Nicht nur Dutschkes Revolte Weg mit den Legenden - ein neuer Blick auf 1968

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Osnabrück. Rudi Dutschke, Daniel Cohn-Bendit und die großen Demos in Berlin, Frankfurt und Paris – unser Bild von 1968 ist geprägt von wenigen bekannten Männern und Fotos einzelner Orte. Doch auch Frauen spielten eine wichtige Rolle. Auch spielte sich der Protest nicht nur in den Metropolen ab. Christina von Hodenberg beschreibt „Das andere Achtundsechzig“ und räumt auf mit Mythen, die sich um 1968 ranken.

Viele Bilder täuschen. 1968 ist weit mehr gewesen als der Protest männlicher Eliten in den Metropolen. Christina von Hodenberg, Professorin für Europäische Geschichte am Queen Mary College der University of London, hat eine Gesellschaftsgeschichte der Revolte geschrieben, die sich besonderer Quellen bedient. So wertete sie Hunderte von Tonbändern aus, auf denen Psychologen der Universität Bonn ihre Gespräche mit mehr als 200 Untersuchungsteilnehmern aufzeichneten. Es war ein wissenschaftliches Großprojekt: die 1965 gestartete „Bonner Längschnittstudie des Alters“. So genannte einfache Leute kommen in den Interviews zu Wort, ohne akademischen Abschluss, Menschen verschiedenen Geschlechts und Alters. Christina von Hodenberg wertete die Gespräche akribisch aus und kann nun sagen, dass vieles, was unser Bild von 1968 geprägt hat, nur eine Legende ist.

Frau von Hodenberg, Sie kritisieren Legendenbildung und sagen, unser Bild von 1968 stimme hinten und vorne nicht. Muss die Geschichte der 1968er Revolte, ihrer Ursachen, Abläufe und Wirkungen zumindest teilweise neu geschrieben werden?

Zumindest teilweise ja. Es ist natürlich nicht so, dass es nichts wert ist, was bisher geschrieben worden ist. Aber es hat doch über die Jahrzehnte eine Mythen-Bildung gegeben, die sich immer weiter entfernt hat von dem, was 1968 eigentlich war. Gerade deswegen, und weil das Jahr eine große Strahlkraft entwickelt hat, muss man hinterfragen: Was war damals?

Welche Wahrnehmung müssen wir denn korrigieren?

Problematisch ist vor allem, dass 1968 in der öffentlichen Wahrnehmung auf ganz wenige Akteure und Orte zusammengeschnurrt ist. Da geht es eigentlich immer nur um Westberlin und Frankfurt, immer nur um den SDS (Sozialistscher Deutscher Studentenbund) und Rudi Dutschke und Daniel Cohn-Bendit und vielleicht noch Joschka Fischer. Man hat dabei vergessen, dass es auch andere Gruppen gibt, die zum Beispiel in der privaten Sphäre aktiv gewesen sind, wie die Frauen, dass 1968 auch in der Provinz spielt und dass nicht nur Eliten und junge Menschen eine Rolle gespielt haben.

1968 ist immer wieder als Generationenkonflikt beschrieben worden mit der Überschrift: Junge Männer rebellieren gegen Väter mit NS-Vergangenheit. Ist auch das eine Legende?

Das ist in der Tat eine Legende. Wenige Einzelfälle sind verallgemeinert worden von den Medien und später auch von Zeitzeugen. Dann gab es diese Idee, dass sich die Söhne in den Familien aufgelehnt hätten gegen die belasteten Väter. Was ich herausgefunden habe, als ich in die Familien geschaut habe, war aber erst mal, dass gar nicht so viel Konflikt in den Familien herrschte, dass das Ausmaß von Konflikten eher zurückgegangen war, wenn man es mit früheren Jahrzehnten vor 1968 vergleicht. Auch findet man eher 68er, die sich gemeinsam mit den Eltern am Beschweigen der Vergangenheit beteiligen. Selbst wenn sie es manchmal dumpf ahnten, dass da ein belasteter Vater oder eine belastete Mutter war, wurde das eben nicht offensiv in den Familien angegangen. Es ist ja schwierig, eine emotionale Beziehung zu jemandem, von dem man dann auch noch in vielen Fällen finanziell abhängig ist, aufs Spiel zu setzen.

