68er Serie Als das Kaffeetrinken plötzlich politisch wurde

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Die Utopie lebt: Auch heute noch gehen immer wieder Demonstranten für einen fairen Welthandel auf die Straße. Foto: H.-C. Dittrich/dpaDie Utopie lebt: Auch heute noch gehen immer wieder Demonstranten für einen fairen Welthandel auf die Straße. Foto: H.-C. Dittrich/dpa

Osnabrück. Handel statt Almosen. Vom Dritte-Weltladen zum Attac-Protest - die 68er-Bewegung hat die geistigen Grundlagen für die Globalisierungskritik und für den Kampf um fairen Welthandel gelegt.

Es sollte nicht mehr lange dauern, da wurde selbst das Kaffeetrinken politisch. Da wurde „Jute statt Plastik“ zum Lebensgefühl einer politisierten, wahlweise christlich motivierten, humanistisch orientierten oder von Links angetriebenen Jugend. Und das internationale Wirtschaftssystem galt fortan als Verschwörung nimmer satter Konzernführer, skrupelloser Finanzkapitäne und willfähriger Regierungen im Westen, die die Kräfte des Kapitalismus all zu frei wirken lassen.

Bevor es in den 70er Jahren endgültig soweit war, hatte im Februar 1968 die zweite Konferenz der Vereinten Nationen für Handel und Entwicklung (UNCTAD) im indischen Neu Delhi mit dem Slogan „Trade not Aid“ für weltweite Aufmerksamkeit gesorgt – und in der Folge für ein Umdenken in der Gesellschaft: „Handel statt Almosen“ lautete nun die Devise.

Bereits vier Jahre zuvor war UNCTAD gegründet worden, um die Entwicklung und Integration der Entwicklungsländer in die Weltwirtschaft zu fördern. Nun, Ende der 60er Jahre, fragten sich immer mehr Menschen: Konsum und Moral, geht das zusammen?

Konsum und Moral: Geht das zusammen?

„Je stärker sich die Produktion vieler Unternehmen in die sogenannten Dritte-Welt-Länder verlagerte, umso größer wurde die Skepsis der Menschen gegenüber der Industrie. Und es wuchs das Bewusstsein für die weltweiten wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wechselwirkungen“, sagt Detlef Siegfried, Professor für Deutsche und Europäische Geschichte an der Universität Kopenhagen, der sich seit Jahren mit dem Phänomen der 68er befasst.

Eine gerechtere Welt zu schaffen – das steht als Zukunftsutopie seit Jahrzehnten auf der politischen Agenda. Die 68er Bewegung hatte einen entscheidenden Anteil daran. Sind zeitgenössische Protestbewegungen wie Attac und Compact, die im Kampf gegen das geplante transatlantische Freihandelsabkommen zwischen der EU und den USA Hundertausende Menschen auf die Straßen brachten und zu dessen vorläufigen Scheitern beitrugen, ohne die 68er Bewegung also überhaupt denkbar?

„Kaum“, sagt Kerstin Sack, vom Orientierungskreis Attac Deutschland. „Es gibt eine gewisse Kontinuität. Ein wesentliches Merkmal der Bewegung war es ja, Gewohntes infrage zu stellen, das galt in den Folgejahren zunehmend auch für die Organisation des Weltwirtschaftsystems.“

Die 64-jährige Raumplanerin aus dem Ruhrgebiet hat die Attac-Gruppe in Hagen mit auf die Beine gestellt: „Man darf nicht nur vor dem Fernsehgerät sitzen und schimpfen“. Schon in den 70er Jahren war Sack als Heranwachsende politisch aktiv, hat sich vor allem mit den Befreiungsbewegungen infolge der Entkolonialisierung in Lateinamerika identifiziert. 1978 dann die Gründung eines alternativen Buchladens: „Da haben wir auch direkt importierten, also fairen Kaffee aus Nicaragua verkauft“, erzählt Sack: „Um dem Land Devisen und den Kaffeebauern ein besseres Einkommen zu verschaffen.“

Faszination militanter Freiheitsbewegungen

Neben dem Protest gegen den Vietnam-Krieg war der „Dritte-Welt“-Bezug ein wichtiger Motor des studentischen Protests. „Elend und Ungerechtigkeiten in der ‚Dritten Welt‘ standen durch das Fernsehen allen vor Augen; zugleich übten die militanten Befreiungsbewegungen eine große Faszination auf die Studierenden aus, da sie sich als Projektionsflächen für die Utopie eines globalen revolutionären Prozesses eigneten“, schreibt die Historikerin Claudia Lepp.

