Das Geheimnis von Cottbus Wo Frauen 17 Prozent mehr verdienen als Männer

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Cottbus. Jahr für Jahr wird in Deutschland mit Blick auf den Internationalen Frauentag am 8. März die sogenannte Gender Pay Gap (GPG) beklagt, nach der Männer deutlich mehr verdienen als Frauen. Doch eine neue Studie zeigt: Es geht auch anders. Im brandenburgischen Cottbus zum Beispiel verdienen Frauen 17 Prozent mehr als Männer. Einen höheren Wert zugunsten der weiblichen Beschäftigten gibt es nirgends. Warum ist das so? Wir haben die Stadt besucht.

Cottbus, die Stadt in Deutschland, in der Frauen 17 Prozent mehr verdienen als Männer, empfängt ihre Besucher klirrend kalt, aber freundlich. Eine Mitreisende hält die Tür auf, ein Passant weist den etwas umständlichen Fußweg Richtung Stadtzentrum. Kalt war es auch an dem Wintertag vor etwa 20 Jahren, als die Autorin dieses Textes, geboren in Münster, Westfalen, zum ersten Mal am Cottbuser Bahnhof ankam. Damals stand an einer Hauswand, die sich ins Blickfeld schob: „Wessis verpisst oich!“ Oich mit „oi“. Anfang der Achtzigerjahre war das mal ein Hinweis auf Oi-Musik und – noch – eher unpolitische Oi-Skinheads, eine Szene, die sich in der Arbeiterklasse Großbritanniens entwickelt hatte. Um die Jahrtausendwende hatten Rechtsextreme in Ostdeutschland die Buchstabenkombination okkupiert. Doitschland, Kraft durch Froide und so weiter. Der Graffitispruch vereinte rechtes Gedankengut mit Wessi-Hass, nicht gerade ein nettes Willkommen. Heute steht das Haus mit der Schmiererei nicht mehr, den Bahnhof der Lausitzmetropole umfließt eine riesige Baustelle. Überhaupt hat sich viel getan in der zweitgrößten Stadt Brandenburgs, die ziemlich genau in der Mitte liegt zwischen Berlin und Dresden und kurz vor der polnischen Grenze. Und von der Sabine Hiekel, Gleichstellungsbeauftragte der Stadt, gut gelaunt sagt, dass es „super“ stehe um die Emanzipation der Frau.

Cottbuser Frauen haben 17 Prozent mehr in der Lohntüte

Ihre Einschätzung passt zu den überraschenden Ergebnissen einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), eine Forschungseinrichtung der Bundesagentur für Arbeit. Demnach ist Cottbus die einzige Stadt in Deutschland, in der Frauen derart viel mehr verdienen als Männer, 17 Prozent beträgt dieser bemerkenswerte Unterschied in der Kategorie Gender Pay Gap, kurz GPG, wie die Lohnlücke in Statistiken genannt wird. Damit nimmt Cottbus unter den insgesamt 29 Kreisen in Ostdeutschland, in denen laut Studie Männer weniger in der Lohntüte haben als Frauen, eine Sonderstellung ein.

Große Unterschiede beim Einkommen der Männer

„Mehr“ ist allerdings nicht unbedingt gleichzusetzen mit „viel“: In dem anderen Extremkreis der Studie, Dingolfing-Landau in Bayern, verdienen die Frauen mit 2791 Euro brutto im Monat fast genauso viel wie die Frauen in Cottbus (2814 Euro). Krass ist die Lücke bei den Männern, die laut der Studie in Dingolfing mit 4531 Euro Bruttolohn gut 2100 Euro mehr im Monat bekommen als ihre Geschlechtsgenossen in Cottbus mit 2398 Euro. So betrachtet, zeigt die Studie möglicherweise weniger Unwuchten zwischen Geschlechtern als solche zwischen Regionen auf. Wäre das nicht der eigentliche Skandal?

Skandal? Kein Skandal

Dieses Wort möchte Michaela Fuchs, Autorin der IAB-Studie, nicht benutzen: „Ich war auch sehr überrascht, als wir entdeckt haben, dass die regionalen Lohnunterschiede so groß sind, und vor allem, dass sie über die Zeit hinweg so konstant sind. Ich würde das aber nicht als einen Skandal beurteilen, sondern diese Lohnunterschiede als Indiz für die generell großen regionalen Ungleichgewichte in Deutschland ansehen. Diese scheinen sich trotz intensiver Förderung nur sehr langsam zu verringern“, erklärt Fuchs im Gespräch mit unserer Redaktion – und nennt eine mögliche Begründung: „Es ist eben so und teilweise auch historisch bedingt, dass sich bestimmte Unternehmen an bestimmten Orten schon vor langer Zeit gegründet haben und zu Weltmarktführern oder zumindest -konzernen aufgestiegen sind.“ Dies gelte für den Maschinenbau, die Kfz- und die Chemiebranche, aber auch für den Finanzplatz Frankfurt, beschreibt Fuchs.