Wie wurde der Konflikt mit der sogenannten Tätergeneration denn ausgetragen, wenn nicht in der Familie und in der direkten Auseinandersetzung?

Die 68er machen meist einen Unterschied, ob derjenige, den sie angreifen, ihnen persönlich bekannt ist oder nicht. Sie zielen auf abstrakte Nazis, die sie nicht persönlich kennen und deshalb leichter angreifen können: also den Polizeipräsidenten, den man als autoritär erfährt, oder den belasteten Bundespräsidenten Heinrich Lübke usw. Wenn aber der eigene Doktorvater oder aber der eigene Großvater oder Vater belastet ist, dann wagen es die 68er zumeist nicht, diese Diskussion anzufangen.

Mit Rudi Dutschke, Fritz Teufel, Rainer Langhans oder Daniel Cohn-Bendit können die meisten Menschen etwas verbinden. Diese Männer standen immer wieder im Rampenlicht. Welche Frauen haben eine ähnliche oder sogar gleich große Rolle gespielt? Wie weiblich war 1968?

Ein Viertel der SDS-Mitglieder war weiblich und auch ein Viertel der Studenten. Da war zum Beispiel Helke Sander, die als Frau eine Rede gehalten hat bei einem SDS-Kongress im September 1968. Sie hat von den SDS-Machos gefordert, sie sollten sich jetzt auch mal mit den Frauen solidarisieren und überhaupt mal die Unterdrückung der Frauen wahrnehmen. Auf dem selben Kongress hat dann Sigrid Damm-Rüger Tomaten geworfen auf die Männer auf dem Podium, als diese sich der Diskussion verweigerten. Und da ist beispielsweise Gretchen Dutschke-Klotz, die immer nur wahrgenommen worden ist als die Frau von Rudi, die aber selbst auch Aktivistin war. Abgesehen von diesen öffentlichen Auftritten haben tausende von Frauen Konflikte ausgetragen, die sich nicht auf offener Bühne, sondern im Privaten abgespielt haben.

Inwieweit war 1968 auch eine Bewegung der mittleren und älteren Generation sowie von Arbeitern und Angestellten. Immerhin waren bei Demonstrationen nicht nur Studenten unterwegs…

Gerade bei der Bewegung gegen die Notstandsgesetze waren die mittlere und ältere Generation ziemlich stark beteiligt. Immerhin hatte es in Deutschland ja auch eine Minderheit gegeben, die schon vor Hitler zum linken Lager oder zum Gewerkschaftsmilieu gehört hatte. Sehr viel ernster genommen werden muss auch die Rolle der mittleren Generation, also die der Eltern der 68er. Das waren Leute, die damals so in ihren 40er und 50ern waren. Diese Leute haben schon einiges unterstützt von dem, was die 68er wollten, und waren auch schon deshalb nicht so oft im Konflikt mit ihren Kindern. Beim Thema sexuelle Befreiung kann man das ganz klar sehen. Da gab es generationenübergreifend einen ziemlich breiten Konsens, dass man Verhütungsmittel abgeben soll an unverheiratete Frauen, oder dass voreheliche Beziehungen nicht mehr kriminalisiert werden sollen.

Sie haben schon gesagt, es gab große Aufmerksamkeit für die Studentenproteste in Berlin und Frankfurt... Aber was tat sich an anderen Universitätsstädten und in der Provinz?

Auch da war eine Menge los. Auch in der Provinz gab es Demonstrationen gegen die Notstandsgesetze, bildeten sich Frauengruppen, gab es Proteste an lokalen Schulen und Universitäten gegen belastete oder besonders autoritär agierende Direktoren oder Schulleiter. Überall in der Provinz gab es auch Demonstrationen nach dem Schah-Besuch, also nach der Erschießung des Studenten Benno Ohnesorg, und nach dem Attentat auf Rudi Dutschke. Und schließlich breiteten sich auch die Gleichberechtigungskonflikte zwischen Frauen und ihren Männern im gesamten Land aus.

Warum hat man so viele wichtige Aspekte der Zeit solange nicht wahrgenommen? Wie erklären Sie den Tunnelblick von Medien und Wissenschaftlern auf die Ereignisse?

