotz Digitalisierung: Die Arbeit geht uns nicht aus

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Osnabrück. Die Zukunft hat schon begonnen: Computer, Software und der „Kollege Roboter“ bestimmen immer stärker die tägliche Arbeit. Digitalisierung, Automatisierung und künstliche Intelligenz revolutionieren die Wirtschaft. Kaum etwas bleibt, wie es war. Und wo bleibt der Mensch? Wird er überhaupt noch gebraucht? Und wenn ja: Welche Jobs haben Zukunft und welche eher nicht? Ein Überblick.

Schafft sich der Menschen mit fortschreitender Digitalisierung als Arbeitnehmer ab? Droht neue Massenarbeitslosigkeit? Oder sind die Chancen des technologischen Wandels größer als die Risiken? Die Antworten auf diese Frage fallen höchst unterschiedlich aus. Im Großen und Ganzen herrscht jedoch Optimismus, dass uns die Arbeit nicht ausgeht.

Wie ist die Ausgangslage?

Wo gestern noch Arbeiter schraubten, feilten und drehten, stehen heute Hunderttausende von Automaten und Robotern. Wer gestern an der Drehbank stand, steht heute vielleicht am 3-D-Drucker – und morgen? Wird dann auch dieser Job von einer der immer intelligenter werdenden Maschinen erledigt?

Der Vormarsch der „nimmermüden Mitarbeiter“ scheint unaufhaltsam. Bis zum Jahr 2020 wird der Bestand der in Fabriken eingesetzten Roboter auf mehr als drei Millionen Stück wachsen, schätzt der Branchenverband International Federation of Robotics (IFR) in seinem Jahresbericht 2017. Demnach werden aktuell weltweit etwa 1,3 Millionen Industrieroboter eingesetzt.

Längst hat die Welle der Umwälzungen auch die Dienstleistungen erreicht. Seit Jahren sichtbares Symbol dafür ist der Geldautomat, der zahlreiche Mitarbeiter am Schalter überflüssig gemacht hat. Eine Frage der digitalen Zukunft ist nun, wie es weitergeht bei Sparkassen und Banken, da immer mehr Menschen ihre Geschäfte online abwickeln, da Computer Anlagedepots zusammenstellen können und digitale Helfer Immobilienkredite überprüfen.

Der Umbruch erfasst die komplette Arbeitswelt, bis hin zu hoch qualifizierten Spezialisten. So gibt es bereits Software, die Röntgenbilder nach Tumoren scannt, und Computer-Programme, die helfen, Rechtsfragen zu lösen, etwa indem sie anstelle von Anwälten arbeitsintensive Recherchen übernehmen.

Fest steht aber auch: Während auf der einen Seite Jobs wegfallen, entstehen an anderer Stelle neue. Anfang des 19. Jahrhunderts zerstörten Maschinenstürmer Webstühle und Fabriken, weil sie durch die neue Technik um Lohn und Brot fürchteten. Die Angst der Weber war berechtigt. Tatsächlich sind jede Menge Stellen überflüssig geworden. Am Ende brachte die Industrialisierung aber mehr Arbeit.

Ähnliche Mechanismen wie bei der damaligen Automatisierung gelten auch heute: Weil Produkte und Dienstleistungen durch Maschinen und Computer billiger werden, können Verbraucher mehr andere Waren kaufen – und schaffen so zusätzliche Stellen. Zudem entstehen neue Dienstleistungen und Produkte, die es vorher gar nicht gab, was ebenfalls Jobs schafft. Dementsprechend geht die Nürnberger Arbeitsmarktforscherin Katharina Dengler nicht davon aus, dass uns die Arbeit ausgeht. „Ein substanzieller Rückgang der Beschäftigung ist unterm Strich unwahrscheinlich; es wird vor allem zu Veränderungen zwischen Branchen und Berufen kommen.“

Was sagen die Arbeitgeber?

Wer Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer auf das Thema anspricht, sieht in ein entspanntes Gesicht. „Die deutsche Wirtschaft hat den klaren Willen, die Digitalisierung mit Optimismus, Tatendrang und Lust auf Zukunft aktiv mitzugestalten. Dieses wird in Saldo mehr Arbeitsplätze schaffen als vernichten“, sagt Kramer im Gespräch mit unserer Redaktion. Er verweist dabei auf Erfahrungen: „Auch die Elektrifizierung, die Industrialisierung oder die Einführung von PC und Smartphone haben neue Jobs geschaffen.“

Kramer erwartet Vorteile für Arbeitgeber und Arbeitnehmer. „Die Digitalisierung bietet die große Chance, die Sozialpartnerschaft zu stärken, da die Unternehmen und ihre Mitarbeiter im Arbeitsmarkt der Zukunft noch differenziertere, flexiblere und individuellere Lösungen brauchen.“ Der Präsident der Bundesvereinigung Deutscher Arbeitgeberverbände (BDA) fordert dazu betriebsnahe Lösungen. Zugleich warnt er vor pauschalen gesetzlichen Vorgaben.