Frauen im Büro, Männer im Betrieb

Dingolfing hat also den Automobilkonzern BMW, wo viele Männer arbeiten und gut verdienen. Und Cottbus? „Bei uns herrschen klein- und mittelständische Betriebe vor“, sagt Marion Richter, Geschäftsführerin Operativ der Arbeitsagentur Cottbus. Besonders ausgeprägt sei auch der Öffentliche Dienst. Tatsächlich gibt es in Cottbus viele Behörden, mehrere Gerichte, eine große Knappschaft-Niederlassung. Etwa zwölf Prozent der gut 45.000 Beschäftigen in Cottbus arbeiten in all jenen Büros, zumeist sind es Frauen. Das erklärt auch, warum diese mehr verdienen als Männer, denn Angestellte in der Verwaltung werden in der Regel besser bezahlt als Arbeitnehmer im Handel oder Mitarbeiter kleinerer Betriebe.

Eine Region im Dauer-Umbruch

Seit Jahrzehnten befindet sich die Lausitz im Umbruch: erst die Wende, deren Euphorie bald wich, da immer mehr vor allem junge Menschen aus der strukturschwachen Gegend wegzogen, der Arbeit hinterher. Dann die EU-Osterweiterung, die vielen Sorgen bereitet hat, die sich aber dank länderübergreifender Kooperationen inzwischen eher als Glücksfall herausgestellt hat. Im Gegensatz zu dem geplanten Kohleausstieg, der wie ein Damoklesschwert über der ganzen Region hängt, die früher das Energiezentrum der DDR darstellte. Rund 8000 Leute arbeiten noch „in der Kohle“, wie es hier heißt, wohl etwa ebensoviele in den bergbaunahen Unternehmen. „Im Gegensatz zur Wende, auf die niemand sich vorbereiten konnte, sind wir dieses Mal aber gewappnet“, sagt Marion Richter. Überhaupt sei die Region gerade deshalb, weil nicht ein großer, sondern eher viele kleine Arbeitgeber vor Ort seien, gegen Konjunkturausschläge besser gerüstet. „Die Ausschläge sind weniger ausgeprägt – nach oben und nach unten. Und auch wir profitieren vom guten Konjunkturklima, die Auftragsbücher sind voll“, so Richter.

Weniger Arbeitslose, mehr offene Stellen

Das schlägt sich auch in den Arbeitslosenzahlen nieder, die langsam, aber kontinuierlich sinken, pro Jahr um ein Prozent etwa, dieser Februar wird mit 8,2 Prozent im Arbeitsamtsbezirk Cottbus abgeschlossen. Vor einem Jahr waren es noch mehr als 9 Prozent. Allerdings können schon jetzt nicht mehr alle offenen Stellen besetzt werden, auch in der Lausitz macht sich der Fachkräftemangel bemerkbar. „Wenn ich mir etwas für die Region wünschen würde“, sagt Richter, „dann wären es mehr junge Leute, die hier ihre Ausbildung machen.“

Blick zurück: Mehr Arbeitslose, weniger Ausländer

Vor zehn Jahren noch lag die Arbeitslosigkeit in Cottbus bei gut 13 Prozent. Und es lebten deutlich weniger Menschen aus dem Ausland in Cottbus, nicht 8,35 Prozent wie heute, sondern 3,2 Prozent, bei ebenfalls etwas mehr als 100.000 Einwohnern. Um nicht unter diese Grenze zu fallen und damit den Großstadtstatus zu verlieren, hat Cottbus seinen Einwohnerschwund jahrelang durch Eingemeindungen von Dörfern im Umland kompensiert. Doch diese Methode hatte Grenzen, 2011 verlor die Stadt ihren Großstadtstatus. Erst 2016 überstieg die Zahl wieder die 100.000er-Marke. „Dass wir zurzeit nicht schrumpfen und sogar zugewonnen haben, liegt auch an den Ausländern“, weiß Jan Gloßmann, Sprecher der Stadtverwaltung.

Am rechten Rand

Zuzug dieser Art gefällt nicht jedem. Den Rechten oder auch Rechtsextremen, die es immer noch gibt in der brandenburgischen Stadt mit aktuell genau 100.945 Einwohnern (Stand 31. Dezember 2017), jedenfalls nicht. In der Stadtverordnetenversammlung sitzt zurzeit ein Abgeordneter der NPD, quasi sichtbares Zeichen dafür, dass es in Cottbus Wähler gibt für eine Weltanschauung, die Flüchtlinge „sogenannte Flüchtlinge“ nennt, wie ein Blick auf die Facebook-Seite der Cottbuser NPD zeigt.

„Hochgradig gewaltorientiert“

Wobei das harmlos scheint, denn in der Region gibt es auch ganz andere Kaliber. Der Verfassungsschutz nennt die rechtsextreme Szene insbesondere in Cottbus „hochgradig gewaltorientiert“. 1390 Rechtsextreme waren im Land Brandenburg 2017 beim Verfassungsschutz registriert, 160 mehr als 2016. Linksextreme gibt es natürlich auch, laut Verfassungsschutzbericht 500 im Jahr 2017, dazu etwa 100 Islamisten.

Vom alltäglichen Rassismus

Bemerkenswert und ebenfalls besorgniserregend ist der Alltagsrassismus, der einem in Cottbus an jeder Ecke begegnet. Cottbus fremdelt. Nach mehreren gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen deutschen und syrischen Jugendlichen hat die Politik die Reißleine gezogen und die Aufnahme von Flüchtlingen gestoppt. Doch die Lage bleibt angespannt, und wer werktags um die Mittagszeit herum, wenn die Schulen aus sind, durch die Innenstadt geht, spürt das auch. Nirgendwo mischen sich die Gruppen. Studentenvertreter der Stadt berichten, dass Kommilitonen mit ausländischen Wurzeln lieber auf dem Campus bleiben. Und doch gibt es auch die andere Seite: Das neue indische Restaurant in der Fußgängerzone ist am Abend gut besucht, kein Anflug von Zurückhaltung. „Wir sind gerne hier, es läuft gut“, sagt einer der Angestellten.

Von Wut auf Flüchtlinge bis Wertschätzung der Frauen

Nicht nur in Cottbus, auch in Salzgitter, Delmenhorst und Wilhelmshaven gibt es derzeit einen Zuzugsstopp für Flüchtlinge, allerdings sind die Anteile von Menschen mit ausländischen Wurzeln dort insgesamt höher als in Cottbus. Und doch treibt das Thema die Menschen in der Lausitzmetropole um. Das zeigen Demonstrationen, zu denen Hunderte kommen und wo Schilder mit der Aufschrift „Schnauze voll“ hochgehalten werden. In nahezu allen Gesprächen vor Ort werden sie früher oder später thematisiert, „die Ausländer“, im Bäcker, im Café, im Zug, an der Ladenkasse. „Die können sich nicht benehmen, die Ausländer“, heißt es immer wieder, manchmal schwingt Wut mit. Dass Frauen in Cottbus mehr verdienen als Männer, wird dagegen schmunzelnd zur Kenntnis genommen. „Hier arbeiten die Frauen, das war früher so, und es ist heute so. Das geht auch gar nicht anders, wenn man Kinder hat. Die kommen in die Kita und fertig. Wer mehr verdient, ist egal, Hauptsache, es reicht“, erzählt Mia, 30 Jahre alt, verheiratet, Mutter von zwei Kindern und Verkäuferin in einem Bekleidungsgeschäft in der Innenstadt. Den Frauentag findet sie trotzdem wichtig, als generelle Anerkennung und Tag der Wertschätzung. „Schließlich müssen immer noch die Frauen die Kinder auf die Welt bringen, nicht die Männer“, sagt Mia.

Gleichstellungsbeauftragte: „Vieles selbstverständlich geworden“

So sieht es auch die Verkäuferin im Blumenladen, die wie Mia anonym bleiben möchte. „Am Frauentag sind die Chefs nett zu ihren Mitarbeiterinnen, und das soll auch so sein“, sagt sie. „Am Valentinstag kauft der Liebste der Liebsten eine Rose, am Frauentag gibt es richtige Sträuße, und zwar für alle Frauen.“ Ist Ungleichbehandlung überhaupt noch ein Thema bei den Frauen in Cottbus? „Nein, eigentlich nicht. Darüber machen wir uns keine Gedanken“, sagt Mia. Und auch Gleichstellungsbeauftragte Hieker sagt: „Vieles ist selbstverständlich geworden, auch wenn es immer wieder Frauen gibt, die Hilfe brauchen, zum Beispiel, wenn sie mit dem Chef einen Teilzeitvertrag aushandeln wollen, um für die Kinder da sein zu können. Aber zunehmend tappen auch junge Männer in die Fallen, die früher Frauen vorbehalten waren, denn immer mehr Männer wollen sich um die Kinder kümmern und beruflich kürzertreten. Da dreht sich manches um.“

Lieber einen Gleichstellungstag?

