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04.04.2018, 15:12 Uhr JEDER VIERTE LEHRLING WIRFT HIN

Die Mär vom Abitur als Ticket für den Aufstieg

Von Beate Tenfelde


Auf sie kommt es an: Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU),will die berufliche Bildung verbessern. Foto: dpaAuf sie kommt es an: Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU),will die berufliche Bildung verbessern. Foto: dpa

Berlin. Mehr als jeder vierte Lehrling in Deutschland bricht einem Zeitungsbericht zufolge seine Ausbildung ab. Bei Auszubildenden, die Koch, Restaurantfachkraft oder Friseur werden wollen, höre sogar etwa jeder Zweite vor der Abschlussprüfung auf, heißt es laut „Süddeutscher Zeitung“ im Entwurf für den Berufsbildungsbericht 2018. Im Jahr 2016 seien gut 146000 Ausbildungsverträge vorzeitig aufgelöst worden. Ein Kommentar.

Weiche Themen können zu harten Brocken werden – dafür ist die berufliche Bildung ein anschauliches, aber unschönes Beispiel. Knapp zehn Jahre nach Ausrufung der Bildungsrepublik Deutschland durch die Kanzlerin gerät das Ausbildungssystem aus den Fugen. Der Grund: Außer Worthülsen passierte wenig. Vom Akademisierungswahn benebelt, wurden unter Merkels Führung Lehrlinge sträflich vernachlässigt.

Der Respekt vor dem dualen Ausbildungssystem, um das Deutschland in der ganzen Welt beneidet wird, schwand – auch weil die frühere Bildungsministerin Schavan in Exzellenz-Initiativen für Elite-Universitäten schwelgte. Ihre Nachfolgerin Wanka, die dann ziemlich aufgescheucht alles verfügbare Geld für Berufsschüler zusammenkratzte, stand ohne die nötige Unterstützung da. Erst die neue Ministerin Karliczek agiert mit breiter Rückendeckung – sie muss nun als Trümmerfrau auch Vorurteile beiseiteräumen.

Fakt ist: Es kann nicht gutgehen, wenn mehr als die Hälfte eines Jahrgangs ins Gymnasium strebt. So kommen viele junge Menschen auf den falschen Pfad, die im Handwerk ihr Glück schmieden könnten. Und es muss Schluss sein mit der Mär, dass nur das Abitur den Erfolg beschert und das Ticket für den Aufstieg ist. Wenn mit diesen Klischees aufgeräumt wird, streben wieder mehr junge Menschen in die Betriebe. Die warben bisher vergeblich um Lehrlinge und überließen frustriert oft nicht ausbildungsreifen Meistern das Feld. In schlechtem Klima aber kann eine gute Lehre nicht gedeihen. Jetzt geht es darum, diesen Trend zu drehen. Eine weitere Bildungskatastrophe kann und darf Deutschland sich nicht leisten.


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