Porträt eines Grenzgängers Was den niedersächsischen Kleinstadtpolitiker Maurer auf die Krim zieht

Von Thomas Ludwig


Simferopol. Der Kleinstadtpolitiker Andreas Maurer will Weltpolitik machen. Er sucht Anerkennung in doppelter Hinsicht: für sich selbst und für die russische Annexion der Halbinsel Krim im Schwarzen Meer. Warum?

Bekannt wie ein bunter Hund – diese Floskel ist im Fall von Andreas Maurer keine Übertreibung, zumindest nicht in Quakenbrück und auf der Halbinsel Krim im Schwarzen Meer. In der Fußgängerzone von Simferopol kommt ein älteres Ehepaar auf ihn zu, schüttelt ihm die Hände, bittet um ein Selfie. „Die geben mir immer das Gleiche mit auf den Weg: Sagen Sie den Menschen im Westen, dass wir uns für Russland entschieden haben, wir wollen nicht mehr zur Ukraine zurück“, erzählt Maurer.

Dass ihn auf der Krim immer wieder Menschen auf offener Straße ansprechen, hat einen einfachen Grund. Maurer ist Dauergast im russischen Staatsfernsehen, sitzt bei Talk-Shows, gibt Interviews. Geht es um Deutschland, Europa oder die Nato, dann ist Maurer, der Kleinstadtpolitiker aus dem niedersächsischen Quakenbrück, ein gern gesehener Gast vor Kameras und Radiomikrofonen. Das schmeichelt dem 48-Jährigen: „Sie haben mir schon eine eigene Show angeboten, Samstagabend, zu bester Sendezeit.“ Doch er wird absagen. „Das würde mir wohl zu viel“, meint er. Und es wäre auch unvereinbar mit seiner Tätigkeit im Osnabrücker Kreistag.

Maurer kam 1970 in Kasachstan zur Welt und Ende der 1980er Jahre als Jugendlicher nach Deutschland. Später arbeitete er als Postbote. Von 2001 bis 2006 war er Fraktionsvorsitzender der CDU in der Samtgemeinde Artland bei Osnabrück. Irgendwann aber geriet die politische Karriere bei den Christdemokraten ins Stocken. Es ging um aussichtsreiche Listenplätze und innerparteilichen Einfluss – oder besser um das, was man Maurer laut eigener Darstellung damals verwehrte.

„Herr Maurer hat seinen eigenen Kopf, der braucht die öffentliche Darstellung. Die bekommt man in der ersten Reihe besser als in der zweiten“, erzählt der ehemalige CDU-Bürgermeister Wolfgang Becker. 

„Jeder macht mal Fehler“

Es gibt ein Foto, das zeigt Maurer als einst wichtige Stimme der Russlanddeutschen in der Union neben Bundeskanzlerin Angela Merkel.„Jeder macht mal Fehler“, sagt er rückblickend. Maurer orientierte sich um. Gründete erst eine unabhängige Wählergemeinschaft, schließlich trat er der Linken bei. In den Landtag hat er es auf deren Ticket nicht geschafft. Heute ist er Fraktionsvorsitzender im Kreistag – mit direkten Kontakten ins russische Innen- und Außenministerium. 

Jenseits des Kampfes um kostenlose Oberstufenschülertickets und um soziale Teilhabe verfolgt Maurer eine weitere Mission, nämlich den Ruf Russlands im Westen aufzupolieren und für die Legitimität der umstrittenen Moskauer Krim-Politik zu werben. Den Stadtrat sowie den Kreistag von Osnabrück wollte der Kommunalpolitiker per Resolution dazu bringen, die Krim als Teil Russlands anzuerkennen – ohne Erfolg. 

Siebenmal ist Maurer allein im vergangenen Jahr auf die Halbinsel geflogen, eingereist über Moskau. „In der Ukraine haben sie mich deshalb auf eine Liste gesetzt, sie würden mich sofort verhaften, wenn sie könnten“, sagt er. Der ukrainische Botschafter in Deutschland hat das Auswärtige Amt in der Vergangenheit darum gebeten, Maurers Reisen einen Riegel vorzuschieben. Schließlich gilt die Krim als von Russland im Jahr 2014 annektiertes ukrainisches Gebiet. 