Die Arbeitgeber haben klare Vorstellungen wie es weitergehen soll. „Wenn unsere Arbeitswelt immer flexibler wird, muss die Politik dem auch folgen“, sagt Kramer. Er fordert: „Wir brauchen endlich eine zukunftsfähige Arbeitszeitordnung 4.0, einen Schritt hin zu einer Wochenarbeitszeit mit mehr Flexibilität bei den Ruhezeiten.“ Aktuell gilt: Nach der täglichen Arbeit soll jeder Beschäftigte grundsätzlich eine elfstündige Ruhepause haben.

Was sagen die Gewerkschaften?

Auch der DGB-Vorsitzende Reiner Hoffmann zeigt sich mit Blick auf die zu erwartende Arbeitsplatzbilanz eher optimistisch. Er erinnert im Gespräch mit unserer Redaktion an Schlagzeilen der 1970er Jahre. „Roboter nehmen uns die Arbeit weg“ habe der „Spiegel“ damals getitelt. „Und was ist geschehen? Heute haben wir den höchsten Stand an sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung - und das bei einer weitreichenden Automatisierung etwa in der industriellen Produktion, aber auch bei einer weitgehenden Modernisierung von Dienstleistungen.“ Für den Gewerkschafter steht fest: „Die Schreckensszenarien der 1970er und 1980er Jahre haben sich als nicht haltbar erweisen.“ Der Wandel müsse aber gestaltet werden, etwa wenn an der Schnittstelle zwischen Mensch und Roboter neue Jobs entstünden, fordern die Gewerkschaften.

Hoffmann ist schon als DGB-Chef ein Kenner der Materie. Zudem hat er in der Kommission „Arbeit der Zukunft“ der gewerkschaftsnahen Hans-Boeckler-Stiftung mitgearbeitet. In deren „Denkstößen“ werden Chancen und Risiken analysiert - und wird der Mensch in den Mittelpunkt gestellt. Eines der Ergebnisse: „Die digitale Transformation der Arbeitswelt kann - im schlechten Fall – zu mehr Überwachung aller Arbeitsschritte, weiter verschärftem Leistungsdruck und zur Unterordnung unter die Vorgaben von Programmen und Robotern führen. Im besten Fall geschieht das Gegenteil: Hierarchien werden flacher, Freiheitsräume eröffnen sich, Maschinen und Algorithmen erledigen die langweiligen und mühsamen Arbeiten, sodass für den Menschen die attraktiveren, erfüllenden Tätigkeiten bleiben.“

Was sagt die Wissenschaft?

In der Vergangenheit ist intensiv über ein „Ende der Arbeit“ diskutiert worden. „Der Mensch schafft sich ab“, hieß es dann. Viel zitiert wird in diesem Zusammenhang eine zunächst als bahnbrechend gelobte Studie der Universität Oxford aus dem Jahr 2013. Die Ökonomen Carl Benedikt Frey und Michael Osborne stellten darin die These auf, in den nächsten zehn bis 20 Jahren sei jeder zweite Job in den USA durch computergesteuerte Maschinen ersetzbar. Andere Forscher übertrugen das Modell auf Deutschland und hielten fest, hierzulande könnten 42 Prozent der Stellen durch den Einsatz von Robotern und Computern ersetzt werden.

„Da kommt erheblich was in Bewegung“, heißt es auch beim Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg. Untern Strich kommt das IAB aber in eigenen Studien zu einem ausgeglichenen Ergebnis. Demnach könnten durch die Digitalisierung der Wirtschaft bis zum Jahr 2025 rund 1,5 Millionen Arbeitsplätze wegfallen, zugleich aber auch rund 1,5 Millionen Arbeitsplätze neu entstehen.

Wie kommt es zu den unterschiedlichen Einschätzungen? IAB-Expertin Katharina Dengler erklärt das auf Anfrage unserer Redaktion so: „In der Studie von Osborne und Frey werden ganze Berufe nach ihrer Ersetzbarkeit beurteilt und nicht – wie in unserer Studie – einzelne Tätigkeiten. Desweiteren beurteilen bei Frey und Osbourne Technologieexperten die Ersetzbarkeit von Berufen, die tendenziell die technischen Möglichkeiten überschätzen.“

Im Gegensatz dazu stelt Dengler fest: „Befürchtungen vor einem massiven Beschäftigungsabbau sind derzeit unbegründet.“

Welche Jobs/Tätigkeiten könnten wegfallen?