Es ist ja so, dass die Medien nach ihrer eigenen Logik gerne personalisieren. Das hat schon 1967 angefangen damit, dass Rudi Dutschke zu einem Medienstar gemacht worden ist und sehr oft im Fernsehen zu sehen war. Da sind damals Fotos und Filme entstanden, die bis heute immer wieder reproduziert werden. Das waren Bilder von Kameramännern und Fotografen, die selbst eine bestimmte Interpretation der Revolte im Kopf hatten und sich sehr stark auf Männer und junge Leute fokussierten.

Und die Wissenschaft?

Unter Historikern und in der wissenschaftlichen Debatte ist es über drei oder vier Jahrzehnte so gewesen, dass im Wesentlichen frühere Mitstreiter, die dann zu Wissenschaftlern geworden sind, die Debatte beeinflusst haben. Die hatten zum Teil auch mit anderen noch ein Hühnchen zu rupfen und hatten dann eben eine gewisse Agenda. Ich denke, man kann jetzt sehen, 50 Jahre nach der Revolte, dass neuerdings hauptsächlich Wissenschaftler den Ton angeben, die selbst nichts mehr mit 68 zu tun haben, weil sie damals noch gar nicht erwachsen waren. Auch dadurch erklärt sich jetzt der andere Blick.

Im Rückblick auf 1968 steht fest: Die sozialistische Revolution ist ausgeblieben, Lebensstile haben sich aber stark verändert. Bedeutet 1968 also mehr gesellschaftliche als politische Veränderung?

Ja, es ist sicherlich eher ein kultureller, ein gesellschaftlicher Wandel ausgelöst worden als ein politischer Wandel. 68 war aber auch eine politische Zäsur für die Geschichte der Bundesrepublik. So ist die Politik sehr viel basisdemokratischer geworden. Die Demokratisierung von unten und der Funke der neuen Frauenbewegung sind das langfristig positive Erbe von 68.

1968 politisierte viele junge Menschen, viele radikalisierten sich in der Zeit danach aber auch. Wie erklären Sie, dass vergleichsweise viele Frauen den Weg in die RAF und andere terroristische Bewegungen genommen haben?

Natürlich ist es so, dass die Terroristen, die Männer und die Frauen der RAF, stark von den Studentenprotesten geprägt waren. Sie waren aber nur eine Splittergruppe, also nicht repräsentativ für die 68er. Der Terrorismus der 1970er-Jahre war nicht das wesentliche Erbe von 68, aber ein Teil dieses Erbes. Die Radikalisierung sowohl in den sektiererischen K-Gruppen als auch in der RAF kommt daher, dass manche der damaligen Aktivisten das Scheitern ihrer ursprünglichen politischen Vorstellungen nur sehr schwer verkraftet haben.

Sie handelten also aus Frust?

Die hatten einen utopischen Willen, alles ganz schnell zu verändern. Und aus dieser Frustration, dass sich die Verhältnisse eben nicht so schnell verändert haben, kam dann bei manchen die Bereitschaft zur Gewalt. Man muss aber auch sagen, dass die typische Reaktion der allermeisten eigentlich war, dass man sich Reformen widmete, in die Institutionen ging und anfing, die Verhältnisse schrittweise zu verändern.

Und wieso waren nun so viele Frauen dabei?

Ich finde es nicht ungewöhnlich, dass gerade Frauen radikal geworden sind. Frauen wie Gudrun Ensslin und Ulrike Meinhof waren genau in der Situation, die auch die ersten Frauengruppen 1968 inspirierte: Sie waren Mütter kleiner Kinder, die keine Kinderbetreuung zur Verfügung hatten, die von ihren Männern mit der Kindererziehung alleine gelassen worden sind. Ihnen wurde deutlich gesagt, wenn du politisch aktiv sein willst, dann geht das gar nicht, denn zu bist ja zu Hause fest angebunden. Auch das hat sicher zur Radikalisierung dieser Frauen beigetragen. Und schließlich war es ein großes Thema in den Medien, wenn Frauen ihre Kinder zurückgelassen haben und sich für die politische Aktivität oder die Gewalt entschieden haben.


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