Verbandschef im Interview Kinderärzte: „Impfstatus junger Eltern häufig Katastrophe“

Von Stefanie Witte


Osnabrück. Der Verband der Kinder- und Jugendärzte fordert mehr Engagement, um die Impfquote im Land zu erhöhen. Argumente von Impfgegnern lässt Dr. Thomas Fischbach, Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ), nicht gelten.

Herr Dr. Fischbach, Sie fordern immer wieder eine Impfpflicht in Deutschland. Es sieht nicht danach aus, dass sie kommt. Ärgert sie das?

Ach wissen Sie – das hat mir Ärger nicht viel zu tun. Ich bin jetzt seit 30 Jahre in meinem Beruf tätig und kenne all die Beteuerungen, dass man aufklären und niederschwellig an die Eltern herantreten soll. Fakt ist: Die Impfrate ist immer noch auf einem niedrigen Niveau. Und das gilt nicht nur für Masern, sondern auch für Krankheiten wie Keuchhusten, der für Kinder unter einem Jahr lebensgefährlich sein kann. Wir fordern eine Impfpflicht gegen übertragbare Erkrankungen für jedes Kind, das eine Kita besucht. Eltern, die ihr Kind nicht impfen lassen, handeln zum einen gegen das Kindeswohl, gefährden zum anderen aber auch andere Kinder, die nicht geimpft werden können, weil sie noch Säuglinge sind oder weil sie eine Erkrankung haben, die eine Impfung ausschließt.

Können Sie die Argumente der Gegner nachvollziehen?

Ich habe keine Lust mehr, mich mit Verschwörungstheoretikern auseinanderzusetzen. Impfungen sind gut verträglich und bieten einen hohen Schutz vor gefährlichen Erkrankungen. Lässt man sie weg, führt das zu Todesfällen, die einfach nicht sein müssten. Andere Sicherheitsvorkehrungen lassen wir ja auch über uns ergehen. Wer jammert heute noch darüber, dass er einen Gurt im Auto nutzen muss?

Sehen Sie abgesehen von einer Pflicht Möglichkeiten, die Quote zu erhöhen?

Wir brauchen sicher eine Stärkung des öffentlichen Gesundheitsdienstes. Das steht ja auch im Koalitionsvertrag. Wir brauchen Ärztinnen und Ärzte in den Schulen, um die Impflücken zu schließen. Und es kann nicht sein, dass ein Kinder- und Jugendarzt keine Erwachsenen impfen darf. Wenn ein Säugling zur Vorsorgeuntersuchung in meine Praxis kommt, lasse ich mir immer die Impfausweise der Eltern zeigen. Der Impfstatus dieser jungen Menschen ist häufig eine Katastrophe. Es gibt kaum Eltern, bei denen ich nicht nachimpfen muss. Da fehlt der Keuchhustenschutz, der Schutz gegen Masern und Röteln. In Nordrhein dürfen wir die Eltern mitimpfen. Die sehen das auch sofort ein und machen mit. Aber es gibt Bezirke – wie zum Beispiel Berlin – in denen das nicht erlaubt ist. Das muss bundesweit geändert werden – auch über Fachgruppengrenzen hinweg. Wer den Patienten sieht, muss ihn impfen dürfen.

Medienabhängigkeit ist ein neues Massenphänomen. Sind Eltern heute nachlässiger als früher?

Zum einen gab es Smartphone und Internet früher gar nicht. Als ich ein Kind war, gab es zwei Fernsehprogramme Schwarz-Weiß und immer wenn ich gern ferngesehen hätte, kam das Testbild. Die Verfügbarkeit von Medien hat seitdem extrem zugenommen und mit ihr die Notwendigkeit zu kontrollieren. Das schaffen manche Eltern einfach nicht. Die Erziehungskompetenz hat nachgelassen. Vielleicht ist es manchmal auch bequemer, wenn Kinder still vor dem Fernseher sitzen. Wenn Handys mit Internetzugang Kindern unter zehn Jahren zur Verfügung gestellt werden, ist das ein echtes Problem.