Globalisierung galt in diesem Kontext Vielen noch als positiver Begriff. Das sollte sich in den darauf folgenden Jahrzehnten ändern. Heute macht die globalisierte Wirtschaft vielen Bürgern Angst. Weltweit konkurrieren Menschen und Unternehmen miteinander, sei es um Rohstoffe oder die billigste Arbeitskraft. Die Globalisierung schafft Gewinner, aber die soziale Sicherheit schafft sie vielerorts auch wieder ab. Das erzeugt Verlierer. In diese Kerbe stoßen kritische Aktivisten wie die von Compact und Attac.

Nicht erst seit deren Gründung aber bestimmen weltweit agierende Unternehmen mit den Vertragsbedingungen für ihre Lieferketten ganz wesentlich die Arbeits- und Lebensbedingungen der Menschen in den Herkunftsländern. Bereits in den 60er Jahren wuchs das Bewusstsein dafür, dass Konzerne dadurch mitverantwortlich sind für Lohnniveau, Arbeitssicherheit, Gesundheit der Menschen und dem Raubbau an der Natur.

Widerhall durch spektakuläre Aktionen

Deshalb entstehen in den 1970er Jahren immer mehr soziale Initiativen und Organisationen, die direkt in die Gesellschaft hineinzuwirken versuchen. „Der Wunsch, die als ungerecht empfundene Weltwirtschaftsordnung verändern zu wollen, verlagerte sich von der Theorie zunehmend in die Praxis“, sagt Historiker Siegfried, der sich seit Jahren mit dem Phänomen der 68er befasst.

Es ging dabei nicht nur um fairen Handel, es ging auch um die Ausbeutung der Natur, Landnahme sowie damit verbundene Verletzungen der Menschenrechte und was dagegen zu tun sei.

„Die damalige Bewegung hat wichtige Impulse gesetzt, die sich in heutigen Protestbewegungen niederschlagen“, betont Siegfried. Dazu gehörten das gewachsene Bewusstsein für globale wechselseitige Abhängigkeiten, das strukturelle Prinzip, durch irreguläre und spektakuläre Aktionen Widerhall in den Medien und so politischen Druck zu erzeugen und der Wille, Widerstand gegen „die da oben“ von unten zu organisieren.

Auch die kirchliche Jugend hatte erheblichen Anteil daran, dass Fair Trade - also ein fairer Handel - zum Leitmotiv wurde. „Seit Ende der 1960er-Jahre bildeten sich im Umfeld der Studentenbewegung sowie innerhalb und jenseits herkömmlicher Kirchlichkeit mehrere hundert kleine entwicklungspolitische Basisinitiativen aus“, erläutert Forscherin Lepp.

Evangelische und katholische Jugendverbände organisierten aus Kritik gegen die damalige deutsche Entwicklungspolitik in Dutzenden Städten sogenannte Hungermärsche mit Tausenden Teilnehmern. Aus dieser Bewegung heraus entstand 1971 schließlich die „Aktion Dritte Welt Handel“. Deren Aktivisten boten zunächst auf Märkten, bald aber auch in sogenannten Dritte-Weltläden fair gehandelte Produkte zum Kauf an.

Welle der Weltläden

Vorbild dafür war der 1969 im niederländischen Breukelen eröffnete erste „Wereldwinkel“ (Weltladen). 1973 kam der erste deutsche Weltladen mit regelmäßigen Öffnungszeiten in Stuttgart hinzu. 1978 gab es hierzulande bereits 100 Weltläden - heute sind es europaweit gut 2500, davon allein in Deutschland etwa 800. Der Umsatz fair gehandelter Produkte wächst.

