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Ex-Außenminister Joschka Fischer wird 70: Rock‘n‘Roll und hohe Diplomatie

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Osnabrück. Er hat mächtig ausgeteilt, aber auch ordentlich eingesteckt – und niemals aufgesteckt: Joschka Fischer, der an diesem Donnerstag 70 Jahre alt wird, ist ein Mann der Extreme und der Wandlungen. Heute kommt er eher milde und abgeklärt daher. Doch die Lust an der Debatte ist noch nicht erloschen. Neue Leiden plagen den alten Fischer.

Was ist er nicht alles gewesen, was hat er nicht alles gemacht! Messdiener, Hausbesetzer, radikaler Steinewerfer, Schrecken der Konservativen, umstrittener Übervater der Grünen, der erste Minister seiner Partei, Außenminister, Vizekanzler, Elder Statesman: Joschka Fischer hat viele Stationen und einen langen Marsch durch die Institutionen hinter sich. Aus der aktiven Politik hat er sich schon lange verabschiedet. Und doch ist er weiter ein gefragter Mann, als Berater etwa oder als Autor.

Vor allem verbindet die Republik mit seinem Namen aber eine beispiellose politischen Biografie. In Erinnerung bleibt unter anderem der „Turnschuhminister“, der 1985 betont leger zur Vereidigung als hessischer Umweltminister erschien, übrigens gegen seinen eigenen Willen. Aber die Grünen wollten ein Zeichen setzen, sich demonstrativ von den anderen Parteien abheben.

Das ist auch Fischer gelungen. Er war anders als viele andere, kritischer, provozierender, verletzender und hat sich doch über Parteigrenzen hinweg Ansehen erworben. Wie ist ihm das gelungen? Der Versuch einer Annäherung.

„Anpassung führt in den Abgrund“

Der Mann klarer Ansagen: Joschka Fischer nimmt kein Blatt vor den Mund, auch heute noch nicht. „Was die rechte Welle stark macht, ist der Opportunismus der Mitte. Diese Anpassung führt in den Abgrund“, warnt er im Oktober vergangenen Jahres bei den Osnabrücker Friedensgesprächen mit Blick auf Populisten, Rechtsradikale und „Nazis“. In einem Interview geht er wenig später die „Alternative für Deutschland“ hart an. „Diese AfD ist ein komischer Verein. Sie wollen mit Nazis nichts zu tun haben, reden aber wie Nazis, denken wie Nazis. Was sind sie also? Eben.“

Deutlich bezieht Fischer auch Position, als 2012 über angebliche Verfehlungen des damaligen Bundespräsidenten Christian Wulff diskutiert wird. „Demnächst wird der Bundespräsident über Wasser wandeln müssen. Und dann wird man ihn fragen, ob er am Ende den Erwerb dieser Fähigkeit sich nicht hat subventionieren lassen“, wirft Fischer gewohnt mürrisch ein.

Unvergessen bleibt ein Zwischenruf im Bundestag. Im Jahr 1984, die Grünen sind seit dem Vorjahr erstmals im Hohen Haus vertreten, legt sich der Abgeordnete Fischer mit Parlamentsvizepräsident Richard Stückeln an. In einer kontroversen Debatte um „gekaufte“ Politiker in der Flick-Parteispendenaffäre fühlen die Grünen sich schlecht behandelt, und Fischer reagiert sauer: „Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch.“ Am nächsten Tag nimmt er den Satz zurück.

Der Mann der Extreme: „Ich bin ein Mensch, der alles, was er macht, exzessiv macht. Also mache ich exzessiv Politik“, sagt Fischer 1991 im Gespräch mit der Fotografin Herlinde Koelbl, die ihn über Jahre immer wieder interviewt und fotografiert hat – mal lässig in Jeans-Hemd und Sport-Sakko, mal elegant in Anzug und Krawatte, mal extrem übergewichtig mit dicker Wampe über dem Gürtel, mal hager und schmal in seiner Zeit als Langstreckenläufer. 1991 ist Fischer bereits ein erfahrener Politiker und zum zweiten Mal Minister in Hessen. Und er profiliert sich weiter als Meister des Angriffs: „Ich bin am besten, wenn es zur Attacke geht, Es muss ätzen, dann bin ich am besten“, spricht er Koelbl 1992 aufs Band.

