Serie „50 Jahre 1968“ Mythos freie Liebe

Von Melanie Heike Schmidt


Osnabrück. Im Jahr 1968 verlor die Liebe ihre Ketten, löste sich von Traditionen, Ehe und Zweisamkeit und wurde wild, sinnlich und frei – so der Mythos. Doch wie frei waren die Beziehungen wirklich? Und welche Konsequenzen folgten aus dieser Entwicklung? Eine Annäherung an ein komplexes, intimes Thema.

Wer „freie Liebe“ und „1968“ hört, denkt vermutlich unmittelbar an das berühmte Schwarz-Weiß-Foto aus der Kommune1: Sieben nackte Erwachsene stehen mit dem Rücken zum Betrachter in einer Reihe nebeneinander wie bei einer Polizeirazzia, die Hände hoch an die weiße Wand gereckt, Arme überkreuz, die Gesichter sind nicht zu erkennen, dafür dunkle, wuschelige, langhaarige Hinterköpfe. Ganz rechts steht ein kleiner, blonder Junge, der zum Fotografen sieht. Dieser Rückenakt, von dem Fotografen Thomas Hesterberg im Juni 1967 in Deutschlands wohl bekanntester Wohngemeinschaft auf Film gebannt, gehört zum historischen Gedächtnis der Nation. Und es verdeutlicht, wie es bei den politisierten 68ern um die Intimsphäre bestellt war: Sie existierte nicht mehr. Oder sollte nicht mehr existieren. Gefühle wie Scham oder schlicht der Wunsch nach Privatheit passten nicht zu dem Image der Protestbewegung, die alles Private als politisch einstufte, die Tabus brechen und abschaffen wollte und die vor allem endgültig Schluss machen wollte mit den Traditionen, Institutionen und Werten der Elterngeneration, der man vorwarf, die Nazizeit weder hinter sich gelassen noch adäquat aufgearbeitet zu haben.

Die Einführung der „Pille“ auch auf dem deutschen Markt ab Mitte der Sechzigerjahre tat ihr Übriges: Sie minderte bei den Frauen die Angst vor ungewollten Schwangerschaften. Freie Fahrt für freie Liebe also? Aus heutiger Sicht muss die Antwort wohl lauten: Ja und Nein.

Altes oder neues Anspruchsdenken?

Sicher ist: Für viele junge Leute löste sich die ungeliebte, gesellschaftlich verordnete Verklemmtheit, Konventionen wurden hinterfragt, Lebensmodelle vielfältiger, Leben und Lieben offener. Allerdings wurden die alten Regeln innerhalb der 68er-Bewegung auch ersetzt durch ein Anspruchsdenken anderer Art: Politisch korrekt erschien in den gestrengen Augen der aktiven 68er dann nur, wer diskutierte, wer auf die Straße ging, wer auf Konventionen, Besitz und Paarbeziehungen pfiff oder gar wer sich auszog vor der Kamera. Freie Liebe, freier Sex, wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment und so weiter.

Ausgerechnet Dutschke

Dass ausgerechnet 68er-Wortführer Rudi Dutschke 1966 sein Gretchen heiratete und mit ihr in Zweisamkeit und später in ach so verpönter Kleinfamilie lebte, kam bei seinen Freunden nicht gut an. Wie über alles wurde auch darüber debattiert. Ex-Kommunarde Rainer Langhans, der zusammen mit Dutschke im Sozialistischen Studentenbunds SDS aktiv war, erinnert sich im Gespräch mit unserer Redaktion: „Wir haben schon damals zu Rudi Dutschke gesagt: Wenn du dich nicht selbst veränderst, dann wirst du nicht die Welt verändern. Und daraufhin hat er gesagt: Ich kann leider nicht, ich muss mit Gretchen leben.“

Beben vor Sinnlichkeit

Dennoch machte die neue, vom rückständig und kleingeistig empfundenen Wertekorsett befreite Sinnlichkeit der End-Sechzigerjahre auch vor der politisierten Außerparlamentarischen Opposition (APO) nicht Halt. Barbara Sichtermann, wie Dutschke und Langhans SDS-Mitglied, formuliert es im Buch „Bilderbuch einer Revolte“ (Jacoby & Hafner, 1993) so: „Diese Jahre bebten vor Sinnlichkeit. (...) Was die Jugend zur APO trieb, war vor allem die Aussicht auf freie Liebe, auf Stones und Bob Dylan aus den Boxen und auf ein Haschisch-Pfeifchen zu den nicht enden wollenden Diskussionen über Orgasmus und Weltrevolution.“

Die Sexwelle rollt

Bald brachen die neue Lust und Unverklemmtheit wie glühende Lava durch dick verkrustete, erkaltete Schichten tradierter Vorstellungen. Oswald Kolle trieb mit seinen Aufklärungsbüchern und -filmen so manchem Nicht-68er in der Republik die Schamesröte ins Gesicht. Die 68er wurden auch rot, allerdings vor Wut, weil Kolle ihrer Ansicht nach antiquierte Rollenbilder bediente und die Ehe favorisierte. Erfolg hatte Kolle dennoch. Genau wie „Helga“. Der gleichnamige, im Grunde dröge Aufklärungsfilm, entstanden im Auftrag der damaligen Gesundheitsministerin Käte Strobel, sorgte 1967 für Ohnmachtsanfälle in den Kinos, da im Film eine Geburtsszene zu sehen war – woraufhin das Rote Kreuz Mitarbeiter in die Vorführsäle schickte. Fünf Millionen Menschen in Deutschland sahen den Film, der als Mit-Auslöser der sexuellen Revolution gilt, 1968 verlieh man „Helga“ die „Goldene Leinwand“. Und das, obwohl so mancher in dem Werk kaum mehr sah als Schund. Allerdings Schund in Kombination mit sehr viel nackter Haut.

