Berichterstattung unter Druck Gibt es unabhängige und kritische Medien in Russland?

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Präsident Wladimir Putin hat nach seinem Amtsantritt im Jahr 2000 mehrere Fernsehsender und unabhängige Verlage unter staatliche Kontrolle gebracht. Foto: Alexey Nikolsky/dpaPräsident Wladimir Putin hat nach seinem Amtsantritt im Jahr 2000 mehrere Fernsehsender und unabhängige Verlage unter staatliche Kontrolle gebracht. Foto: Alexey Nikolsky/dpa

Osnabrück. Auf der Rangliste der Pressefreiheit belegt Russland Platz 148 von 180. Gibt es in Russland überhaupt unabhängige Medien, die kritisch berichten können? Experten sind davon überzeugt, dass es sie gibt. Unabhängige Medien in Russland stehen allerdings unter einem starken Druck.

Das landläufige Bild des Westens über Russlands Medien sieht so aus: Lob und Respekt für den russischen Präsidenten Wladimir Putin und seine Regierung auf allen Kanälen und Plattformen. Doch das ist nur ein Teil der Wahrheit.

„Es gibt unabhängige und kritische Berichterstattung in Russland“, sagt Johannes Ludwig im Gespräch mit unserer Redaktion. Er ist Professor an der Fakultät Design, Medien und Information der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg. In einem länderübergreifenden Projekt der Hamburger Hochschule mit russischen Studenten der Fakultät für Journalismus an der Lomonosov-Universität in Moskau untersuchten die Studenten die Medienlandschaft in Russland und trugen ihre Ergebnisse auf einer Webseite zusammen.

Die Studenten kamen zu einem überraschenden Ergebnis: „Unabhängige russische Medien sind vor allem regionale Zeitungen und Onlinemedien, die kritisch über regionale und lokale Themen berichten. Dazu zählt zum Beispiel Berichterstattung über Korruption“, sagt Ludwig.

Eine generelle Bewertung der Medienlandschaft in Russland sei aufgrund der Größe des Landes und der kulturellen Unterschiede im Land schwierig.

Welche Medien sind unabhängig?

Auch Tamina Kutscher, Chefredakteurin der mit dem Grimme Online Award 2016 ausgezeichneten Onlineplattform „dekoder – Russland entschlüsseln“ bestätigt, dass es in Russland unabhängige und kritische Medien gibt. Dazu zählt Kutscher unter anderem den in Moskau ansässigen kremlkritischen TV-Sender Doschd, der inzwischen aus dem Kabelnetz verbannt wurde und nur noch im Internet empfangen werden kann. Aber auch die überregionale Tageszeitung Kommersant und die Onlineplattform Republic.ru gehören dazu. Ulrike Gruska, Pressereferentin der Organisation Reporter ohne Grenzen, nennt unter anderem auch die in Moskau verlegte Zeitung Nowaja Gaseta (Deutsch: Neue Zeitung).

Ludwig von der Hochschule Hamburg macht auch auf die Online-Plattform „7×7 - Journal“ aufmerksam, die User auf Russisch und Englisch lesen können. Was das Medium mit Hauptsitz in der nordwestlichen Stadt Syktyvkar ausmacht, ist die Fokussierung auf Menschenrechte und die Zusammenarbeit zwischen journalistischen Profis und Menschen der Zivilgesellschaft wie Bloggern. Auch die Zeitung Krestianin (auf Deutsch: Bauer) zählt Ludwig zu den unabhängigen Medien. „Diese Zeitung hat einen Fokus auf Themen rund um Landwirtschaft und Verbraucherinformationen“, sagt der Professor. Das Verbreitungsgebiet der Zeitung ist nach eigenen Angaben die Region Rostow, Krasnodar und Stawropol in Südrussland.

Unabhängige Medien stehen allerdings unter einem großen Druck und legen sich zum Teil selbst eine Zensur auf. „Es gibt bestimmte Themen, die umgangen werden – dazu zählt zum Beispiel die Familie Putins“, sagt Kutscher. Auch in den Regionen Russlands gebe es unabhängige Medien, doch die sieht die Chefredakteurin mitunter kritisch. „Teilweise handelt es sich bei regionalen Medien wie Onlineplattformen um eine Verflechtung zwischen Journalismus und Aktivismus. Manche sind von politischen Aktivisten gegründet worden. Dennoch sind viele davon äußerst gut informiert und leisten wichtige Recherchen vor Ort“, erklärt Kutscher.

Fernsehsender unter staatlicher Kontrolle

Nach Gruskas Angaben hat sich die kritische und unabhängige Berichterstattung vor allem ins Internet verlagert. Doch auch im Internet ist die Pressefreiheit eingeschränkt.

Nach Angaben von Reporter ohne Grenzen hat der russische Präsident Wladimir Putin nach seinem Amtsantritt im Jahr 2000 zunächst Fernsehsender und unabhängige Verlage unter staatliche Kontrolle gebracht. Seit 2011/2012 hat das Parlament mehrere Gesetze verabschiedet, um auch Inhalte im Netz zu blockieren. Dazu gehören zum Beispiel Artikel über Homosexuelle und Drogen; aber auch Blogeinträge, die angeblich religiöse Gefühle verletzen oder zu Extremismus aufrufen. „Diese Gesetze sind sehr schwammig formuliert und hängen wie ein Damoklesschwert über Bloggern und Journalisten “, sagt Gruska.

Obwohl der Staat unabhängige Berichterstattung stark einschränke, lasse er gleichzeitig einige kritische Medien bewusst gewähren. Diese Medien seien eine Art Aushängeschild für das Ausland und ein Ventil für kritische Stimmen, erklärt Gruska.

Staatsnahe Fernsehsender die wichtigste Nachrichtenquelle

Obwohl es eine Reihe unabhängiger Medien in Russland gibt, bleibt das staatliche und damit staatsnahe Fernsehen die wichtigste Nachrichtenquelle für viele Russen. Dazu zählen die Sender Rossija 1, Perwy Kanal und NTW. Diese können nahezu im ganzen Land empfangen werden.

Unabhängige Medien führen im Gegensatz dazu ein Nischendasein. „Etwa 30 Prozent der Russen konsumieren Beiträge von wenigstens einem unabhängigen Medium, in Moskau sind es 60 Prozent“, sagt Kutscher und bezieht sich auf die Zahlen des Soziologen Denis Wolkow, der am renommierten russischen Meinungsforschungsinstitut Lewada-Zentrum die Medienlandschaft in Russland erforscht hat. Die Zahl derer, die gleichzeitig drei oder mehr unabhängige Informationsquellen nutzen, ist sogar noch geringer: Nur rund zehn Prozent der Bevölkerung gehören laut Wolkow zu dieser „Informationselite“ (in Moskau ungefähr 30 Prozent).


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