Das IAB hat sogenannte „Substituierbarkeitspotenziale“ von Berufen untersucht. Das Wortungetüm meint den Anteil an beruflichen Tätigkeiten, der gegenwärtig durch Computer oder computergesteuerte Maschinen ersetzt werden könnte. Ergebnis ist laut Dengler, „dass lediglich 15 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten im Jahr 2013 beziehungsweise 25 Prozent im Jahr 2016 in Berufen mit einem hohen Substituierbarkeitspotenzial arbeiten.“ Das ist zwar keine Entwarnung, klingt aber weniger dramatisch als bei den Kollegen.

Allerdings unterscheiden sich die IAB-Ergebnisse sehr stark nach beruflichen Teilarbeitsmärkten. Vor allem Berufe in der Industrieproduktion weisen demnach hohe Potenziale bei der Nutzung von Computertechnologien auf. Dengler: „Viele Tätigkeiten in diesen Berufe sind potenziell durch Computer oder computergesteuerte Maschinen ersetzbar.“

Das gikt vor allem für Fertigungsberufen, in denen Rohstoffe gewonnen und Produkte aus Materialien wie Glas, Keramik, Kunststoff und Papier hergestellt werden. Hier liegt der Anteil der ersetzbaren Tätigkeiten dem IAB zufolge bei 83 Prozent. In den Fertigungstechnischen Berufen - also in Berufen, in denen Fahrzeuge, Anlagen und Maschinen produziert werden - liegt das kritische Potenzial bei 70 Prozent. Das ist der zweithöchste Wert in der IAB-Studie. .

„Dies muss aber nicht heißen, dass bei Berufen in der Industrieproduktion Arbeitsplätze wegfallen“, warnt Dengler vor falschen Schlussfolgerungen. Denn der Anteil der ersetzbaren Tätigkeiten bedeute immer auch Produktivitätspotenziale. Deshalb sei sogar ein Beschäftigungswachstum möglich, „wenn Produkte günstiger werden und dann mehr von ihnen verkauft werden können“.

Ungeachtet aller Differenzierungen gilt: Der allgemeine Trend ist klar, der Anteil ersetzbarer Tätigkeiten ist in fast allen beruflichen Teilarbeitsmärkten zwischen 2013 und 2016 angestiegen. Die höchsten Zuwachsraten verzeichnen Dienstleistungsberufe etwa im Bereich Verkehr und Logistik, unternehmensbezogene Dienstleistungsberufe, Reinigungsberufe und Handelsberufe. Das heißt laut IAB, „dass sich der technologische Wandel auch in den Dienstleistungsberufen sehr deutlich bemerkbar machen wird“.

Welche Fähigkeiten sind künftig besonders gefragt?

Das Lösen komplexer Probleme, kritisches Denken und Kreativität sind nach einem Ranking des Weltwirtschaftsforums die drei wichtigsten Fähigkeiten, um auf dem Arbeitsmarkt der Zukunft erfolgreich zu sein. IAB-Expertin Dengler nennt es nahe liegend, dass vor allem digitale Kompetenzen wichtig sind. „Weil sich mit der Digitalisierung aber auch die Art und Weise verändert, wie man arbeitet, beispielsweise in virtuellen Teams, ist es aber nicht nur wichtig, digitale Kompetenzen zu stärken, sondern auch soziale Kompetenzen wie Kooperationsbereitschaft und Kommunikationsfähigkeit. Weil das Wissen über traditionelle Herstellungsmethoden und die Fähigkeit, diese anzuwenden, einer der wichtigsten Bausteine für die kreative Bewältigung künftiger Probleme sein könnte, spielen auch fachübergreifende Kompetenzen eine immer wichtigere Rolle.“

Wie wichtig sind Ausbildung und Studium?

Eine abgeschlossene Berufsausbildung oder ein Hochschulstudium bleiben weiterhin die beste Basis für die Bewältigung zukünftiger Herausforderungen, sagen Arbeitsmarkt- und Bildungsexperten. Weil das Wissen aber immer schneller veraltet, reicht die Erstausbildung immer seltener aus, um den Anforderungen eines gesamten Erwerbslebens gewachsen zu sein. Dengler: „Lernen im Erwerbsleben muss deshalb zur Normalität werden. Dazu müssen insbesondere die Möglichkeiten zur Weiterbildung, Höherqualifizierung und Umschulung ausgebaut werden.“


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