Wartezeiten, Qualität, Versorgung Warum Kritiker in Deutschland eine Zweiklassenmedizin beklagen

Meine Nachrichten

Um das Thema Politik Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.

Bestimmt Geld die Behandlung? Ärzte verdienen pro Privatpatient mehr als durch den einzelnen Kassenpatienten. Foto: dpaBestimmt Geld die Behandlung? Ärzte verdienen pro Privatpatient mehr als durch den einzelnen Kassenpatienten. Foto: dpa

Osnabrück. Längere Wartezeiten und geringere Angebote: Viele Menschen fühlen sich in unserem Gesundheitssystem ungerecht behandelt. Was steckt hinter dem Vorwurf einer „Zweiklassenmedizin“ in Deutschland?

Ideologisches Schlagwort oder Ungerechtigkeit im Gesundheitssystem? In gesundheitspolitischen Debatten fällt oft der Begriff „Zweiklassenmedizin“, um auf Ungleichheiten bei der Patientenversorgung aufmerksam zu machen. Gemeint sind Unterschiede bei Wartezeiten oder der Behandlungsqualität bei Patienten mit gesetzlicher Krankenversicherung (GKV) und privater Krankenversicherung (PKV).

Woher kommen diese Unterschiede? Das duale System in Deutschland geht zurück auf das Krankenversicherungsgesetz von 1883, das älteste soziale Krankenversicherungssystem der Welt. Reichskanzler Otto von Bismarck führte die weltweit erste gesetzliche Krankenversicherung ein, die zunächst nur für Arbeiter galt. Die Absicherung für andere Berufsgruppen blieb privat, weshalb immer mehr Gesellschaften gegründet wurden, bei denen sich die übrigen Arbeitnehmer – zunächst vor allem Beamte – krankenversichern konnten. Heute sind 10,6 Prozent der Menschen privatversichert.

Im Gegensatz zur GKV richtet sich die Höhe der Beiträge bei der PKV nicht nach Einkommen, sondern nach Tarif der Krankenkasse, dem Eintrittsalter und dem Gesundheitszustand des Versicherten.

Ärzte verdienen mehr durch einzelnen Privatpatienten

Auf der Seite der Ausgaben machen vor allem die Vergütung der Ärzte und die Versorgung der Patienten den Unterschied aus: Ärzte rechnen die Kosten für die Behandlung bei gesetzlich versicherten Patienten direkt bei den Krankenkassen ab. Privatversicherte bekommen die Rechnung vom Arzt selbst und reichen sie bei der Krankenkasse ein.

Durch die unterschiedlichen Honorarsysteme für GKV und PKV können Ärzte mit gleichwertiger Behandlung bei privat versicherten Patienten ein höheres Honorar verlangen als bei gesetzlich Versicherten. „Im ambulanten Bereich bringt die Abrechnung bei der PKV für den Arzt ungefähr doppelt so viel wie für den gesetzlich Versicherten“, sagte der Kieler Gesundheitsökonom Thomas Drabinski im Gespräch mit unserer Redaktion. In der Folge gebe es Unterschiede bei den Wartezeiten auf einen Termin und beim Behandlungsspektrum.

Wartezeiten: Unterschiede vor allem beim Facharzt

Laut der Versichertenbefragung 2017 der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) hat sich bei den Wartezeiten der Unterschied zwischen den Versicherten zuletzt angeglichen, das gilt aber vor allem für Termine beim Hausarzt. Bei Fachärzten warten deutlich mehr gesetzlich Versicherte länger auf einen Termin.

„Vor allem bei Wartezeiten von mehr als drei Wochen kommt die Art der Krankenversicherung deutlich zum Tragen“, schreibt die KBV in ihrer Auswertung. Der Anteil der Privatpatienten, die mehr als drei Wochen auf einen Termin warten müssen, ist halb so groß wie der der Kassenpatienten.

Unterscheidet sich Behandlungsqualität?

Kritiker werfen Ärzten vor, auch bei der Qualität der Behandlung zu unterscheiden. Das sei sehr umstritten, sagt Drabinski. „Was man schon beobachten kann, ist, dass privat Versicherte eine wesentlich umfassendere Diagnostik bekommen.“

Für gesetzlich Versicherte erhalten Fachärzte für die Grundversorgung eine einmalige Pauschale pro Quartal. Eine zusätzliche Vergütung wird bei mehreren Terminen im Quartal nicht gezahlt. Kassenpatienten würden daher von niedergelassenen Ärzten schneller ins Krankenhaus geschickt.

Löst die Bürgerversicherung die Ungerechtigkeit?

Die Ungleichheiten im dualen System wollen dessen Gegner mit der Einführung einer Bürgerversicherung aufheben. Die SPD bestritt mit diesem Ziel ihren Wahlkampf, konnte diese in den Koalitionsverhandlungen jedoch nicht auf den Weg bringen. Zu groß war der Gegenwind der Union. Zwei Bausteine gehören dazu: Zum einen würden die Honorare für die Behandlungen angeglichen. Gesundheitsökonom Drabinski rechnet für die GKV dadurch mit jährlichen Mehrausgaben von neun bis zehn Milliarden Euro. „Das müsste über Beitragssteigerungen gezahlt werden, das wären ungefähr 0,6 bis 0,7 Prozentpunkte bei den Beitragssätzen.“ Andere Experten wie der Essener Gesundheitsökonom Jürgen Wasem gehen von einer notwendigen Erhöhung um etwa 0,4 Prozentpunkte aus. (Weiterlesen: Einheitshonorar für Ärzte: Was sich für Patienten ändern würde)

Die Versicherer der GKV, aber auch der PKV sträuben sich gleichermaßen gegen eine Vereinheitlichung der Honorare. Union und SPD haben in ihrem Koalitionsvertrag beschlossen, eine Kommission einzusetzen, um eine Änderung der Honorarhöhen zu prüfen. Bis Ende 2019 sollen Vorschläge eingereicht werden.

Im zweiten Schritt zur Einführung einer Bürgerversicherung werden alle Versicherten der GKV und der PKV einem einheitlichen Versicherungssystem eingegliedert. Der PKV droht dadurch das Aus.

Lesen Sie alle Teile der Serie „Gesund leben!“ auf unserer Themenseite


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN