Wahl im Bayerischen Landtag Söders Metamorphose: Vom Hardliner zum Ministerpräsidenten

Von Marco Hadem


dpa München. Seit 35 Jahren ist der Franke Markus Söder CSU-Mitglied. Mit viel Fleiß und noch mehr Ehrgeiz hat er sich ganz nach oben gearbeitet. Die Krönung erfolgt an diesem Freitag, dem 16. März 2018: Dann soll der Münchner Landtag ihn zum Ministerpräsidenten wählen.

An diesem Freitag wird Markus Söder bayerische Geschichte schreiben: Wenn der 51-jährige Franke im Landtag in München zum Ministerpräsidenten gewählt wird, ist er der jüngste Regierungschef in der Geschichte des Freistaates. Er löst damit sein Vorbild Edmund Stoiber ab, der 1993 bei seiner Wahl 52 Jahre alt war. Sein zweites CSU-Vorbild, Franz Josef Strauß, hing als Poster über Söders Jugendbett.

Auf der Suche nach einem neuen Politikstil

Es ist ein Randaspekt, aber es illustriert sehr gut, was derzeit in der CSU passiert. Denn mit Söder hat sich die Landtagsfraktion einen Nachfolger für den ihr am Ende fremd gewordenen Horst Seehofer auserkoren, der viele Parallelen zu Stoiber hat: Auch er soll einen neuen Politikstil etablieren, die absolute Mehrheit verteidigen und damit die CSU in einer sich wandelnden Parteienlandschaft mit der rechtskonservativen AfD behaupten. Aber wer ist eigentlich dieser Markus Söder? Der Versuch einer Annäherung.

Musterkarriere in der CSU

Markus Söder genießt schon lange bundesweite Bekanntheit – und dies nicht nur in Talkshows und nicht erst, seit er einen eigenen Wechsel nach Berlin ausschlug. Seit 1983 ist der Jurist CSU-Mitglied, von 1995 bis 2003 war er Chef der Jungen Union Bayern. Seit 1994 ist er Landtagsabgeordneter, seit 1995 Teil des Präsidiums, von 2003 bis 2007 war er Generalsekretär unter Stoiber („mein Mentor und eine politische Vaterfigur“), seit elf Jahren im Kabinett – erst zuständig für Europapolitik, dann für Umwelt, seit 2011 für Finanzen und seit 2013 zusätzlich auch noch für Landesentwicklung und Heimat.

Image als Populist und Rechtsaußen

Durch markige Aussagen hat sich der vierfache Vater und bekennende Anhänger des Fußball-Zweitligisten 1. FC Nürnberg über die Jahre das Image des Hardliners erworben. Kritiker sehen ihn daher als Populisten, Scharfmacher, Provokateur und Rechtsaußen. „Diese Kritik muss man wegstecken können. Wer mich kennt, weiß, dass mich diese Beschreibungen nicht richtig charakterisieren“, sagt Söder dazu.

Der Kampf der beiden Alphatiere

Mit CSU-Chef Seehofer verbindet Söder eine lange gemeinsame Wegstrecke, die sich beide nach eigenen Worten gegenseitig nicht leicht gemacht haben. Immer wieder gerieten die beiden Alphatiere in den vergangenen Jahren aneinander, inhaltlich wie persönlich. Vor Jahren warf Seehofer Söder „charakterliche Schwächen“, einen „pathologischen Ehrgeiz“ und „zu viele Schmutzeleien“ vor. Eine davon: Es soll Söder gewesen sein, der Seehofers Berliner Affäre und das daraus entstandene uneheliche Kind an die Medien durchsteckte. Auch das professionelle Verhältnis war jahrelang angespannt, fast immer herrschte eisiges Schweigen, einzig die Machtkonstellationen zwangen die beiden etwa bei der Rettung der BayernLB zur Zusammenarbeit.

Statt scharfer Töne plötzlich staatstragender Duktus

Wer Söder seit der für die CSU verheerenden Bundestagswahl erlebt, wird Zeuge einer Metamorphose: Der neue Söder ist leiser. Nicht nur wenn er spricht, sondern auch in dem, was er sagt – verbale Angriffe sucht man vergebens. Mancher in der CSU attestiert ihm schon einen landesväterlichen Duktus. So schweigt Söder während der monatelangen Geduldsprobe bis zu seiner Wahl zum Ministerpräsidenten, schluckt all seinen Ärger über Seehofers in die Länge gezogenen Zeitplan für dessen Wechsel nach Berlin runter. Stattdessen lobt er dessen unfreiwilligen Abgang stoisch gelassen als „souveräne Entscheidung“. Niemand soll das Gefühl bekommen, es gehe ihm nur um seine Karriere. Wie Stoiber thematisiert er lieber die Sorgen der „kleinen Leute“.

Wählerwerbung im Kinosaal

Seit wenigen Wochen ermöglicht Söder zudem Interessierten einen wohldosierten und durchdachten Einblick in sein Privatleben. Und dies nicht irgendwo, sondern in Kinosälen. Unter dem Motto „Söder persönlich“ lädt er in acht bayerischen Städten zum Talkabend, um über „Heimat, Glauben, Sicherheit, Soziales und Visionen“ zu reden. Das Kalkül ist klar: Um bei der Landtagswahl überhaupt eine Chance auf die absolute Mehrheit zu haben, darf Söder nicht nur um die zur AfD gewechselten Wähler kämpfen, er muss auch für liberalere Milieus im Land wählbar werden. Getreu dem Motto: Wer Sorge hat, am 14. Oktober sein Kreuz bei einem Hardliner zu machen, kann dies bei einem einst mittelmäßigen Schüler mit Einser-Abitur und Fan von Hunden, Science-Fiction, ausgefallener Faschingsverkleidung sowie bekennenden Christen vielleicht eher.

Die erste Agenda liegt schon vor

Für alle Wähler, die nach Inhalten suchen, hat Söder auch einiges parat. Im Januar präsentierte er seine erste Agenda. Darin kündigt er nicht nur einen millionenschweren Kraftakt gegen Wohnungsnot an, im Freistaat soll es bald auch wieder eine Grenzschutzpolizei und für Bayerns Regierungschefs eine Amtszeitbegrenzung geben.

Noch ist Seehofer Parteichef

„Ich habe den Willen, was zu verändern“, sagt Söder über seine Motivation und präsentiert sich als uneitler Politiker mit großen Zielen und viel Leidenschaft für Bayern. Wohin ihn die Strategie führen wird, bleibt abzuwarten. Für Seehofer scheint die Verteidigung der absoluten Mehrheit (mit ihm als Parteichef) durchaus möglich: „Vielleicht gelingt uns auch etwas, was in den letzten fünf Monaten nicht so wahrscheinlich war“, sagt er und setzt Söder damit, gewollt oder nicht, unter Druck. Der schweigt dazu. Söder weiß aber auch: Wenn ihm das gelingt, könnte auch der CSU-Chefsessel auf ihn warten.