Neue Attacke in Berlin Wenn das Tragen der Kippa zum Risiko wird

Von Beate Tenfrelde

Speziell in Berlin wird das Tragen der Kippa zum Risiko. Foto: dpaSpeziell in Berlin wird das Tragen der Kippa zum Risiko. Foto: dpa

Berlin. Was ist los in Deutschland? Können Juden hier nicht mehr ohne Angst leben? Speziell in Berlin wird das Tragen der Kippa zum Risiko. Am Prenzlauer Berg, dem gutbürgerlichen Szeneviertel der Hauptstadt, sind erneut zwei junge Israeli mit der typisch jüdischen Kopfbedeckung von drei Männern antisemitisch beleidigt und attackiert worden.

Einer schlug mit einem Gürtel auf einen der jüdischen Männer ein und verletzte ihn leicht. Der angegriffene 21-jährige Israeli filmte die Tat und stellte das Video bei Facebook online. Der Täter ruft darauf „Yahudi“, arabisch für „Jude“. Der Staatsschutz ermittelt. Der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, sieht angesichts dieses jüngsten antisemitischen Vorfalls in Berlin vor allen in Städten ein „Bedrohungspotenzial“ für Juden. Wichtig sei es jetzt, den Täter zu fassen und herauszufinden, was ihn antisemitisch geprägt habe. Schuster betonte: „Kein Mensch wird als Antisemit geboren.“

Oppermann empört

Der Vizepräsident des Deutschen Bundestages, Thomas Oppermann (SPD), verurteilte den jüngsten Angriff in Berlin scharf „Das Judentum gehört zu Deutschland. Wer das nicht akzeptiert, hat hier nichts verloren“, sagte Oppermann unserer Redaktion. „Es muss klar sein: Für Antisemitismus gibt es keinen Platz in Deutschland“, hob der frühere Chef der SPD-Bundestagsfraktion hervor.

„Das ist ein gravierender Vorfall und leider kein Einzelfall“, sagte Oppermann mit Blick auf den Übergriff in Berlin.. Der Gefahr eines durch Zuwanderung erstarkenden Antisemitismus müsse die gleiche hohe Aufmerksamkeit zuteilwerden wie dem bestehenden Antisemitismus in Deutschland. „Einheimische müssen genau wie Einwanderer die Rechte Andersgläubiger respektieren“, forderte der frühere Richter. „Viele arabische Jugendliche wachsen in einer antiisraelischen Grundstimmung auf und Rechtsextreme relativieren den Holocaust“, beklagte Oppermann. Er sehe es daher als einen zentralen Auftrag aller Bildungsinstitutionen an, gegen Rassismus und Antisemitismus zu immunisieren. Der Sozialdemokrat forderte die Kultusminister der Länder auf, für die Schulen gezielt den Antisemitismus, seine Ursachen und seine Bekämpfung zum Gegenstand des Schulunterrichts zu machen.

Barley: Eine Schande

Auch Justizministerin Katarina Barley (SPD) sagte. „Das ist eine Schande für unser Land.“Justizminister Heiko Maas (SPD) erklärte: „Wir tragen Verantwortung dafür, uns schützend vor jüdisches Leben zu stellen.“ Robert Habeck, Bundesvorsitzender der Grünen, betonte: „Wir dürfen weder Angriffe auf Juden noch antisemitische Spottsongs dulden.“ Er reagierte damit auf die hochumstrittene Auszeichnung zweier antisemitischer Rapper mit dem begehrten Musikpreis „Echo“.

Seit 2001 veröffentlicht das Bundesinnenministerium jährlich in der Polizeistatistik die Zahlen antisemitisch motivierter Straftaten. Besonderes Aufsehen und Erschütterung erregte am 29. August 2012 der Fall eines Rabbiners der Jüdischen Gemeinde in Berlin-Schöneberg, der vor den Augen seiner sechsjährigen Tochter von vier Jugendlichen überfallen und antisemitisch beleidigt worden war. Die vier drohten dem Mädchen mit dem Tod.

Judenhass unter Muslimen

2017 kam es zu 1453 antisemitischen Vergehen, berichtete die „Süddeutsche Zeitung“ am 14. April dieses Jahres. Experten gehen allerdings davon aus, dass es eine große Dunkelziffer gibt, weil viele Fälle gar nicht angezeigt werden. Belegen lässt sich aber dies:. Die Bereitschaft nimmt zu, antisemitische Einstellungen im Internet, insbesondere in den sozialen Medien, unverhohlen zu zeigen. Laut „Süddeutsche“ zeigen das Studien von Monika Schwarz-Friesel von der TU Berlin. Die Sprachwissenschaftlerin hat Leserkommentare zu Israel auf den Seiten der Mainstream-Medien im Internet analysiert. 2007 wiesen 7,5 Prozent der Kommentare antisemitische Stereotype auf. 2014 war der Anteil auf 36,2 Prozent gewachsen.

Bundestagsvizepräsident Thomas Oppermann (SPD) betont: „Das Judentum gehört zu Deutschland.“ Foto:dpa

Auch Judenhass unter Muslimen in Deutschland ist für die Fachleute stärker in den Fokus gerückt. Wissenschaftler der Universität Münster befragten im Jahr 2016 türkischstämmige Erwachsene in Deutschland: 21 Prozent hatten eine negative oder sehr negative Haltung Juden gegenüber. Mehrere Umfragen unter Flüchtlingen deuten in eine ähnliche Richtung. Wissenschaftler der Universität Regensburg zum Beispiel interviewten 2017 etwa 750 Flüchtlinge aus Syrien, Eritrea, Afghanistan und dem Irak: „Über die Hälfte der muslimischen Befragten“, so ihr Fazit, „weist deutliche Tendenzen zu antisemitischen Einstellungsmustern auf.“