Bräuchten wir dann nicht eher einen Gleichstellungstag als einen Frauentag? Da lacht Sabine Hieker. „Ja, vielleicht. Zu unseren Veranstaltungen zum Beispiel in der Frauentagswoche dürfen aber auch schon jetzt Männer kommen, und es kommen auch welche. Wir sind schon sehr weit, aber noch lange nicht fertig mit dem Thema“, sagt Hieker, die den Posten seit 1991 innehat. „Und übrigens: Auch ich verdiene mehr als mein Mann“, fügt sie hinzu und lacht. „Aber etwas Besonderes ist das nicht.“

Gleichberechtigung leben

Vielleicht ist das das Geheimnis von Cottbus: Weniger problematisieren, stattdessen Gleichberechtigung und Gleichstellung einfach leben. In Cottbus jedenfalls schwingt in den Gesprächen zu diesem Thema immer eine gute Portion Pragmatismus mit. Kein Wunder: Die DDR konnte es sich nicht leisten, auf die Arbeitskraft der Frauen zu verzichten, also bot die SED-Führung ihnen gute Bedingungen, etwa Kinderbetreuung zu arbeitnehmerfreundlichen Zeiten. Das trägt Früchte. Michaela Fuchs, die Forscherin, sagt es so: „Ich denke, die ostdeutschen Frauen haben eine etwas stärkere Bindung an den Arbeitsmarkt als die westdeutschen Frauen, obwohl sich diese Unterschiede mit der Zeit schon verringert haben, beide Seiten bewegen sich da aufeinander zu. In Ostdeutschland gibt es ja auch verhältnismäßig mehr Frauen in Führungspositionen als in Westdeutschland, da scheint die andere Sozialisierung, im Positiven gedacht, schon nachzuwirken. Und die Kinderbetreuung ist in Ostdeutschland besser geregelt, es ist für die Frauen hier völlig normal, ihr Kind ganztags betreuen zu lassen“, erklärt Fuchs.

Große, schöne, leere Stadt

Wer an einem gewöhnlichen Wochentag durch Cottbus streift, könnte sich indes wundern: Wie leergefegt wirken Straßen, Gehwege und Plätze. Das mag zum einen an der Kälte liegen, über minus acht Grad kommt das Thermometer an diesem Wintertag nicht hinaus. Doch es liegt auch an Cottbus selbst: Was die Stadt nicht hat, ist ein Platzproblem, auf einem Quadratkilometer leben kaum mehr als 600 Menschen. Zum Vergleich: Im etwa gleich großen Hildesheim in Niedersachsen sind es dagegen 1100. Die mächtigen, leeren Hauptstraßen von Cottbus heißen Magistralen, und in der Innenstadt finden sich eingezäunte, von Scherben glitzernde, zugemüllte Brachflächen groß wie Fußballfelder. Zum Beispiel hinter dem Blechen Carré, einem Einkaufszentrum, dessen Name durch die Messerangriffe einiger Syrer neulich durch alle Medien rauschte. „Es ist schade, dass über Cottbus immer nur solche Geschichten in den Zeitungen auftauchen“, findet die Sekretärin, die gerade Mittagspause macht, die ihren Namen aber auch nicht gedruckt sehen will, weshalb wir sie nur Hilde nennen. Hilde kommt „vom Dorf“, lebt und arbeitet aber seit mehr als 35 Jahren in Cottbus. „Hier kann man gut leben, es ist schön hier. Und da, wo jetzt diese riesige Müllfläche ist, soll etwas gebaut werden, das wird bestimmt auch sehr schön.“ Auf die Cottbuser Lohnlücke zugunsten der Frauen angesprochen, lacht Hilde. „Bei uns ist das auch so. Na und?“

Der goldene Mittelweg

Da ist sie wieder, diese entspannte Selbstverständlichkeit der Frauen von Cottbus, die am Rande Deutschlands leben, aber den goldenen Mittelweg im Geschlechterkampf längst gefunden zu haben scheinen. Vielleicht, vielleicht begegnen die Cottbuser irgendwann auch mal den Fremden in ihrer Stadt ähnlich entspannt? Aber das wäre dann eine andere Geschichte.


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