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08.03.2018, 18:13 Uhr KOMMENTAR

Giftanschlag: Undurchsichtiger Fall, durchsichtiges Manöver

Kommentar von Maik Nolte

Spurensuche in Salisbury: Auf einer Bank in der südenglischen Stadt wurden der Ex-Spion Sergej Skripal und seine Tochter mit schweren Vergiftungserscheinungen gefunden. Ermittler bestätigen, dass ein Nervengift zum Einsatz kam.Foto: AFPSpurensuche in Salisbury: Auf einer Bank in der südenglischen Stadt wurden der Ex-Spion Sergej Skripal und seine Tochter mit schweren Vergiftungserscheinungen gefunden. Ermittler bestätigen, dass ein Nervengift zum Einsatz kam.Foto: AFP

Osnabrück. Ein russischer Ex-Spion wird Ziel eines Giftanschlags. Und noch bevor die Ermittlungen überhaupt richtig angelaufen sind, ist für viele bereits klar, wer dahinterstecken muss. Vorhang auf für eine neuen Akt im europäisch-russischen Drama. Ein Kommentar.

Eine „robuste Reaktion“ kündigte der britische Außenminister Boris Johnson an, sollte sich herausstellen, dass Moskau mit dem Anschlag auf den Ex-Spion Sergej Skripal und dessen Tochter zu tun hat. Wohlgemerkt: Zum Zeitpunkt dieser kernigen Aussage stand noch nicht einmal fest, ob es überhaupt ein Anschlag war. Der Verdacht gegen seine Regierung „habe ja nicht lange auf sich warten lassen“, kommentierte Kremlsprecher Dimitri Peskow das Gepolter dann auch trocken.

Fürwahr. Denn längst hat sich europaweit eine Stimmung breitgemacht, in der hinter allen kriminellen Vorfällen, die eine Verbindung zu Russland haben, sogleich von Wladimir Putin höchstselbst orchestrierte finstere Machenschaften gesehen werden. Beweise? Wer braucht die schon, wenn man ein solides Bauchgefühl hat?

Auszuschließen ist in diesem Fall natürlich erstmal nichts, auch kein politisches Motiv. Und das ist der springende Punkt, den man gar nicht mehr wiederholen mag: Für die Aufklärung der Hintergründe sind Ermittler zuständig – und nicht auf andereren politischen Ebenen angeschlagene Politiker wie Johnson, die die Gelegenheit, einen neuen russisch-westlichen Zwischenfall auszurufen, allzu gerne wahrnehmen. Das ist nicht nur ziemlich durchschaubar, sondern auch kontraproduktiv - und zeugt von Doppelmoral. Denn in Russland wird in neun Tagen gewählt - wie war das doch gleich mit der Einmischung in Wahlkämpfe fremder Länder?


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