SPD-Schwergewicht weg Außenminister Gabriel: Abgang wider Willen

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Wohl sein letzter Termin als Bundesaußenminister: Sigmar Gabriel (SPD) am Donnerstag nach einem Treffen mit seinem Amtskollegen aus Bosnien-Herzegowina. Foto: dpaWohl sein letzter Termin als Bundesaußenminister: Sigmar Gabriel (SPD) am Donnerstag nach einem Treffen mit seinem Amtskollegen aus Bosnien-Herzegowina. Foto: dpa

Berlin. Am Ende war es keine Überraschung mehr: Sigmar Gabriel wird der neuen Bundesregierung nicht mehr angehören. Der frühere SPD-Chef ließ es sich nicht nehmen, seinen Abschied am Donnerstag selbst anzukündigen. Ironie der Geschichte: Gabriel muss zu dem Zeitpunkt gehen, zu dem er beliebter ist als je zuvor.

Er wollte nicht gehen. Aber er musste. Andrea Nahles und Olaf Scholz, die beiden selbst so gegensätzlichen Führungsfiguren der neuen SPD, waren sich in einer Sache absolut einig: Sigmar Gabriel muss weg. Zu groß waren am Ende offenbar die persönlichen Zwistigkeiten, als dass die Parteispitze geglaubt hätte, den früheren Chef noch einmal in die schwierige Disziplin einer Großen Koalition einbinden zu können.

Nahles und Scholz hätten ihn darüber „unterrichtet“, dass er dem neuen Kabinett nicht mehr angehören werde, schrieb Gabriel, als er die Entscheidung per Twitter öffentlich machte. Das klang verbittert. Dabei hatte er vor Kurzem noch den Eindruck erweckt, als gehe er gelassen mit der Vorstellung um, nicht mehr Minister zu sein. Er werde sich nicht an Ämter klammern, hatte der 58-Jährige in einem Interview beteuert. Deutschland werde einen guten Außenminister bekommen: „Der muss aber nicht Sigmar Gabriel heißen.“

Drei Viertel für Verbleib im Amt

Sollte er aber, sagten zuletzt gut drei Viertel der Bundesbürger. Auf seinem finalen Ministerposten, den er nur für 13 Monate bekleidete, hatte Gabriel zu ungeahnter Beliebtheit gefunden. Ein Teil davon mag dem üblichen Außenminister-Bonus geschuldet sein. Doch es schien so, als könne der Goslarer als erster Diplomat des Landes die beiden Charakterzüge, die sein politisches Leben geprägt haben, zum ersten Mal miteinander in Einklang bringen: auf der einen Seite das feine Gespür für Themen, Situationen und die Erwartungen des Gegenübers. Und auf der anderen Seite der Hang zu klaren Ansagen und die persönliche Härte, mit der er sich in anderen Ämtern häufig selbst im Weg gestanden hatte – wenn sie in Unbeherrschtheit umschlug und er Verbündete vergraulte, verletzte, abbügelte.

Retourkutsche gegen Schulz

Das letzte Beispiel dafür war Gabriels Retourkutsche gegen Martin Schulz, der ihm das Außenministerium streitig machen wollte. Sie zeigte noch einmal, dass der oft rücksichtslose Polterer auch sehr dünnhäutig sein kann. Dass er seine kleine Tochter mit einer angeblichen despektierlichen Bemerkung über Schulz’ Bart vorschob, nahm ihm in der SPD nicht nur der Angeschossene übel. Es nützte nicht mehr viel, dass sich Gabriel entschuldigte.

Siebeneinhalb Jahre war er Parteichef, acht Jahre Minister – Umwelt, Wirtschaft, Außen. Drei Mal hätte Gabriel Kanzlerkandidat werden können, drei Mal zögerte er lange und lehnte dann ab – drei Mal folgten bei der Bundestagwahl Niederlagen, eine schlimmer als die andere. Zuletzt hatte der einst starke Mann der SPD in der Parteispitze offenbar kaum noch Freunde. Dass sich zugleich frühere Parteichefs oder Gewerkschaftsbosse für seinen Verbleib im Kabinett einsetzten, half am Ende nichts.

Rechter SPD-Flügel geschwächt

Mit Gabriel scheidet auch ein weiteres Schwergewicht des rechten SPD-Flügels aus der aktiven Parteipolitik aus. Gerhard Schröder, Wolfgang Clement, Thomas Oppermann oder Franz Müntefering gingen ihm voraus, auch Frank-Walter Steinmeier und der in Niedersachsen so erfolgreiche Stephan Weil gestalten die nach dem Mitgliederentscheid über die Groko ausgerufene Erneuerung der SPD in Berlin nicht in vorderster Reihe mit. Gabriel wird man stattdessen wohl bald in einer der hinteren Reihen des Bundestages wiedersehen. Als einfacher Abgeordneter der SPD-Fraktion trifft er dort auf einen, der sich die kommenden Jahre ebenfalls ganz anders vorgestellt hatte: Martin Schulz.


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