Star in Szene der Krim-Reisenden

Was bewegt Maurer, diesen Grenzgänger im mehrfachen Sinne, dem die Welt der Lokalpolitik zu eng geworden ist? Der sich zu Größerem berufen fühlt, damit aber vor allem aneckt und polarisiert? Der zu einer Art Star in der Szene linker wie rechter Krim-Reisender geworden ist, für die jeder weitere Besuch ein Hochamt des Protests ist und ihnen zugleich Aufmerksamkeit und den Anschein von Bedeutung in einem Maße verschafft, wie sie es zu Hause nie erfahren? Macht die Krim in diesem Sinne süchtig? 

Es ist Mitte März, der Tag der russischen Präsidentschaftswahl, irgendwo in einer Siedlung zwischen Bachtschyssaraj und Simferopol auf der Krim. Marode Plattenbauten aus Sowjetzeiten, mehr Schlaglöcher in den Straßen als Beton. Die Turnhalle ist zu einem Wahllokal umfunktioniert. Ballons in den russischen Farben, Plastikblumen und blau-weiß-rote Flaggen zieren die Wände. Im Eingang stehen zwei junge Polizisten, eher gelangweilt als alarmiert. Maurer eilt auf eine Wahlhelferin zu, fasst sie beim Oberarm, schüttelt ihre Hand. So als kennte man sich lange und sähe sich endlich einmal wieder. „Das ist ein großer Tag für mich“, erzählt sie. Sie und ihre Kolleginnen nehmen ihre Rolle sichtbar ernst. Maurer inspiziert die Verschlüsse der Urnen, fragt nach der Beteiligung und besonderen Vorkommnissen. Nichts, alles normal, so sein Befund. 

Im Nu ist er von Wahlhelferinnen umstellt. Sie witzeln, lachen. Maurer ist das, was man „Rampensau“ nennt. Schillernd, nie um ein Wort verlegen, immer für eine volksnahe Geste gut. Damit das alle Welt mitbekommt, hat er sein Handy stets griffbereit. Ein Foto posten, eine schnelle Videobotschaft absetzen – auch die sozialen Medien sind Maurers Bühne. „Der könnte auch in der AfD sein“, sagt jemand in Osnabrück, der ihn gut kennt. „Politisch ist der eigentlich nicht festgelegt.“ Maurer streitet das ab. Will mit Rechten nichts zu tun haben: „In der Politik kommt man manchmal aber nicht darum herum, auch mit politischen Gegnern sprechen oder zusammenarbeiten zu müssen.“ 

Berührungsängste kennt er offenbar nicht, wenn es seiner Sache dient. Im Netz kursieren Fotos, die Maurer beim Besuch in der Ostukraine mit dem Militär Alexander Sachartschenko zeigen, dem Präsidenten der selbst proklamierten und international nicht anerkannten Volksrepublik Donezk.

An Maurer scheiden sich die Geister

In Russland stellen Beobachter der OECD am 18. März Manipulationen fest. Trotz installierter Videokameras stopfen Wahlhelfer bündelweise ausgefüllte Wahlzettel in die Urnen. Doch es bleibt bei Einzelfällen, die den deutlichen Wahlsieg Wladimir Putins laut OECD nicht signifikant infrage stellen. Auf der Krim waren keine OECD-Beobachter; eine solche Mission hätte die Abstimmung dort legitimiert. Nun versucht Maurer sich am entsprechenden Anstrich. Er hat die Schwarzmeerhalbinsel im März auf Einladung des „Russischen Föderationsrates zur Wahlbeobachtung“ besucht. „Ausgerechnet“, wie Kritiker umgehend verbreiteten: „Mutmaßlicher Wahlfälscher wird Wahlbeobachter.“ 

