Parkinson noch keine Berufskrankheit Früherer Gärtner aus Hagen: Pestizide haben mich krank gemacht

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Haben Gärtner und Bauern ein höheres Risiko an Parkinson zu erkranken, weil sie viel mit Pestiziden hantieren? Foto: dpaHaben Gärtner und Bauern ein höheres Risiko an Parkinson zu erkranken, weil sie viel mit Pestiziden hantieren? Foto: dpa

Osnabrück. Haben Gärtner und Bauern ein höheres Risiko an Parkinson zu erkranken, weil sie viel mit Pestiziden hantieren? In Frankreich ist Parkinson als Berufskrankheit anerkannt, in Deutschland nicht. Ein ehemaliger Gärtner aus Hagen im Landkreis Osnabrück will das jetzt vor Gericht erzwingen. Die Pestizide haben ihn krank gemacht, sagt er.

Es fing mit der rechten Hand an. Erst fehlte die Kraft beim Greifen. Dann kam das Zittern hinzu. Im Krankenhaus die Diagnose: Parkinson. Das war vor zwölf Jahren. Seitdem kämpft Ulrich Elixmann gegen die Krankheit. Jetzt will er sich mit einem fast noch mächtigeren Gegner anlegen: dem deutschen Gesundheitssystem. Der gelernte Gärtner ist überzeugt, dass ihn Pestizide krank gemacht haben. Er will für sich und andere Betroffene erreichen, dass Parkinson als Berufskrankheit anerkannt wird.

13 Tabletten nimmt Elixmann mittlerweile pro Tag. „Ohne Medikamente würde es nicht mehr gehen“, sagt der 57-Jährige und verdeckt dabei seine rechte Hand. Das Zittern ist das sichtbarste Zeichen seiner Erkrankung. Parkinson ist nach wie vor unheilbar, der Verlauf lässt sich aber medizinisch abmildern. Chemie hält Elixmann im wahrsten Wortsinn am Laufen. Sie soll sein Leben aber auch erst aus dem Tritt gebracht haben.

Die Liste der Wirkstoffe ist lang, mit denen Elixmann in seinen fast 40 Berufsjahren in Kontakt gekommen ist. Glyphosat, Terabol, Hypotisan und so weiter. Einige sind mittlerweile verboten, andere werden nach wie vor verkauft. Der Umgang mit den Pestiziden war früher ein anderer als heute. 1976 begann Elixmann seine Ausbildung in einem Gartenbaubetrieb im Landkreis Osnabrück. (Weiterlesen: Risikoforscher: Darum haben Deutsche so viel Angst vor Glyphosat)

Pestizide schuld an Parkinson?

„Wir waren da ziemlich unbedarft im Umgang mit Chemie“, erinnert er sich. Ohne Mundschutz oder Schutzanzug, oft auch ohne Handschuhe brachte er die Gifte aus. Sie gelangten auf die Haut, in die Lunge – immer und immer wieder. Dass die Pestizide Auslöser der Parkinson-Erkrankung gewesen sein könnten, dieser Gedanke kam ihm erst Jahre nach der Diagnose: Als er erfuhr, dass ein Kollege aus seinem Ausbildungsbetrieb ebenfalls an Parkinson erkrankt ist.

„Das soll Zufall sein? Mir gingen regelrecht die Augen auf.“ Elixmann kann noch laufen, noch sprechen. Die Krankheit beeinflusst sein Leben, bestimmt es aber nicht. Anders bei seinem früheren Kollegen. „Parkinson hat unterschiedliche Verlaufsformen“, sagt Elixmann. „Ihn hat es so gesehen schlimmer erwischt als mich.“ Für den Hagener stand fest: Die Pestizide haben ihn und seinen Kollegen krank gemacht. (Weiterlesen: 200 Jahre Parkinson: So läuft der Kampf gegen die Krankheit)

Medikamente helfen, heilen lässt sich Parkinson aber nicht. Foto: dpa

Die Erkenntnis war der Auftakt einer Auseinandersetzung, die bis heute andauert. Elixmann will, dass Parkinson als Berufskrankheit anerkannt wird. Damit hätten nicht nur er, sondern generell Gärtner oder Landwirte mit dem Nervenleiden Anspruch auf medizinische Hilfe oder Rentenleistungen, wenn sie während ihrer Arbeit mit bestimmten Pestiziden in Kontakt gekommen sind.

In Frankreich anerkannt

80 anerkannte Berufskrankheiten gibt es in Deutschland. Sie reichen von Atemwegsproblemen über Gelenkbeschwerden bis hin zum Augenzittern der Bergleute. Parkinson steht nicht auf der Liste. Anders als beispielsweise in Frankreich. „Eine berufsbedingte Verursachung von Parkinson infolge des Einsatzes von Pestiziden kann nach dem derzeitigen medizinisch-wissenschaftlichen Erkenntnisstand nicht hinreichend belegt werden“, heißt es auf Anfrage bei der für Elixmann zuständigen Sozialversicherung für Forst- und Landwirtschaft (SVLFG).

