Bundestag wählt Kanzlerin Merkels gelassener Start in die vierte Amtszeit

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Allein auf der Regierungsbank: Die bereits ernannte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) wartet auf ihre noch nicht ernannten Minister. Foto: AFPAllein auf der Regierungsbank: Die bereits ernannte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) wartet auf ihre noch nicht ernannten Minister. Foto: AFP 

Berlin. Es ist das Ende einer langen Hängepartie: 171 Tage nach der Bundestagswahl hat Deutschland eine neue Regierung. Nicht alle Abgeordneten der neuen Groko stimmten für die Wiederwahl von Angela Merkel. Doch die alte und neue Kanzlerin nimmt‘s gelassen.

Ein kurzes Nicken, ein leichtes Lächeln, das war‘s. Links und rechts neben Angela Merkel steht die Fraktionsspitze der Union auf und applaudiert der neuen alten Bundeskanzlerin. Merkel bleibt erst mal sitzen. Zufrieden wirkt sie, auch ein bisschen erleichtert, emotional angefasst aber nicht. Das entspricht nicht ihrem nüchternen Naturell, und dafür hat sie diesen Moment auch schon zu oft erlebt.

Sekunden zuvor hat Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble das Ergebnis der geheimen Wahl bekannt gegeben. 364 Abgeordnete haben dafür gestimmt, dass die 63-jährige CDU-Chefin für dreieinhalb weitere Jahre die Regierungsgeschäfte führt. Das sind nur neun mehr als die Hälfte des Bundestags, die Merkel mindestens hinter sich versammeln musste, um zum vierten Mal Kanzlerin zu werden. Und 35 weniger, als ihre neue Große Koalition Stimmen hat.

„Ja, Herr Präsident, ich nehme die Wahl an“

Merkel nimmt das, wie sie zumindest nach außen alles nimmt: gelassen. Sie erhebt sich von ihrem Abgeordnetenplatz in der ersten Reihe des Parlaments, greift zum Mikrofon. „Ja, Herr Präsident, ich nehme die Wahl an“, antwortet sie auf Schäubles Frage. Nicht alle Mitglieder der SPD-Fraktion applaudieren, nicht alle stehen auf. Die ersten Blumen kommen von Unions-Fraktionschef Volker Kauder, seit 2005 auf diesem Posten getreu an Merkels Seite. Dann reihen sich die Gratulanten auf.

Gleich hinter Christian Lindner (FDP) und Katrin Göring-Eckardt (Grüne) kommt einer, der sich in den vergangenen Wochen rar gemacht hatte. Martin Schulz greift die Hand der Kanzlerin, deren Amt er vor einem halben Jahr noch selbst übernehmen wollte. Jetzt ist der gescheiterte Kanzlerkandidat der SPD nicht mehr deren Vorsitzender, sondern einfacher Abgeordneter. Die Groko, die er schmiedete, führen nun andere. Aber er kann wieder lachen.

Schulz scherzt mit der Kanzlerin

Eine halbe Stunde zuvor, genau in dem Moment, als bei der laufenden Wahl der Bundeskanzlerin sein Name aufgerufen wird, steht Merkel plötzlich vor Schulz, der in der dritten SPD-Reihe sitzt. Ihr Blazer ist heute cremefarben, sie hat bereits abgestimmt und schlendert durch den Plenarsaal. Sie schüttelt Schulz die Hand, er tätschelt ihr den Arm, sie scherzen miteinander und winken zur Besuchertribüne hoch, wo Merkels Mutter Herlind Kasner und erstmals auch ihr Mann Joachim Sauer sitzen. Dann strebt Schulz der Wahlkabine zu. Er hatte schon vorher öffentlich verkündet, dass er für Merkel stimmen wolle.

Wo Sigmar Gabriel sein Kreuz gemacht hat, bleibt offen. Der bisherige Außenminister, von der SPD nicht mehr für das Kabinett nominiert, hält dem Schriftführer an der transparenten Urne seinen blauen Wahlausweis unter die Nase, wirft seinen Stimmzettel ein und deutet ein knappes Lächeln an. Unter die anderen Parlamentarier mischt sich Gabriel nur kurz, nach Smalltalk steht ihm offenbar an diesem Tag nicht der Sinn. Als ihn CDU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt auf sich aufmerksam machen will, dreht sich Gabriel nicht einmal um.

Allein auf der Regierungsbank

Zwei Stunden nach Verkündung des Wahlergebnisses, nach der offiziellen Ernennung durch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier im Schloss Bellevue, sitzt Merkel ganz allein auf der Regierungsbank und faltet die Hände. Ihre runderneuerte Ministerriege wird erst später neben ihr Platz nehmen, auf ihrer rechten Seite erstmals SPD-Mann Olaf Scholz als Vizekanzler und Finanzminister.

Als sie unter der Deutschlandfahne mit erhobener rechter Hand den Amtseid auf das Grundgesetz abgelegt hat, setzt sie sich wieder auf den blauen Sessel mit der hohen Lehne, den einst Helmut Kohl als erster in Beschlag nahm. In dreieinhalb Jahren, am Ende dieser Legislaturperiode, die sie erklärtermaßen durchhalten will, hätte sie seinen Regierungsrekord gebrochen. „Ich darf Ihnen nochmal alle guten Wünsche auf Ihren schweren Weg mitgeben“, sagt Schäuble. Merkel nickt und lächelt in die Runde. Das war‘s.


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