Warum Zuckerberg glimpflich davon kam Wenn sich die Politik an der „New Economy“ die Zähne ausbeißt

Von Claudia Scholz


Osnabrück/Washington. Zwei Tage in Folge musste sich Facebook-Chef Mark Zuckerberg in Marathon-Anhörungen vor dem US-Kongress zum Datenmissbrauchsskandal seines Unternehmens äußern. Gekonnt manövrierte der Milliardär an den Fragen der Politiker vorbei. Diese durchschauen Facebooks Geschäftsmodell nur schwer. Eine Analyse.

Schon das Outfit des Facebook-Chefs war ein Statement. Zu den Anhörungen vor dem US-Kongress hatte Mark Zuckerberg seine Silicon-Valley-Kluft aus grauem T-Shirt, Jeans und Turnschuhen gegen für ihn ungewohnt seriöse Kleidung getauscht. Wie ein Schüler in der Abiturprüfung wirkte der 33-Jährige in seinem blauen Sakko, Hemd und Krawatte, als er sich vor Senat und Repräsentantenhaus zum Datenmissbrauchs-Skandal seines Unternehmens äußern sollte.

Ein seltenes Schauspiel

Mit dem Auftreten schien er der Politikerwelt signalisieren zu wollen: „Ich nehme eure Vorwürfe ernst und kann mich euch anpassen.“ Es war ein seltenes Schauspiel, das sich im Kongress abspielte: Die alt eingesessene Politikerriege traf auf den einflussreichsten Vertreter der „New Economy“.

Die Anhörung von Managern ist zwar ein bekanntes Format, in dem Politiker ihrem Ärger Luft machen können – die geladenen Zeugen werden nicht selten kritisiert, ausgehorcht, manchmal sogar angeschrien. Bei den Amerikanern heißt das „Grillen“. Aber mit der Welt der sozialen Medien und ihrem bekanntesten Aushängeschild tun sich viele Politiker noch schwer. Während Zuckerberg zunächst sichtlich nervös wirkte, fing sich der Unternehmer nach einer halben Stunde. Am Ende kam er glimpflich durch die beiden fünfstündigen Marathon-Anhörungen.

Mangelndes Wissen über das Online-Netzwerk

Die Senatoren scheiterten zum Teil mit ihren Fragen und Kritik am eigenen mangelnden Wissen über das Online-Netzwerk und an den Ausweichmanövern des Milliardärs. Einer wollte zum Beispiel wissen, wie sich die Firma finanziere. Antwort Zuckerberg: „Senator, bei uns gibt es Werbung.“ Viele Detailfragen beantwortete er nicht direkt, sonder versprach, dass „sein Team“ die Infos liefere. So hatte Zuckerberg keine konkrete Antwort auf die Frage, wie lange es dauert, bis alle Daten eines Nutzers entfernt werden, wenn dieser seinen Account löscht. Das sei komplex, und Facebook bemühe sich, sagte er. Ob das Netzwerk eine neutrale Plattform sei, ließ er offen. Mehrere Politiker wollten wissen, ob Facebook sieht, was wir auf unseren Handys tun, selbst wenn wir dort nicht in dem Netzwerk angemeldet sind. Auch dieser Frage wich Zuckerberg aus, sprach nur davon, es könne aus „technischen Gründen“ durchaus so sein. Immerhin den Vorwurf, sein Konzern belausche heimlich unsere Gespräche, um uns später passende Werbung zu schicken, wies er klar zurück.

Das ganze Geschäftsmodell wird hinterfragt

Die Parlamentarier gingen zwar überwiegend pfleglich mit ihm um, konfrontieren ihn aber auch mit harten Kommentaren. Facebook habe sich bereits früher immer wieder für Fehler entschuldigt – warum sollte dem Konzern jetzt vertraut werden, dass er die Veränderungen umsetze, fragt ein republikanischer Senator. Sein Kollege von den Demokraten hinterfragte das ganze Geschäftsmodell von Facebook: dieses basiere darauf, mit Nutzerdaten Geld zu machen – insofern reichten Zuckerbergs „vage Verpflichtungserklärungen“ nicht aus.

Die Parlamentarier drohten Facebook mit schärferer Regulierung: „Der Status quo funktioniert nicht mehr“, sagte ein Republikaner. Doch Zuckerberg hatte auch darauf eine Antwort parat. Er zeigt sich offen für Regulierungen – „wenn es die richtige Regulierung ist“, fügt er aber hinzu.

Asche aufs Haupt streuen

Zu Zuckerbergs Strategie gehört auch, reichlich Asche auf sein Haupt zu streuen. So tat der Milliardär das, was von ihm erwartet wurde: Er zeigte Reue. Facebook habe das Ausmaß seiner Verantwortung nicht erkannt. „Das war ein großer Fehler. Es war mein Fehler.“ Seine größte Priorität sei nach wie vor, die Menschen zu vernetzen – und das werde immer wichtiger sein als die Interessen der Werbekunden, „solange ich Facebook führe“, sagte Zuckerberg. Seine Kernbotschaft: Alles wird gut. Auch wenn manche Senatoren ihm das nicht abnahmen, an der Börse kam sein Auftritt positiv an. Die Aktie des Unternehmens stieg während Zuckerbergs Auftritt am Dienstag um mehr als vier Prozent.

Kommen schärfere Datenschutzbestimmungen?

Wie Zuckerberg in einer zweiten Anhörung am Mittwoch berichtete, seien auch seine persönlichen Daten an das umstrittene Datenanalyse-Unternehmen Cambridge Analytica gegangen. Nach Einschätzung von Facebook könnten die Informationen von 87 Millionen Nutzern weltweit betroffen sein – darunter von 70 Millionen Amerikanern.

Offen bleibt, ob Facebook und andere Tech-Firmen bald schärfere Datenschutzbestimmungen zu erwarten haben. Viele der US-Senatoren zeigten sich dazu bereit, die Privatsphäre der Nutzer durch strenge Auflagen besser zu schützen. Unklar ist jedoch, ob es für neue Gesetze eine Mehrheit gibt.

(Mit dpa)


Datenskandal

Bei dem aktuellen Datenskandal um Facebook hatte der Entwickler einer Umfrage-App vor mehr als vier Jahren Informationen von Nutzern unrechtmäßig an die Analyse-Firma Cambridge Analytica weitergereicht, die später unter anderem für das Wahlkampfteam von US-Präsident Donald Trump arbeitete. Dabei ging es nicht nur um die Daten der Umfrage-Teilnehmer, sondern auch um die ihrer Facebook-Freunde - der Daten-Zugriff für App-Entwickler ließ das von 2007 bis 2014 zu.

Nach Einschätzung von Facebook könnten die Daten von bis zu 87 Millionen Nutzern weltweit betroffen sein - darunter potenziell von gut 70 Millionen Amerikanern.