Heute wie damals gilt: „Die Produkte im Weltladen sind nicht nur von besonderer Qualität, sie sind zugleich ein kleines Stück Weltpolitik“ – mit diesem Slogan werben die Weltläden um die etwas anderen Konsumenten. Um jene Verbraucher, denen an einem fairen Handel gelegen ist, an nachhaltigen Produktionsweisen und am Schutz der Arbeitskräfte in fernen Ländern vor Ausbeutung.

„Das neue politische Engagement reichte über die eigene Gesellschaft hinaus und war nicht selten mit einem ausgeprägten ,Weltgefühl‘ gepaart“, beschreibt der Historiker Habbo Knocht die damalige Aufbruchstimmung.

Zu einem Symbol dieser Art „Bürgersinn mit Weltgefühl“ wurde 1978 die Jutetasche. Aktionsgruppen tauschten in Fußgängerzonen Plastiktüten gegen diese raustofflichen, etwas muffig riechenden Beutel voller Informationen über den Rohstoffverbrauch bei der Plastiktüten-Produktion und die Lebensbedingungen von Frauen in Bangladesch. Die nämlich hatten die Jutebeutel für Deutschland millionenfach genäht - und konnten so ihre Lebensumstände verbessern.

Gesinnungsbeutel mit politischem Slogan

Auf dem groben Stoff der Gesinnungsbeutel verewigten zahlreiche Bewegungen ihre politischen Forderungen: Von „Jute statt Plastik“ über „Atomkraft - Nein Danke“ bis hin zu „Nicaragua libre“.

Von Beginn an verstanden sich die Dritte-Weltläden, die heute einfach Weltläden heißen, nicht nur als Shops. Die Betreiber legten und legen genauso viel Wert und Zeit auf Bildungs- und Kampagnenarbeit. Angesichts dieses aufklärerischen Sendungsbewusstseins haben sie einen erheblichen Anteil am Bewusstseinswandel vieler Verbraucher über die Jahrzehnte hinweg.

„Die Entdeckung einer Politik des Alltags, die praktische Verbesserung der Gesellschaft von innen heraus, eine weltbürgerliche Haltung (...): vielleicht ist es das, was nach allen Irrungen und Wirrungen von ‚1968‘ bleibt. Es wäre nicht wenig“, schreibt der langjährige Vorstand der grünen Heinrich-Böll-Stiftung, Ralf Fücks, in einem Essay über das Jahr 1968 als politische und kulturelle Zeitenwende.

Das Jahr sei zum Ausgangspunkt für eine globale politische Öffentlichkeit geworden, in der fern liegende Ereignisse nicht nur passiv beobachtet, sondern als „eigene Sache“ verstanden worden seien. Hinzu kam die Politisierung des Privaten.

„Das Private ist politisch“ war einer der zentralen Slogans der 68er. So wurden in der Folge auch Fragen des individuellen Konsumverhaltens politisch und ein öffentliches Thema. Was darf ich kaufen, ohne moralisch anzuecken? T-Shirts aus Bangladesh, zum Beispiel? Eine Frage, die viele Bürger bis heute nicht loslässt.

Die Utopie lebt

„Die Versprechen freiwilliger Kodizes erwiesen sich in den letzten Jahrzehnten als wirkungslose Luftnummern. Hungerlöhne, Katastrophen in Fabriken und Bergwerken konnten so nicht verhindert werden“, moniert das Cora-Netzwerk für Unternehmensverantwortung, in dem sich mehr als 50 Organisationen aus den Bereichen Menschenrechte, Entwicklung, Umwelt- und Verbraucherschutz sowie Gewerkschaften zusammengeschlossen haben. Menschenrechtliche Sorgfaltspflichten von Unternehmen mit Rechenschafts- und Transparenzpflichten entlang der Lieferketten seien überfällig, fordert Cora .

Die Utopie von einer besseren Welt und fairem Handel im Geiste der 68er lebt also weiter. Deshalb denkt auch Kerstin Sack noch lange nicht daran, ihr Attac-Engagement zu drosseln: „Ich gebe nicht so schnell auf.“ Gerechtigkeit kennt eben weder Grenzen noch Alter.


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