Nazi-Exponate Bundeswehr-Ansprechstelle: Über 60 Anfragen zu Wehrmachts-Devotionalien

Von Marion Trimborn

Beim Traditionswechsel in der Bundeswehr hilft die Ansprechstelle für militärhistorischen Rat Soldaten und Offizieren mit wissenschaftlicher Expertise. Foto: imago/localpicBeim Traditionswechsel in der Bundeswehr hilft die Ansprechstelle für militärhistorischen Rat Soldaten und Offizieren mit wissenschaftlicher Expertise. Foto: imago/localpic

Osnabrück. Soll die Kaserne umbenannt werden? Muss das Wehrmachts-Exponat weg? Diese Fragen stellen derzeit viele Bundeswehr-Angehörige. Im Rahmen des Traditionswechsels besinnt sich die Truppe auf neue Werte. Dabei hilft die neu gegründete Ansprechstelle für militärhistorischen Rat mit wissenschaftlicher Expertise.

Seit ihrer Gründung im Juli 2017 gingen bei der Stelle 62 Anfragen von Bundeswehrangehörigen und militärischen Dienststellen im Kontext des Traditionserlasses mit Bezug auf Wehrmachts-Devotionalien ein. Das teilte die Ansprechstelle auf Anfrage unserer Redaktion mit.

„Im Mittelpunkt standen dabei Auskunftsersuchen zum Umgang mit dem Gedenken an Opfer des Nationalsozialismus, namentlich der Angehörigen des militärischen Widerstands“, hieß es. Zudem handelte es sich bei zahlreichen Anfragen um die Umbennenung von Kasernen. Die Anfragen drehten sich „um die Suche nach möglichen, traditionswürdigen Namensgebern von Liegenschaften und Gebäuden der Bundeswehr“, schrieb die Ansprechstelle.

Neue Info-Stelle gibt Rat

Die Ansprechstelle wurde im Juli beim Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr (ZMSBw) in Potsdam eingerichtet. Sie berät Bundeswehr-Dienststellenleiter und Vorgesetzte, wie sie mit historischen Ausstellungs- und Erinnerungsstücken umgehen sollen.

Dabei geht es auch darum, ob Exponate – wie Fotos, Gegenstände oder Gedenktafeln insbesondere aus der Zeit des Nationalsozialismus und der Wehrmacht – in einer Kaserne stehen bleiben dürfen oder weg müssen. Sie werden häufig für die politische Bildung eingesetzt.

Die Stelle riet etwa dazu, zu diesen Exponaten Erläuterungstafeln anzubringen oder sie in zugelassenen militärhistorischen Sammlungen aufzubewahren. Die Stelle bestätigte zum Beispiel die Entscheidung der Bundeswehr-Universität Hamburg, ein Foto ihres Namensgebers, Ex-Bundeskanzler Helmut Schmidt in Wehrmachtsuniform, wieder aufzuhängen.

Traditionswechsel läuft

Nach den Skandalen um rechtes Gedankengut und Wehrmachtsverherrlichung in der Bundeswehr hatte Generalinspekteur Volker Wieker angeordnet, sämtliche Kasernen und Bundeswehrgebäude nach Wehrmachtsandenken zu durchsuchen und diese zu entfernen. Auslöser war die Festnahme des rechtsextremen Oberleutnants Franco A., der sich als Flüchtling registrieren ließ und einen Anschlag plante. Zudem hat Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) den Traditionserlass – und damit das Verhältnis der Bundeswehr zu ihren historischen Ursprüngen – überarbeiten lassen. Von der Leyen hatte am Mittwoch in Hannover den überarbeiteten Traditionserlass der Bundeswehr unterzeichnet. Er gibt vor, dass die Soldaten bei der Suche nach Vorbildern den Blick künftig vor allem auf die mehr als 60 Jahre lange Geschichte der Bundeswehr richten sollen.

Zugleich benannte die Ministerin die Emmich-Cambrai-Kaserne in Hannover um, sie trägt nun den Namen des in Afghanistan getöteten Feldjägers Tobias Lagenstein. Es ist das erste Mal in der Geschichte der Bundeswehr, dass eine Kaserne den Namen eines in einem Auslandseinsatz gestorbenen Bundeswehrsoldaten trägt.