Zwei Dinge müssen nach Angabe der Kasse für eine Anerkennung als Berufskrankheit wissenschaftlich belegt sein: Dass die Pestizide tatsächlich Parkinson auslösen können und dass Gärtner und Landwirte durch ihren beruflichen Umgang mit diesen Pestiziden „ein höheres Erkrankungsrisiko“ haben als die allgemeine Bevölkerung. Beides sei derzeit nicht belegt. „Der oft allgemein im Raum stehende Verdacht, dass der Umgang mit Pestiziden oder mit den bestimmten Expositionsstoffen zum Entstehen einer Parkinsonerkrankung beigetragen haben könnte, genügt dafür nicht“, so ein Sprecher der Versicherung.

45 Verdachtsanzeigen - alle abgelehnt

45 sogenannte Verdachtsanzeigen auf Anerkennung als Berufskrankheit hat die SVLFG seit 2010 in diesem Zusammenhang abgelehnt. Eine davon war die von Elixmann. Er will das nicht hinnehmen. Sein Anwalt Axel Zumstrull hat vor dem Sozialgericht Osnabrück Klage eingereicht. Die beiden stehen vor einer langen Auseinandersetzung, wie einzelne Fälle aus den vergangenen Jahren zeigen. Sie führten zu Anerkennungen als „Wie eine Berufskrankheit“: ein kleines Schlupfloch im Gesetz, dass erlaubt, Einzelfälle anzuerkennen, ohne dass sie gleich allgemeingültig werden. Vier Mal ist das laut SVLFG bei Parkinson bislang passiert. (Weiterlesen: Hustenkrämpfe wegen Tonerstaub zwingen Geesterin in Rente)

Die entsprechenden Urteile weisen erstaunliche Parallelen zum Fall Elixmann auf. Auch die betroffenen Landwirte nutzten die Pestizide weitgehend ungeschützt. In einem Richterspruch steht, die Düsen der Giftspritzen seien mit dem Mund freigeblasen worden, wenn sie verstopft waren.

Es waren andere Zeiten. Neuere Untersuchungen aus den vergangenen Jahren legen mittlerweile sehr wohl nahe, dass es einen Zusammenhang zwischen Pestiziden und Parkinson geben könnte. Das ist auch der Grund, warum der ärztliche Sachverständigenbeirat, der sich im Auftrag der Bundesregierung mit Berufskrankheiten und deren Anerkennungen befasst, wieder prüft. Im September sollen erste Ergebnisse zusammengetragen werden. Und wenn es wieder nicht reicht für eine Anerkennung? „Mir geht es um die Sache.“ Er will eine Anerkennung notfalls auf gerichtlichem Wege erzwingen. Und mag es noch so lange dauern. (Weiterlesen: 200 Jahre Parkinson: So läuft der Kampf gegen die Krankheit)


Verdacht auf Berufskrankheit – was zu tun ist

Ständiger Ausschlag an den Händen oder Asthma: Bei manchem Betroffenen mit solchen Symptomen liegt der Verdacht nahe, dass die Gesundheitsprobleme ihre Ursache in den Arbeitsbedingungen haben. Der behandelnde Arzt kann den Fall dann bei der zuständigen Berufsgenossenschaft oder Unfallkasse melden, erläutert Elke Biesel von der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung. Eine andere Möglichkeit ist es, sich direkt an die Berufsgenossenschaft oder die Unfallkasse zu wenden. Im Jahr 2015 gab es in Deutschland insgesamt 76 991 Anzeigen mit dem Verdacht auf eine Berufskrankheit. Der Verdacht wurde in knapp der Hälfte der Fälle (37 149) bestätigt.

Nach dem Gesetz gilt eine Erkrankung nur dann als beruflich bedingt, wenn sie in der Berufskrankheiten-Liste aufgeführt ist. In der derzeitigen Fassung sind dort 77 Krankheiten aufgenommen.

Nach der Anzeige des Verdachts beginnt der Unfallversicherungsträger zu ermitteln. Liegt eine Berufskrankheit vor, wird auf verschiedenen Wegen versucht, sie zu mildern und zumindest einen schlimmer werdenden Verlauf aufzuhalten. Bei einer Beeinträchtigung mit einer Minderung der Erwerbsfähigkeit von mindestens 20 Prozent wird zudem eine Rente gezahlt. Das ist allerdings eher selten der Fall: Von den

37 149 Fällen, bei denen sich 2015 der Berufskrankheitsverdacht bestätigt hat, wurde in 5049 Fällen eine Rente zuerkannt.

Doch was ist, wenn der Unfallversicherungsträger die Berufskrankheit erst gar nicht anerkennt? In diesem Fall können Betroffene zunächst einen Widerspruch einlegen. Bringt dieser nichts ein, gibt es noch die Möglichkeit der Klage vor dem Sozialgericht. (dpa)

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