Neue Serie „Russland“ Parallele Welten: Putins Politik und der Alltag der Bürger

Von Maxim Kireev

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Längst nicht alle sind für Putin: Dieser Mann in Moskau wirbt für die Kommunisten. Die Angst vor einem Rückfall in Chaos und Unordnung der 90er-Jahre sitzt vor allem bei älteren Russen tief. Foto: AFPLängst nicht alle sind für Putin: Dieser Mann in Moskau wirbt für die Kommunisten. Die Angst vor einem Rückfall in Chaos und Unordnung der 90er-Jahre sitzt vor allem bei älteren Russen tief. Foto: AFP

St. Petersburg. Kurz vor der Wahl scheint Putins Russland zwischen verschiedenen Realitäten gefangen. Die ultrakonservative Rhetorik hat dabei wenig gemein mit dem Alltag im Land. Unsere neue Serie „Russland“ beleuchtet das Land und die verschiedenen Ebenen der Realität.

Wer derzeit den Mächtigen in Russland zuhört, der wird den Eindruck nicht los, dass das Land sich auf einen Krieg vorbereitet. Erst kürzlich erklärte Präsident Wladimir Putin ganz unverfroren, er sei bereit, die Welt in eine „globale Katastrophe“ zu stürzen, sollte jemand beschließen, seine Heimat zu vernichten: „Wozu brauchen wir eine Welt, wenn es in ihr kein Russland gibt“, so der Staatschef. Der Kalte Krieg sei längst wieder im Gange, sagte vor wenigen Wochen auf der Münchner Sicherheitskonferenz auch Dmitrij Medwedew, der einst als verhältnismäßig liberal geltende Premier des Landes.

Russland unterhalb des Radars

Auch die Staatsmedien mischen kräftig mit. Seit Jahren haben sie die Krise nicht etwa im eigenen Land, sondern im Westen ausgemacht – mit seinen offenen Grenzen und der verkommenen Moral: Russland dagegen sei die letzte Bastion christlich-konservativer Werte, ist oft in politischen Talk-Shows zu hören. Fragt man die Russen selbst, so scheint dieses Bild zu verfangen. Noch vor zehn Jahren bezeichneten fast 56 Prozent der Einwohner Russlands ihr Land als ein europäisches. 32 Prozent waren anderer Meinung. Heute hat sich das Verhältnis nach Untersuchungen des unabhängigen Levada-Instituts umgekehrt.

Doch es gibt auch ein anderes Russland, das unterhalb des Radars von Soziologen liegt und kaum in den staatlichen Medien stattfindet. Dort herrscht kein Krieg. Vielmehr schicken dort Abgeordnete und hohe Beamte ihre Kinder auf Hochschulen in der Schweiz oder in Großbritannien, während die Absolventen einheimischer Eliteuniversitäten lieber bei internationalen Konzernen als bei Gazprom und Co. anheuern wollen.

Verschiedenen Ebenen der Realität

Allein die Anzahl der Visaanträge bei deutschen Konsulaten in Russland ist im vergangenen Jahr um 16 Prozent gestiegen. Und auch die Werbeexperten wissen genau, dass das Prädikat „europäisch“, gehe es nun um neue Wohnkomplexe auf europäischem Niveau oder Lebensmittel von europäischer Qualität, den Umsatz ankurbelt.

Russland im Jahr 2018 ist ein Land, in dem sich die verschiedenen Ebenen der Realität kaum überschneiden. Da gibt es das martialische Russland, das in Syrien Krieg führt und in der Ukraine vermeintlichen Faschisten die Stirn bietet. Und oft ist von einer konservativen Wende im Land die Rede. In dieser Welt stehen Kinder, Familie und die Liebe zum Vaterland an oberster Stelle, während der Tyrann Joseph Stalin an Popularität gewinnt. Frauen sind in dieser Welt vor allem Mütter und Haushälterinnen, während Männer sie und ihr Land beschützen sollen. Und wer für sein Vaterland stirbt, zum Beispiel in Syrien, wird als Held gefeiert.

Hypothek fürs Auto wichtiger als Politik

Es mag paradox klingen, doch bei aller Rückständigkeit des Landes war gleichzeitig die Kluft zwischen dem alltäglichen Leben der Russen und jenem der restlichen Europäer selten so klein wie heute. Bei aller Aggressivität nach außen: Noch nie in der jüngeren Geschichte gab es weniger Morde im Land als heute: Verglichen mit der Zeit um die Jahrtausendwende, hat sich die Anzahl pro 100.000 Einwohner um zwei Drittel verringert. Bei aller Propagierung konservativer Werte kriegen russische Frauen durchschnittlich kaum mehr Kinder als Frauen in Europa. Scheiden lassen sich russische Ehepartner dagegen um einiges öfter.

Es mag banal klingen: Doch bei näherem Hinsehen beschäftigt viele Russen derzeit vor allem ihre Hypothek, der Kredit fürs Auto oder der viel zu geringe Lohn, den Millionen Arbeitnehmer insbesondere fernab der Großstädte erhalten und deren Lage sich in der noch immer anhaltenden Wirtschaftskrise verschlechtert: weit mehr als das Großmachtgetöse der Politiker.

„Russland hat keine besonderen Werte.“

Russische Politiker, allen voran Wladimir Putin, wollen mit aller Macht ein anderes Bild zeichnen. Zu Beginn seines Wahlkampfes im Februar erklärte der Präsident den angeblichen Kollektivismus der Russen zum Wettbewerbsvorteil. In anderen Ländern dagegen würde der individuelle Erfolg viel schwerer wiegen.

Umfragen mögen die Unterschiede zwischen Russland und dem Westen zementieren. Doch russische Forscher halten dagegen: „Die Soziologie ist das erste Opfer der Propaganda“, meint Grigorij Judin, der sich mit den Wertvorstellungen der Russen befasst und an der Higher School of Economics in Moskau lehrt. Stattdessen, so Judin, hätten russische Forscher herausgefunden, dass die Werte der Russen sich nicht besonders von jenen in anderen ost- und südeuropäischen Ländern unterscheiden: „Russland hat keine besonderen Werte.“ Stattdessen habe das Land Komplexe und den Wunsch, sich durch das öffentliche Betonen des vermeintlichen Andersseins aus der Rolle des ewig Aufholenden zu befreien.

Angst vor der Vergangenheit bleibt

Und dann sind da noch die latenten Ängste vor der Rückkehr von Chaos, Anarchie, politischer Instabilität und wirtschaftlichem Zusammenbruch, die jeder Russe – ob jung oder alt– kennt, obwohl die wilden 90er-Jahre schon lange zurückliegen. „Wahrscheinlich werden wir immer Angst haben, dass diese Jahre zurückkommen werden, dass sie alles wegnehmen werden, dass Grenzen geschlossen werden, dass Läden leer geräumt werden, dass Essen und Tausende von Stiefeln aus den Regalen verschwinden. Damit müssen wir leben“, notiert die Journalistin Arina Cholina in ihrem Blogpost.


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