Serie: Russland 2018 „Früher herrschte hier Krieg auf den Straßen“

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Treten stets mit Skimasken auf: Was früher zu ihrem Schutz diente, ist heute Markenzeichen der Moscow Death Brigade. Foto: André HavergoTreten stets mit Skimasken auf: Was früher zu ihrem Schutz diente, ist heute Markenzeichen der Moscow Death Brigade. Foto: André Havergo

Osnabrück. Es gibt sie – eine lebendige, alternative Subkultur in Russland. Seit 2007 sorgt die Moscow Death Brigade mit ihrem speziellen Mix aus Hardcore-Rap und gesellschaftskritischen Texten für Furore in der Szene. Eine Szene, die sich in den vergangenen Jahren verändert hat.

„Früher herrschte hier Krieg auf den Straßen“, sagt Boldcutter Vlad. „Wenn du rausgegangen bist auf ein Punk-, Metal- oder Hip-Hop-Konzert, wusstest du nie, ob du lebendig zurückkommst.“ Früher, das war vor etwa 20 Jahren in Moskau, St. Petersburg und anderen russischen Großstädten. Boldcutter Vlad hieß damals noch Vladimir, seinen Nachnamen gibt er lieber nicht preis. Er und sein Kumpel Skimask G. sind seit elf Jahren die beiden Frontmänner der Rap-Rave-Hardcore-Formation Moscow Death Brigade, die heute zur Speerspitze der linksalternativen, antifaschistischen Subkulturszene Russlands zählt.

Als die Neonazis die Straßen eroberten

Das Wort Krieg sei nicht übertrieben, erläutert Skimask G., Vorname Gennadi. In den 90er-Jahren hätten sich zunächst die Punks, die Metalheads, Techno-Raver und Hip-Hopper gegenseitig das Leben schwer gemacht. Doch dann, Anfang des Jahrtausends, als Putin an die Macht kam, hätten es alle mit einem mächtigen Feind zu tun bekommen: den Neonazis. „Es gab viele Banden und semioffizielle, rechtsextreme Gruppen, die Jagd machten auf Schwule, Immigranten, Punks und Menschenrechtsaktivisten“, sagt Vladimir. „In uns sahen sie Botschafter westlicher Kultur und toleranter Ideen. Einige unserer Freunde wurden von denen totgeprügelt.“

Das sagen zwei Typen, die auf der Bühne auch nicht gerade vertrauenserweckend wirken, mit ihren schwarzen Skimasken, ihrem aggressiven Rap-Gegröle und dem wilden Pogo-Gehopse. Die Texte der Moscow Death Brigade handeln denn auch meist vom Überleben in den tristen Wohnblockschluchten der Vororte und vom Kampf – gegen Faschismus, Rassismus, Diskriminierung, Hass, Polizeigewalt, Korruption und Homophobie.

Kein Ärger mit Behörden

Nicht gerade Vorzeigekünstler für Putins Russland – und doch sind die maskierten Rapper heute auf eine gewisse Weise en vogue, in Europa genauso wie in ihrer Heimat. Sie werden zwar in den staatlich kontrollierten Medien nicht wahrgenommen, aber von den Behörden auch nicht behindert, verboten, indiziert und bekämpft. „Wir betrachten uns ja nicht als politische Band“, erklärt Gennadi. „Trotzdem sagen wir deutlich unsere Meinung – so wie unsere deutschen Freunde von Feine Sahne Fischfilet.“

Die Punkrocker aus Rostock haben in Ostdeutschland allerdings inzwischen mehr Konfrontationen mit rechten Dumpfköpfen zu bestehen als die Moskauer Todesbrigadisten. Woran es liegt, dass die Neonazi-Szene in Russland nicht mehr so präsent ist, können sich Gennadi und Vladimir nicht eindeutig erklären. „Einige denken, es sei der Arbeit von Antifa-Gruppen und anderen Initiativen zu verdanken, andere meinen, der Staat habe sich nach den Unruhen in der Ukraine, an denen viele Rechtsradikale beteiligt waren, zunehmend Faschos vorgeknöpft“, erläutert Boldcutter Vlad. Man habe wohl erkannt, wie gefährlich mit Waffen unterstützte und trainierte rechtsextreme Gruppen einem Staat werden können. (Weiterlesen: „Parallele Welten: Putins Politik und der Alltag der Bürger“)

„Jedes Land betreibt Propaganda“

Dennoch bleiben die beiden Rapper skeptisch: „Die Neonazis sind nicht verschwunden, sie halten sich nur öffentlich mehr zurück.“ Migranten würden trotzdem immer wieder Opfer rechtsextremer Gewalt. Im Jahr 2010 ging die Abteilung für Extremismusbekämpfung des russischen Innenministeriums noch von mindestens 150 aktiven militanten Neonazi-Gruppierungen aus. Erst nachdem Neonazis den ranghohen Richter Eduard Tschuwaschow ermordet hatten, wurden einige rechtsradikalen Organisationen verboten.

Auch zum Thema Propaganda haben die Moskauer Rapper eine klare Meinung: „Wir denken, jede Regierung, jedes Land, auch in Westeuropa, kennt und nutzt Propaganda – mal subtiler, mal direkter“, sagt Gennadi. „In unserem Staatsfernsehen wird gesagt, der Westen ist schlecht, im Westen heißt es, Russland ist schlecht.“ Überall auf der Welt träfen sie aber auf offene Menschen, die beides nicht glauben. Vladimir: „Jede Regierung hat doch Blut an ihren Händen, ist verstrickt in Kriege oder Waffenlieferungen. Trotz der Propaganda in Russland stellen wir einen Anstieg an Menschenrechtsbewusstsein in der Zivilgesellschaft fest.“ (Weiterlesen: Kommentar: „Die russische Seele müssen wir respektieren“)

Familie und Jobs

Aufpassen müssen die Frontmänner von Moscow Death Brigade allerdings immer noch, wenn sie einer ihrer Lieblingsbeschäftigungen nachgehen, dem Sprayen. „Bei illegalen Aktionen wie Graffiti auf Zügen halten wir uns heute raus“, sagt Vladimir, der auf der Bühne gerne mit einem großen Bolzenschneider (englisch: Boldcutter) hantiert. „Es gibt in Russland mittlerweile auch viele legale Orte, wo sich Sprayer austoben dürfen.“ Die beiden Mittdreißiger haben Familie und reguläre Jobs, die „wir nun mal brauchen, um unsere Musik auszuleben und Videos zu produzieren“. Die können sich ihre Fans in Russland problemlos im Internet anschauen und herunterladen.

Während Vladimir und Gennadi ihrem rauen, authentischen Stil treu geblieben sind, haben Hip-Hop und Rap auch in Russland längst nicht mehr nur den Anstrich der Subkultur. „In den letzten Jahren hat sich eine Menge geändert“, sagt die russische Fotografin Sonya Kydeeva, die immer wieder die pulsierende Musikszene Russlands porträtiert hat. „Die Massenmedien und der Kommerz werden immer präsenter. Subkulturelle Trennlinien wurden eingerissen und es gibt keine Alternativen mehr. Früher gab es im Rap Grabenkämpfe und Schlägereien, heute nicht mehr. Heute geht es um Mode: die Kleidung, Tattoos, Accessoires oder das Verhalten.“ (Weiterlesen: „Die Konkurrenz schläft nicht - In Russland regt sich der Wunsch nach einer echten Opposition“)


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