NOZ-Agenda: 68er und ihre Folgen „Ein neuer Umbruch in der Gesellschaft kommt“

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Osnabrück. Die 68er, wer waren sie und was ist von ihren Ideen geblieben? Im Rahmen der NOZ-Agenda diskutierten Grünen-Legende Hans-Christian Ströbele und Soziologe Frank Hillebrandt zusammen mit NOZ-Chefredakteur Ralf Geisenhanslüke über die damaligen Ereignisse ebenso wie über den Protestmodus der heutigen Zeit.

Studentenaufstand, politische Diskussion, sexuelle Befreiung und Anti-Kriegs-Bewegung – mit diesen Schlagworten verbinden heutige Studenten in Osnabrück laut einer Umfrage zur gestrigen NOZ-Agenda-Veranstaltung die „68er“. „Es war ein Epochenjahr der Zeitgeschichte“, führte Stefan Lüddemann, Leiter des Bereichs Kultur und Wissen der NOZ Medien, in das Thema des Abends ein.

Eigener Mythos geschaffen

Doch was ist 1968: Revolte oder Revolution, Einschnitt oder Umkehr? „1968 hat einen eigenen Mythos vom Aufbruch geschaffen. Eine Bewegung der Jungen gegen die Älteren, das Etablierte“, fasste Lüddemann zusammen. Er wies jedoch auch darauf hin, dass das „Protestjahr“ eine ganze Reihe von Prozessen und Entwicklungen bündelt, die bereits zuvor angelaufen sind. „Im Rückblick ist das Jahr eine Verdichtung, eine Intensitätszone des Protestes.“

Ziel der 68er: Gesellschaft und sich selbst verändern

Doch worum ging es eigentlich? „Wir wollten die Gesellschaft auf der ganzen Welt verändern, aber auch uns selber. Das gehörte zusammen“, sagte Hans-Christian Ströbele. Der heute 78-Jährige hat die Zeit erlebt, hatte kurz zuvor sein Rechtsreferendariat in der Kanzlei des Anwalts Horst Mahler begonnen. Politisch gesehen sei die Bewegung jedoch nicht erfolgreich gewesen, gestand der Grünen-Politiker ein. Die Abschaffung der Demokratie hin zu einer Räterepublik habe nicht geklappt. „Das war vielleicht auch besser so“, zog er süffisant Resümee.

Themen von damals heute Normalität

Bei gesellschaftlichen Themen war das anders. „Vieles von dem, was wir von Grund auf ändern wollten, ist heute normale Realität.“ Angefangen bei Studenten-WGs bis zur Tatsache, dass Homosexualität nicht mehr unter Strafe steht. „Da haben wir was erreicht. Wenn mir damals jemand gesagt hätte, dass der Bundestag noch zu meinen Lebzeiten beschließt, dass homosexuelle Männer und Frauen heiraten dürfen. Ich hätte gesagt, da muss sich mal ein Arzt drum kümmern“, sagte Ströbele, der als Anwalt Homosexuelle verteidigte. Entsprechend hätten die 68er gesellschaftlich viel erreicht. „Diese Welt von damals möchte ich nicht wieder. Vielleicht hat auch die CSU eine Einsicht.“ Für den kleinen Seitenhieb erntete Ströbele viel Applaus.

Ströbele: „Wir waren denkbar intolerant“

Verklärt betrachtete der Grünen-Politiker die 68er-Zeit jedoch nicht. „Wir waren denkbar intolerant“, sagte er mit einem Schmunzeln. „Die Intoleranz kam aus einer Verachtung gepaart mit der gesicherten Erkenntnis, dass wir die richtigen Veränderungen wollen.“ Es sei auch nicht alles richtig gewesen. „Wir waren der Meinung, Atomenergie ist ein Segen für die Menschheit“, so Ströbele. Man habe mühsam von der Anti-AKW-Bewegung gelernt, dass das der falsche Weg ist.

Auch die Musik hinterfragte Normen

Normen zu hinterfragen sei damals auch Aufgabe der Musik gewesen, sagte der Soziologe Frank Hillebrandt, der zusammen mit Ströbele auf dem Podium saß. Schauspielerin und Sketch-Star Ingrid Steeger, die die Runde ergänzen sollte, musste ihre Teilnahme aufgrund eines Sturzes kurzfristig absagen. „Die Musik hatte die gleiche Respektlosigkeit wie die Proteste“, so der gebürtige Mettinger, der selbst E-Gitarre spielt. Insgesamt waren die 68er für ihn eine Zeit des Wandels, aus dem die Gesellschaft noch nicht raus ist. Allerdings würden Werte heute weniger politisch diskutiert als damals. „Wir machen es einfach“, sagte der Revolutionsforscher, der als Professor den Lehrstuhl für Allgemeine Soziologie an der Fernuniversität Hagen leitet.

Protestmodus hält an

Wäre eine 2018er-Bewegung heute nötig? Ist die heutige Gesellschaft zu gemäßigt?, stellte Moderator und NOZ-Chefredakteur Ralf Geisenhanslüke als Frage in den Raum. „Wir sind nicht aus dem Modus des Protests rausgekommen“, befand Hillebrandt. Protest sei eine Selbstverständlichkeit geworden. „Was wir nicht mehr erleben, ist ein Jahr, das den Wandel so symbolisiert wie 1968.“ Ein Umbruch in der Gesellschaft wie damals ist für Grünen-Politiker Ströbele dennoch dringend erforderlich. „Und das kommt“, ist er überzeugt. Sein Blick ging unter anderem in die USA zu einem Bernie Sanders und zu Jeremy Corbyn in Großbritannien. „Deutschland wird sich dem auf Dauer nicht entziehen können.“ Die Probleme machten dies erforderlich. „Das Establishment versagt, wie es damals versagt hat.“ Protest brauche jedoch einen langen Atem, das gab der 78-Jährige der jüngeren Generation mit auf den Weg und versicherte: Protest, der eine gewisse Größe und Kontinuität erreicht, werde auch im Bundestag wahrgenommen.

Plädoyer für digitale Revolution

Ströbele plädierte auch für eine digitale Revolution. „Es gibt eine junge Generation, eine Szene, die sehr auf Freiheit bedacht ist und sich engagiert.“ Das seien mehr als „Bleichgesichter“ und Nerds, erzählte der Grünen-Politiker von einem Kongress in Leipzig, den er besucht hatte. „Da waren 15.000 Leute aus Deutschland und darüber hinaus, die sich mit einer Disziplin mit ihren Themen befasst haben. Das erinnerte mich an damals, denn da waren Vertreter einer Generation, die mit einem unheimlichen Ernst an politische Probleme herangehen.“ Über was die jungen Menschen kommunizieren, sei ungeheuer vielfältig. „Das habe ich im Laufe der Zeit gelernt. Das ist mit den Blumenkindern, auch mit Revolutionären von der Straße, schwer vergleichbar, aber ich habe vieles von dem Willen wiedergefunden, die Gesellschaft zu verändern.“ Jede Generation habe ihre eigenen Revolutionäre. „Hier wächst etwas heran, das wirkt.“


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