Der Vorwurf hat seinen Grund. Am 23. April beginnt vor der 12. Großen Strafkammer des Landgerichts Osnabrück der Prozess gegen fünf mutmaßliche Wahlfälscher. Mit dabei: Maurer. Den Männern wird zur Last gelegt, in Quakenbrück von Haus zu Haus gegangen zu sein und Briefwahlanträge für die Kommunalwahl 2016 an Wahlberechtigte mit Migrationshintergrund verteilt und die Stimmzettel später gleich selbst ausgefüllt zu haben. Einigen, die ihnen die Tür geöffnet hätten, sei nicht einmal bewusst gewesen, worum es gegangen sei, erzählt man sich. Maurer, dem in dieser Sache sieben verschiedene Straftatbestände vorgeworfen werden, weist die Anschuldigungen zurück. 

Weiterlesen: Warum mutmaßliche Wahlbetrüger noch im Quakenbrücker Stadtrat sitzen

An ihm scheiden sich die Geister: Für seine Gegner ist er der irre Russlandfreund, willfähriger Helfer des russischen Präsidenten, der in Deutschland Schönwetter macht für Moskaus autoritäre Politik. Maurer entgegnet, ihm gehe es ums Menschliche, um den Austausch. 

Maurers Mission

„Mit unserer Volksdiplomatie wollen wir Geschäftsleute, Kulturschaffende, Studenten und einfache Menschen zusammenbringen, damit sich Deutschland und Russland nicht noch weiter voneinander entfremden“, bekräftigt der fünffache Vater mit dem für Russlanddeutsche so typischen rollenden „R“. 

Die große Diplomatie für den kleinen Mann – für Maurer ist es eine Mission, finanziert aus der eigenen Tasche und von TV- und Rundfunksendern, wie er sagt. Oft zahlen sie ihm die An- und Abreise sowie die Unterkunft in Russland. Um diese Auftritte herum legt er sich politische und gesellschaftliche Termine, um Mitglieder seiner „Delegationen“ mit Krim-Bürgern zusammenzubringen. Geschäftsinteressen mag er nicht einräumen, es sind auch keine bekannt. Kritiker wittern jedoch die direkte Einflussnahme Moskaus. „Das Projekt ‚Volksdiplomatie‘ ist keine humanitäre Graswurzelbewegung, sondern eine Einflusskampagne des Kremls, die von Putintreuen Nationalisten geleitet wird“, heißt es auf der Webseite „Kentrail Verschwörung“, die Maurers Tun seit geraumer Zeit im Auge hat: „Das Ziel solcher Operationen ist es, die Sanktionen gegen Russland zu unterminieren.“ 

Tatsächlich setzt sich Maurer für einen Stopp der westlichen Sanktionen ein. Damit liegt er auf Parteilinie. Die Linke fordert einen Neustart in den deutsch-russischen Beziehungen. „Die Sanktionen haben nichts bewegt“, kritisiert beispielsweise der Bundesvorsitzende Bernd Riexinger. Es sei eine Illusion, dass man eine Großmacht durch Sanktionen zu einem anderen Kurs zwingen könne. 

Was die Krim als einen legitimen Teil Russlands angeht, daran scheiden sich bei den Linken jedoch die Geister. Einem Vorstandsbeschluss zufolge hält die Partei die Annexion für völkerrechtswidrig. Auf das skurrile politische Eigenleben Maurers blickt man deshalb mit einer gewissen Skepsis. „Er richtet keinen Schaden an, und auf kommunaler Ebene hat er viel Rückendeckung“, heißt es in der Berliner Parteizentrale. Namentlich äußern möchte sich aus den oberen Etagen aber niemand. Einen Anlass, ihn zur Ordnung zu rufen, sieht man nicht – bislang.

Eine Verurteilung wegen Wahlbetrugs könnte das ändern. So fern die Anerkennung einer wieder russischen Krim liegt, so begrenzt wäre dann noch die Anerkennung, die Maurer erfährt. Die verzweifelte Suche nach ihr – vielleicht ist sie es, die den Kreistagsabgeordneten und die Krim so schicksalhaft verbindet.​