Welche Auswirkungen hat die exzessive Smartphonenutzung?

Meiner Erfahrung nach macht exzessiver Medienkonsum unruhig. Die Kinder können sich schlecht konzentrieren und schlafen schlecht – entweder, weil sie nachts noch herumspielen oder weil sie von den vielen Eindrücken überfordert sind. Es gibt Kinder, die bis zu acht Stunden online sind. Dadurch nehmen die Leistungen in der Schule ab. Auch Kopfschmerzen können eine Folge sein.

Die deutsche Gesellschaft wird immer älter. Trotzdem beklagen Sie einen Mangel an Kinderärzten. Wie passt das zusammen?

Die Gesellschaft wird zwar immer älter. Seit einigen Jahren steigt die Geburtenrate aber wieder. Das bedeutet natürlich auch einen entsprechenden medizinischen Betreuungsaufwand. In den ersten Lebensjahren sind viele Vorsorgeuntersuchungen nötig. Die Kinder werden häufig krank. Außerdem altert nicht nur die Gesellschaft, sondern auch die Kinder- und Jugendärzte. In den nächsten fünf bis sieben Jahren wird etwa ein Drittel der Kollegen in den Ruhestand gehen. Das sind vorwiegend Männer. Im Nachwuchsbereich haben wir aber viele Kolleginnen, die Familie und Beruf unter einen Hut bringen und dadurch gerne angestellt und in Teilzeit arbeiten wollen. Die Lebensarbeitszeit wird dadurch voraussichtlich um etwa ein Drittel zurückgehen. Wir brauchen also ein Drittel mehr Kollegen, allein um den Status Quo zu halten. Die Zahl der Weiterbildungsabschlüsse in der Kinder- und Jugendmedizin verbleibt jedoch auf einem gleichbleibenden Niveau. Wir haben also unterm Strich weniger Fachärzte.

Was müsste konkret passieren, um dieser Entwicklung entgegen zu wirken?

Die Zahl der Studienplätze müsste endlich zunehmen. Wir brauchen etwa 20 Prozent mehr Medizinstudienplätze. SPD und Union wollen die Zahl erhöhen – wir hoffen, dass das auch so kommt. Außerdem hilft uns der Masterplan 2020, der zu einer praxisnäheren Ausbildung führen soll. Da soll es auch Vertiefungsabschnitte geben. Einer davon ist die sogenannte hausärztliche Grundversorgung. Im jetzigen Koalitionsvertrag steht allerdings nur, dass die Allgemeinmedizin dadurch gefördert werden soll. Es muss aber unbedingt auch die Kinder- und Jugendmedizin genannt werden. Schließlich kümmern wir uns auch um die hausärztliche Versorgung. Wir sind die Hausärzte der Kinder und Jugendlichen. Überhaupt ist es wichtig, dass Studenten die ambulante Versorgung kennen lernen. Da gehen ja die schlimmsten Gerüchte um – von 70-Stunden-Wochen, Stress mit Regressen und geringem Verdienst. Dass das nicht so ist, kann man nur in einer Praxis erfahren.

Was raten Sie denn Eltern, die keinen Kinderarzt finden, weil der Arzt vor Ort keine zusätzlichen Patienten mehr aufnehmen kann?

Die Eltern sollten an die Öffentlichkeit gehen. Und sich an die jeweilige Kassenärztliche Vereinigung wenden. Die ist zuständig. Die muss eine Lösung anbieten. Und die Politik muss die entsprechenden Rahmenbedingungen schaffen. Wir können nur davon profitieren, dass sich Eltern lautstark beschweren und das auch über Medien publik wird. Von der Politik erwarten wir, dass sie diese Nöte der jungen Eltern wahrnimmt und für Abhilfe sorgt.