Serie 1968 Und die Welt wird bunt: Der Durchbruch der Drogen

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Osnabrück. Haschisch, Marihuana, LSD: Mit 1968 kamen die Drogen. Künstler, Musiker, politische Studenten oder unbedarfte Lebenskünstler, sie alle erlagen dem Lockruf der schönen, bunten Drogenwelt. Doch die Euphorie verflog.

Ist es wirklich Zufall, dass sich die Hauptworte in dem Titel des 1967er-Beatles-Liedes „Lucy in the Sky with Diamonds“ mit LSD abkürzen lassen? John Lennon jedenfalls schwor Stein und Bein, dass der berühmte Song mit dem auffällig psychedelischen Text nicht auf eine Drogenerfahrung hindeuten würde. Er würde dies „bei Gott, bei Mao oder bei wem ihr wollt“ schwören, betonte er unermüdlich. Und auch, dass die Idee zu dem Lied mit dem seltsamen, drogengetränkt wirkenden Text auf dem 1967er-Album „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ eigentlich von einer Kindergartenzeichnung seines Sohns Julian stammte. Und doch: Das Gerücht hält sich wie Nebel in den Straßen Londons, und viele sehen in dem Stück über Lucy, das Mädchen mit den Kaleidoskop-Augen im Diamantenhimmel, bis heute den LSD-Song der 68er schlechthin.

Drogen fanden ihren Weg

Klar ist auf jeden Fall: 1968 war das Jahr der chemischen Bewusstseinserweiterung, es war das Jahr von Cannabis, von Marihuana und vor allem das Jahr von LysergSäureDiethylamid, kurz LSD. Oder wie Paul McCartney, der zweitwichtigste Beatle, es 1993 ausdrückte: „Drogen fanden ihren Weg in alles, was wir taten. Sie färbten unsere Sicht der Dinge bunt.“

Dies galt nicht nur für Rockstars wie die Beatles, Jimi Hendrix oder die Rolling Stones: Eine Vielzahl von Filmen, Büchern und Kunstwerken dieser Ära wäre ohne Drogen nie so erschienen.

Auch in Deutschland hörte die Bewegung den Lockruf der Drogen. Allerdings musste man als Nicht-Star auch erst einmal an die Stoffe kommen, die die Welt bunter färbten und das Bewusstsein weiteten. Im Gegensatz zu heute war der Drogenmarkt in Europa in den Sechzigerjahren kaum existent. Die Verfügbarkeit von illegalen Rauschmitteln war begrenzt, was dem Konsum ebenfalls Grenzen setzte – zunächst. Auch wie Drogen konsumiert wurden, musste erst erlernt werden. Karl Reitter schreibt in seinem Buch „Von der 68er Bewegung zum Pyrrhussieg des Neoliberalismus“ (2015): „Entscheidend war die Entwicklung einer Kultur des Drogenkonsums. Er wurden verschiedene Rituale der Einnahme entwickelt, die letztlich all zu exzessiven Drogenkonsum verhinderten.“

Insbesondere die Einnahme der halluzinogenen Droge LSD erforderte Schutzmaßnahmen, um den Trip nicht zu einem Horrortrip werden zu lassen. Erfahrene Helfer standen den Einnahmewilligen während des Rauschs zur Seite, Wohnungen wurden akribisch vorbereitet, zum Beispiel stellte man Lampen, die sanft ihre Farben wechseln konnten, auf. Hinzu kamen Sofas, Decken, Teppiche, psychedelische Musik für den akustischen Rausch – und der Trip-Helfer als unbedingt nüchterner Anlehnungs- und Bezugspunkt.

Derart inszeniert, wurde der LSD-Rausch zu einer individuellen, sehr persönlichen Angelegenheit. Mit der bewusstseinserweiterten Wirkung sollte ein Erkenntnisgewinn einhergehen, man hoffte auf neue, sinnliche Erfahrungen. Musik, Licht und andere Sinneindrücke fungierten als Brücken in eine Welt veränderter Horizonte. Kein Wunder, dass in den Diskotheken Stroboskope und andere Lichteffekte einzogen und Lavalampen sowie psychedelische Rockmusik Hochkonjunktur hatten. Rockbands wie „The Doors“ errichteten bereits 1966 in den USA mit ihrem Hit „Break on through“ musikalische Türen zum Übergang in eine andere, vermeintlich freiere Welt, und LSD konnte ein Schlüssel sein, sie zu entriegeln. Für Doors-Sänger Jim Morrison kam aber schon bald „The End“: Er starb 1971, offiziell an Herzstillstand. Dass Morrison nicht nur herzkrank, sondern auch Alkoholiker war und Heroin geschnupft hat, gilt als sicher.

