Amokfahrt in Münster Frage an Konfliktforscher: Wie geht man mit einem solchen Trauma um?

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Osnabrück. Das beschauliche Münster ist Ziel einer tödlichen Gewalttat geworden. Was macht ein solcher Vorfall mit den Menschen in der Stadt? Dazu haben wir den Konfliktforscher Andreas Zick befragt, er ist Leiter des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung an der Universität Bielefeld. Er sagt: Solidarität und Kontrolle können helfen, das kollektive Trauma zu überwinden.

Herr Zick, am Samstag ist Münster Ziel eines Gewalttäters geworden. Was macht ein solches Ereignis mit den Menschen in der Stadt? Wie geht man mit einem solchen Trauma um?

Unser Blick auf Münster geht in zwei Richtungen: den Umgang unter den Angehörigen und den Umgang in der Stadtgesellschaft. Bei einer solchen Gewalttat bekommen Opfer und Angehörige ein professionelles Angebot durch Psychotherapeuten, die hoch erfahren sind im Umgang mit Traumatisierungen durch Amoktaten. Die Verarbeitung dauert sehr lange, weil Traumata sich gerade dadurch auszeichnen, dass massive Ängste jahrelang auftreten können.

Auch für Beobachter, die unmittelbar den Anschlag erlebt haben, wird es hoffentlich ein Beratungs- und Betreuungsangebot geben, ebenso für Einsatzkräfte, die vor Ort sind. Die Hilfen haben sich verbessert.

Mit Blick auf die Bürger in Münster richtet sich der Blick auf die Ängste und Bedrohungen, die wir als kollektives Trauma bezeichnen können. Solche Taten und die Ängste erzeugen Stress in einer Gemeinschaft. Hierfür gibt es zwei Säulen, die helfen, Stress zu reduzieren: Solidarität und Kontrolle. Die gemeinsame Trauer und gegenseitige Unterstützung sind wichtige Hilfen zur Stärkung von Solidarität. Zur Wiederherstellung von Kontrolle helfen die öffentliche Sicherheit, Informationen zur Einschätzung des Risikos und die genaue Klärung, ob in der Prävention etwas getan werden kann.

Die Polizei in Münster hat sich klug verhalten, wie ich finde. Jetzt muss geklärt werden, ob es, wenn es ein Amokfall war, ein vorheriges Durchsickern der Tatandrohung gab. Zudem müssen Fragen von Bürgern, die auf Sorgen hinweisen, ernst genommen werden.

Wie verhindert man, dass man selbst in Panik gerät oder mit Angst durch den Alltag geht?

Angst ist zunächst normal. Sie kann Ihnen in einer solchen Situation helfen, wenn sie realistisch bleibt. Sie kann die Wachsamkeit erhöhen und helfen, sich zu fragen: Wie können wir in Ruhe aus der Situation herauskommen? Wer braucht Hilfe? Was kann ich realistisch helfen? Panik hilft dagegen nicht, sondern macht dafür anfällig, sich irrational zu verhalten. Gegen die Panik hilft eine Orientierung an Personen oder Gruppen, die nicht panisch sind; so banal, wie es klingt. Panik steckt sich gegenseitig an.

Aus dramatischen Fällen in Menschenmengen, wie der Love Parade in Duisburg oder auch kleineren Vorfällen, wenn es zum Gedränge kommt, wissen wir, dass Menschen, die massiv verunsichert oder panisch sind, sich an anderen orientieren, die ähnliche Ängste haben. Das hilft nicht. In Schulen, Universitäten und Firmen mit vielen Mitarbeitern wird trainiert, sich in panischen Situationen zu verhalten. Die Menschen lernen ein Skript, das abläuft und falsche Gedanken und Emotionen ausschaltet. Auch in vielen Kursen zur Ersten Hilfe wird das vermittelt.

Zweitens hilft die Orientierung an verlässlichen Quellen in sozialen Medien. Orientierungen an Informationen, die die Panik vorantreiben, wie wir auch in Münster wieder erlebt haben, helfen nicht. Drittens können öffentliche Räume heute besser auf Gefahren vorbereitet werden, indem Fluchtwege klarer sind. Sie sollten in Räumen, wo viele Menschen sind, immer wissen, wo Auswege sind. Das verhindert nicht die Tat, ist aber präventiv für Panikmomente, in denen Menschen Kontrolle verlieren.

Gehen wir einmal weg von der konkreten Tat in Münster und schauen auf die Wirkung von Gewalttaten im Allgemeinen. In Münster beispielsweise bewegt man sich in der Regel mit dem Rad, also ungeschützt, die Altstadt ist bei gutem Wetter wie am Samstag voller Menschen, tausende Studenten sorgen für viel Lebendigkeit. Sind solche Orte, die besonders agil und zugleich friedlich wirken, besonders lohnenswerte Ziele, um möglichst viel Angst und Schrecken zu verbreiten?

Wir brauchen noch viele mehr Forschung dazu, in welchem Räumen Amoktaten oder terroristische Taten wahrscheinlicher sind, sodass diese Räume besser vorbereitet werden können. Allerdings wäre es falsch zu behaupten, wir könnten die lohnenswerten Ziele genau bestimmen. In Studien finden wir, dass kommerzielle Bereiche wie Einkaufszonen und Bildungseinrichtungen eher aufgesucht werden als Ämter. Bei Amoktaten sind es Räume, wo öffentliche Aufmerksamkeit herrscht, bei Terror kann es ganz anders sein. Denken Sie an den Anschlag auf einen Priester in der Normandie, an den kürzlich erinnert wurde.

Münster ist eher gut geschützt vor Extremisten und hat eine kluge Zivilgesellschaft, die eben nicht panisch wird, oder sich populistischer Angstschürerei hingibt. Wir müssen die Gewalt ernst nehmen, Prävention stärken und mehr in die Analyse von Vorwarn-Anzeichen investieren. Dabei müssen wir auch wieder zum Beispiel – auch wieder ohne Populismus – darüber reden, woher die Waffen kommen. Viele Menschen werden sich das fragen. Gewalt ist ein Verlust von Kontrolle, daher helfen Antworten auf Ängste, die Kontrolle wiederherzustellen.

Weiterlesen: Amokfahrt in Münster – Was wir über den Täter wissen


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