Bescheidenheit ist Fischers Sache nicht. So manches Mal kommt er selbstgefällig daher. So nimmt er nach der Abwahl der rot-grünen Bundesregierung im Jahr 2005 eine Ausnahmerolle für sich in Anspruch: „Ich war einer der letzten Live-Rock-’n’-Roller der deutschen Politik“, charakterisiert er sich selbst. Und er verabschiedet sich mit einem verletzenden Seitenhieb: „Jetzt kommt in allen Parteien die Playback-Generation.“

„Ja, ich war militant“

Der Mann der Wandlungen: „Ja, ich war militant“, räumt Fischer 2001 in einem „Stern“-Interview ein. „Wir haben Steine geworfen. Wir wurden verdroschen, aber wir haben auch kräftig hingelangt.“ Der spätere Minister ist in den 1970er-Jahren in Frankfurt (Main) in der Hausbesetzer-Bewegung aktiv gewesen. Der „Stern“ veröffentlicht Fotos von 1973 und identifiziert Fischer als einen der mit Helmen ausgerüsteten Gewalttäter, der mit der Faust auf einen Polizisten einschlage. Im Interview mit der Illustrierten erklärt der entlarvte Täter das so: „ Es war eine Zeit, in der auf Rudi Dutschke geschossen wurde, eine Zeit der härtesten Konfrontation, des öffentlich gepredigten Hasses gegen die Studenten.“

Die Radikalisierung vieler Linker und erst recht der spätere Terrorismus lassen Fischer umschwenken. Seine Partei schwört er auf einen realpolitischen Kurs ein, einschließlich militärischer Einsätze, was ihm ebenfalls jede Menge Kritik und sogar einen tätlichen Angriff einbringt. Auf einem Sonderparteitag der Grünen in Bielefeld kommt es 1999 zu einem Zwischenfall. Fischer bekommt einen roten Farbbeutel an den Kopf. An seinem Plädoyer für eine deutsche Beteiligung am Nato-Einsatz im Kosovo ändert das nichts. Das Morden auf dem Balkan müsse beendet werden, fordert er. „Nie wieder Krieg, nie wieder Auschwitz, nie wieder Völkermord, nie wieder Faschismus.“

Andererseits widersetzt sich Fischer zusammen mit Kanzler Gerhard Schröder den Forderungen der USA, den Irak Saddam Husseins anzugreifen. Als die USA dem irakischen Diktator unterstellen, er besitze Massenvernichtungswaffen, bleibt Fischer unbeugsam: „I am not convinced (ich bin nicht überzeigt)“, hält der deutsche Außenminister dem damaligen US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld entgegen. Auch politische Gegner zollen ihm dafür Respekt.

Große Anerkennung bekommt Fischer auch als Freund Israels. 2003 wird er mit der Buber-Rosenzweig-Medaille der christlich-jüdischen Gemeinschaften ausgezeichnet. Immer wieder bemüht er sich als Außenminister um eine Annäherung zwischen Israelis und Palästinensern. Einmal, nach einem blutigen Anschlag auf israelische Jugendliche, wird er sogar kurz zum direkten Vermittler.

„...dann musst Du ganz gehen“

Der Abgang zum richtigen Zeitpunkt: Wann soll ein Politiker gehen? Auch das ist eine entscheidende Frage, wenn es ums Ansehen und den Nachruf geht. Denn es gibt viele Beispiele dafür, dass große Politiker, die den Zeitpunkt verpassen, am Ende nur noch ein Schatten ihrer selbst sind. Fischer nennt als Beispiel den Langzeitkanzler Helmut Kohl. Ihm selbst ist ein besserer Abgang gelungen. 2005 hat er noch einmal energisch für eine Fortsetzung der rot-grünen Koalition gekämpft – vergeblich. Im Jahr darauf legt er sein Bundestagsmandat nieder.

„Ich hatte meiner Frau schon vor der Bundestagswahl 2005 versprochen, auch nach einem Wahlsieg nach einem Jahr zurückzutreten“, so Fischer unlängst in der „Süddeutschen Zeitung“. Und: „Mit dem Ende von Rot-Grün war die Gelegenheit zum Ausstieg früher da, die habe ich genutzt. Wenn du einmal in der Alpharolle warst, dann gibt es kein Zurück in die zweite Reihe mehr, dann musst du ganz gehen.“

So ganz ist Fischer aber, wie gesehen, nicht gegangen. Und für die Zukunft begleiten ihn die guten Wünsche des Vorstands der Grünen. Robert Habeck und Annalena Baerbock halten fest: „Joschka hat den Rock’n‘Roll in die Politik gebracht und die grüne Partei in die Regierungsfähigkeit geführt. Er hat unserer Partei auch viele unbequeme Entscheidungen zugemutet. Aber nur aus Zumutung erwächst Zutrauen und Kraft. Was man von Joschka vor allem lernen kann, ist kämpfen. Politik ist weder ein starres Etwas noch ein Naturgesetz, man kann sie verändern, wenn man alles zu geben bereit ist. Alles Gute, Joschka!“


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