Selbstredend gab es Nachfolger, etwa ab 1970 die pseudo-dokumentarischen Werke namens „Schulmädchen-Report“ , die trotz der Vorwürfe, scheinauthentisch zu sein und lüsterne Zerrbilder zu präsentieren, so erfolgreich waren, dass insgesamt 13 Teile produziert wurden. Auch erste Sexfilmchen à la „Pudelnackt in Oberbayern“ tauchten auf.

Sex und Wissenschaft

Und all das schien erst der Anfang zu sein von einer Entwicklung, in der viele den direkten Weg in den moralischen Abgrund sahen. Da half es auch wenig, das Thema mit einem pseudo-wissenschaftlichen Anstrich zu versehen wie es etwa mithilfe der US-amerikanischen Kinsey-Reports geschah, die hierzulande Ende der Sechzigerjahre sehr präsent waren. Deren intime Erkenntnisse waren zwar weder neu (Umfragen aus den Fünfzigerjahren) noch repräsentativ. Die heiklen Informationen unter der Decke zu halten, war unmöglich. Die Sexwelle rollte. Und ließ sich nicht mehr stoppen.

Philosophische Wegbereiter

Wem es danach gelüstete, der konnte die neue sexuelle Freiheit selbstverständlich auch mit einem philosophischen Überbau versehen. Bis dato links liegengelassene Werke wie zum Beispiel Schriften des Philosophen Wilhelm Reich aus den Dreißigerjahren, in denen er sich gegen eine „sexuelle Zwangsmoral“ wandte, wurden ab 1967 entstaubt und wiederentdeckt. Auch Herbert Marcuse mit seinen Plädoyers für die Ausübung freier Liebe und die Auflösung der Kleinfamilie fungierte als philosophischer Wegbereiter der sogenannten sexuellen Revolution. Er schrieb: „Durch die Erweiterung dessen, was erlaubt ist, wird Sexualität gesellschaftsfähig gemacht. Sexualität wird zum Element der Karriere, wird systematisch benutzt und belohnt in der Werbeindustrie und den gesellschaftlichen Bedürfnissen angepasst.“

Sex als neues Lieblingsthema in der Presse

Auch die Journalisten im Land widmeten sich genüsslich wie ausführlich dem Thema. Dem Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ etwa war das Dauerthema Sex im Jahr 1968 gleich mehrere Geschichten wert. In der Titelstory „Sex – Schaulust oder neue Moral?“, erschienen am 18. November 1968, schrieb das Blatt: „Auch ohne Statistik läßt sich feststellen, daß in bestimmten Bereichen der Gesellschaft der Spielraum sexuellen Verhaltens größer geworden ist. Eine Gesellschaft, in der (durch die Pille) die Angst vor ungewollter Empfängnis weithin entfällt (...) eröffnet jedenfalls ungezwungenere Möglichkeiten der Begegnung.“ Das Blatt zitierte den US-Jesuitenpater Walter J. Ong: „Wir werden mit einem Grad von Freiheit leben müssen, viel größer, als wir ihn je in der Vergangenheit gekannt haben.“ Auch US-Historiker Max Lerner kam zu Wort, er sagte dem „Spiegel“: „Eine neue Moral muß gefunden werden, und ich glaube, die Jugend ist dabei, sie zu finden.“

Suche nach dem neuen Menschen

Spricht man mit Zeitzeugen wie Rainer Langhans, erahnt man die Suche nach dieser neuen Moral. „Die Kommune wollte mit ihrer anderen Lebensweise eine allgemeine Zärtlichkeit und damit auch eine andere Sexualität in uns entdecken und realisieren“, schreibt Langhans in seiner Biografie „Ich bin‚s – Die ersten 68 Jahre“ (2008). Und zieht einen interessanten Schluss: „Das, behaupte ich, ist der eigentliche Inhalt dieses 68er-Gefühls gewesen: die Frage, wie man ein neuer, ein wahrer Mensch, werden kann.“

Orgien? Natürlich! Oder doch nicht?

Der Großteil der Presse interessierte sich damals offenbar eher für Orgien und enthemmte Liebesspiele, wie Kommune-1-Mitglied Langhans im Gespräch mit unserer Redaktion erzählt: „Jeder mit jedem, Orgien, ja, ja, das ganze Programm. Das wollten die damals immer schreiben, und das haben sie dann auch geschrieben.“ Wohl auch, weil die Kommunarden auf die drängenden Fragen nach freiem Sex und wilden Orgien eher lapidar reagiert hatten nach dem Motto: „Schreiben Sie das doch, wenn Sie unbedingt wollen.“ Die Begründung dafür ist so einleuchtend wie augenzwinkernd, hält sie doch „den Spießern“ geschickt den Spiegel vor: „Wir hatten nichts davon gemacht“, so Langhans. „Aber die hatten das im Kopf und wir wussten, dass diese Leute gar nicht anders denken konnten, als sie es taten.“

Und so wurde die Liebe dann doch frei – in Druckzeilen, in Filmen und irgendwann auch in vielen Köpfen.

Und die Konsequenzen?

Zwei Nachträge aber dürfen nicht fehlen: Wer glaubt, dass die Zahl der Eheschließungen nach 68 einknickte, irrt: 1969 heirateten 571736 Paare – fast 8000 mehr als 1968. Und: Nachdem das berühmte Foto aus der Kommune 1, der Rückenakt, endlich im Kasten war, zogen sich alle blitzschnell wieder an.