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Demografischer Wandel VdK: Studie zu Risiken und Armut im Alter ein Alarmzeichen

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Osnabrück. Der Sozialverband VdK hat es als alarmierend bezeichnet, dass eine wachsende Zahl der Deutschen einen sinkenden Wohlstand im Rentenalter erwartet und im demografischen Wandel eher Risiken sieht. Sie reagierte damit auf eine Studie der Bertelsmann-Stiftung.

Frau Mascher, laut Untersuchung der Bertelsmann-Stiftung verbinden 65 Prozent der Menschen mit der älter werdenden Bevölkerung vor allem Risiken. Eine Mehrheit fürchtet sinkenden Wohlstand im Rentenalter. Ist das ein Alarmzeichen, ein Hinweis auf eine Krise der Altersvorsorge? Ja das ist aus unserer Sicht ein Alarmzeichen. Die Untersuchung ist ein Indiz dafür, dass die Mehrheit der Bevölkerung das Vertrauen in die Verlässlichkeit der gesetzlichen Rentenversicherung verloren hat. Hier muss die Politik gegensteuern.

Die Diskussion um die Tafeln hat noch einmal den Blick für die Armutsprobleme in Deutschland geschärft. Die Sozialverbände fordern eine Anhebung der Hartz-IV-Sätze um 30 Prozent. Womit begründen sie das?

30 Prozent mehr Geld – das ist nur eine Faustregel, in bestimmten Fällen kann es auch mehr sein. Hartz IV muss auf den Prüfstand, deutlich verbessert und genauer auf die Empfänger zugeschnitten werden. Ein gutes Beispiel ist die Grundsicherung im Alter. Alte Menschen haben sehr viel höhere Gesundheitsausgaben, etwa für Medikamente, die nicht verschrieben werden, die sie kaufen müssen. Und sie haben höhere Ausgaben für Mobilität, weil sie sich mit 80 Jahren nicht mehr aufs Fahrrad schwingen. Da ist es dringend erforderlich, nicht eine einheitliche Anhebung für alle Gruppen festzulegen, sondern zu differenzieren nach dem jeweiligen Bedarf. Das gilt zum Beispiel auch für Kinder, die wiederum ganz andere Bedürfnisse haben als alte Menschen.

Und was könnte vorbeugend passieren? Sie haben mit Blick auf Altersarmut und den Andrang bei den Tafeln von politischem Versagen gesprochen. Worauf zielen Sie genau?

Es muss zum Beispiel gelingen, mehr alleinerziehende Frauen in die Erwerbstätigkeit zu bringen. Das führt zur Frage der immer noch nicht ausreichenden Kinderbetreuung und zur Qualifizierung dieser Frauen. Zudem müssen endlich alle Frauen verstehen, dass es nicht reicht, sich auf einen Ehepartner zu verlassen, sondern dass sie eigene Rentenansprüche erwerben müssen.

Die Koalition will das Rentenniveau bis zum Jahr 2025 bei 48 Prozent stabilisieren. Reicht Ihnen das? Oder muss mehr geschehen, um Altersarmut zu vermeiden und das Vertrauen in die gesetzliche Rentenversicherung zu stärken?

Das Ziel der Regierung ist nicht besonders ehrgeizig. Denn laut einer Prognose des Arbeitsministeriums wird das Rentenniveau zumindest bis zum Jahr 2024 ohnehin bei 48 Prozent liegen. Im Übrigen reicht es nicht, das Niveau nur zu stabilisieren. Mittelfristig muss es auf 50 Prozent steigen – schon allein deshalb, weil die gesetzliche Rente ein Spiegel des Erwerbslebens ist. Und nicht alle Menschen haben das Glück, gut bezahlt und ununterbrochen gearbeitet zu haben. Wenn dann auch noch das Rentenniveau sinkt, bedeutet das massive Armutsprobleme.

Bleiben wir beim Thema Altersarmut. Die Große Koalition plant eine neue Grundrente. Voraussetzung dafür sind 35 Arbeitsjahre. Eine gute Idee?

Also, wenn man sich das bei den Frauen anschaut, dann haben viele von ihnen zwischen 28 und 30 Versicherungsjahre. Da wird es dann schon schwer, eine Grundrente zu bekommen. 35 Beitragsjahre inklusive Kindererziehungs- und Pflegezeiten sind für viele betroffene Menschen nicht erreichbar. Die Zugangsvoraussetzungen sind fern der Lebenswirklichkeit. Hier müssen die Hürden deutlich gesenkt werden.

Minijobber könnten nach dem Grundrenten-Modell mit 880 Euro Rente rechnen und so genauso viel bekommen wie Beschäftigte, die 35 Jahre lang 3000 Euro brutto verdient haben? Ist das nicht ungerecht?

Das ist ein großes Problem. Absolute Gerechtigkeit wird es wohl nicht geben. Ein Beispiel: Wenn jemand eine niedrige Rente hat und Grundsicherung im Alter beantragen muss, dann wird die Grundsicherung verrechnet mit der Rente. Das heißt, er oder sie hat nichts von einer Verbesserung der Rente. Wir fordern deshalb einen Freibetrag von monatlich 200 Euro, damit Verbesserungen etwa bei der Mütterrente auch tatsächlich bei denen ankommen, die am allerwenigsten haben.

Stichwort Mütterrente: Sie beklagen, es werde Mütter erster und zweiter Klasse im Rentenrecht geben. Was genau kritisieren Sie da?

Lange war es so: Frauen, die ihre Kinder nach 1992 geboren haben, bekommen drei Kindererziehungsjahre angerechnet, Frauen, die vor 1992 Kinder geboren haben, dagegen nur ein Jahr. In der vergangenen Wahlperiode ist bei den früheren Müttern ein Kindererziehungsjahr dazugekommen. Damit blieb aber immer noch eine Lücke. Das dritte Jahr soll nun zwar anerkannt werden – aber nur, wenn die Frauen drei und mehr Kinder haben. Das ist eine grobe Ungleichbehandlung.

Wie sind die Reaktionen?

Die betroffenen Frauen mit weniger als drei Kindern sind empört. Wir haben schon lange nicht mehr so viele Anrufe, so viele E-Mails oder Briefe bekommen wie nach dieser Festlegung der kommenden Großen Koalition. Die Mütter sind zu Recht sauer und fragen: Bin ich weniger wert? Bin ich keine richtige Mutter, nur weil ich nur zwei Kinder habe? Kurzum: Das kann nicht so bleiben. Für alle Frauen mit Kindern müssen bei der Mütterrente die gleichen Regeln gelten. Das ist eine Frage der Gleichbehandlung und der Fairness.

Und wer soll das bezahlen? Da muss der Steuerzahler ran. Die Mütterrente, also die Anerkennung von Kinderziehungszeiten, ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Sie gehört nicht in die gesetzliche Rentenversicherung.


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