Als Jim Morrison starb, waren Cannabis und LSD in Deutschland sowohl bei den selbstbezogenen Hippies als auch bei den politisch Bewegten der 68er und auch bei der sich neu entwickelnden eher unpolitischen Subkultur en vogue. Auch Heroin wurde immer präsenter. Der Staat reagierte und schickte ein überarbeitetes Betäubungsmittelgesetz auf den Weg, begleitet von einer Presse, die mit dramatischen Meldungen eine angeblich gigantische Drogenwelle beschrieb. Im Nachhinein offenbart sich viel Unwissenheit. Ob Staatsgewalt, besorgte Eltern oder Konsumenten: Ein Bewusstsein für die Gefährlichkeit der Substanzen musste sich erst ausbilden. Ab 1972 öffneten Drogenberatungsstellen. Dass aus Usern Süchtige und Tote werden konnten, erkannten dennoch viele zu spät.

Anders als der LSD-Trip, der mit Fug und Recht Ego-Trip genannt werden darf, war der Konsum von Haschisch und Marihuana ein Gemeinschaftserlebnis. Die Hanf-Droge galt zusammen mit LSD als „Jugenddroge“, schreibt Detlef Siegfried in seinem 2018 erschienenen Buch „1968 in der Bundesrepublik: Protest, Revolte, Gegenkultur“. „Beide Stoffe, so Siegfried weiter, „wurden in der entsprechenden Szene als essenzieller Teil einer auf politische Veränderung abzielenden Lifestyle-Revolution betrachtet und gehörten mehr oder weniger zum gegenkulturellen Alltag“. Günther Amendt, Sexualwissenschaftler und Soziologe, widmete sich dem Thema Drogen und Jugendkultur schon sehr früh. 1972, gut ein Jahr, bevor erste offizielle Statistiken zum Drogenkonsum aufkamen, legte er seine Promotion vor. Ihr Titel: „Sexualverhalten von Jugendlichen in der Drogensubkultur“. Amendt definierte Drogen als „Bindemittel innerhalb der Subkultur“. Der gemeinschaftliche Konsum von Hanfprodukten in der Öffentlichkeit hatte demnach eine Signalwirkung der Abgrenzung nach außen, nach innen hin stärkte er den Zusammenhalt. Das lockte viele: Zu einem von den „Haschrebellen“ initiierten „Smoke-in“ im Sommer 1969 strömten Hunderte junge Menschen in den Berliner Tiergarten, die provozierend in der Öffentlichkeit herumgereichten Haschzigaretten, genannt Joints, versinnbildlichten den „gemeinschaftsbildenden Genuss“. Nicht nur in Parks, auch in Kommunen, WGs und Klubs war Drogenkonsum bald Alltag.

Erste Brüche

Zugleich bildeten sich erste Risse und Brüche, das Scheitern der politischen Forderungen der 68er-Bewegung wurde ab 1969 offenbar und übte Druck aus. Und nach dem Attentat auf Rudi Dutschke fehlten Identifikationsfiguren. Vormals befreundete Gruppen wurden zu Konkurrenten, die Bewegung zerbröckelte, teilweise radikalisierte sie sich. So entstand auch der „Zentralrat der umherschweifenden Haschrebellen“ in Berlin, eine militante, kaum mehr politische Gruppe, deren Mitglieder hauptsächlich der Arbeiterschicht entstammten. Genervt von den Anti-Drogen-Razzien in Szeneklubs und -kneipen reagierten sie gewalttätig. Auf zahllosen Flugblättern erklärten sie sich und ihren Kampf um „eine eigene freie Entscheidung über Körper und Lebensform“, was man als „Recht auf Rausch“ verstehen konnte. „Werdet wild und tut schöne Sachen“, hieß es anfangs fast spielerisch. Doch dort stand auch: „Unsere Devise: Terror ohne Maß macht maßlos Spaß.“ Ende 1969 benannten sie sich in Tupamaros um, inspiriert von der Guerillabewegung in Uruguay. Heute gelten die Tupamaros als Zwischenstadium, das zur Bildung der Terrorgruppe „Bewegung 2. Juni“ führte.

Mit der Radikalisierung wich auch die letzte Unschuld der 68er-Bewegung. Und auch die kurzzeitig als so harmlos empfundene Welt der Joints und LSD-Trips fand ein Ende. Realität vertrieb die Verklärung. Im Januar 1978 schrieb „Der Spiegel“: „In keiner europäischen Hauptstadt ist die Rauschgift-Todesrate (...) so hoch wie in West-Berlin.“ Der bunte Rausch der 68er war beendet. Heroin, die finstere Königin der Drogen, hatte das Zepter übernommen.


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