Fachkräftemangel wird deutlicher Immer weniger Menschen wollen Physiotherapeut werden

Meine Nachrichten

Um das Thema Politik Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.

Immer weniger junge Leute beenden die Ausbildung zum Physiotherapeuten. Der Fachkräftemangel wird auch in diesem Berufszweig immer deutlicher. Foto: imago/Science Photo LibraryImmer weniger junge Leute beenden die Ausbildung zum Physiotherapeuten. Der Fachkräftemangel wird auch in diesem Berufszweig immer deutlicher. Foto: imago/Science Photo Library

Osnabrück. Der wachsende Fachkräftemangel macht sich auch im Bereich der Physiotherapeuten zunehmend bemerkbar. Der Deutsche Verband für Physiotherapie (ZVK) warnt vor der wachsenden Schere zwischen Angebot und Nachfrage.

Es ist Punkt 8 Uhr, als der erste Patient von Physiotherapeutin Nadine Beyenburg ihre Osnabrücker Praxis betritt. Bis zum Mittag werden zehn weitere folgen. Alle 25 bis 50 Minuten ein neuer Patient, je nach Behandlungsform. Ein stressiger Ablauf, doch das ist Alltag für viele Physiotherapiepraxen. Vor Ort in den Praxen wird der Mangel an Fachkräften besonders deutlich.

Ein Indiz dafür sind die Zahlen der Ausbildungsabsolventen. Zwar hat sich die Zahl der Schüler seit etwa fünf Jahren auf rund 21.500 stabilisiert, die Anzahl derer, die die Ausbildung auch abschließen, geht aber seit mehreren Jahren kontinuierlich zurück. So waren es 2012 noch mehr als 6500 Absolventen, 2016 nur noch rund 5300. Das belegt eine Statistik des Statistischen Bundesamtes. Für den Stellvertretenden Vorsitzenden des Deutschen Verbandes für Physiotherapie (ZVK), Michael Preibsch, sind die hohen Schulgebühren ein Grund für die hohe Abbruchquote: „An privaten Schulen müssen die Auszubildenden zwischen 300 und 400 Euro monatlich zahlen. Das ist für viele ein Grund, die Ausbildung abzubrechen.“ Es gebe zwar einige wenige staatliche Schulen, die gebührenfrei sind, diese deckten den Bedarf aber bei weitem nicht. CDU und SPD haben im Koalitionsvertrag festgehalten, dass die Gebühren abgeschafft werden sollen.

Die hohe Abbruchquote überrascht Physiotherapeutin Nadine Beyenburg nicht. Neben der teuren Ausbildung sei auch der geringe Verdienst im Anschluss ein ausschlaggebender Grund: „Auch mit 20 Jahren Berufserfahrung liegt der durchschnittliche Verdienst als angestellter Physiotherapeut lediglich bei rund 2200 Euro brutto.“ Sie selbst könne nicht empfehlen, den Beruf zu erlernen. Die Gehälter setzen sich aus den Vergütungsvereinbarungen zusammen.

Gehälter sollen steigen

Diese werden zwischen Krankenkassen und Verbänden verhandelt. Sie legen dabei fest, wie viel Geld Physiotherapeuten pro Behandlung bekommen. Beispielsweise haben die AOK Niedersachsen sowie der Verband der Ersatzkassen mit den Physiotherapie-Verbänden für eine Anwendung allgemeine Krankengymnastik (15 bis 25 Minuten) 16,62 Euro vereinbart. Für Manuelle Lymphdrainage (Richtwert 30 Minuten) zahlt die AOK Niedersachsen 19,50 Euro, die Ersatzkassen 19,76 Euro.

Für die Vergütungsverhandlungen sieht Preibsch für die nächste Zeit Licht am Ende des Tunnels. Durch ein Gesetz zur Stärkung der Heil- und Hilfsmittelversorgung haben die Verbände seit 2017 einen größeren Spielraum, um höhere Vergütungsvereinbaren mit den Krankenkassen zu verhandeln. „Das Gesetz gilt zunächst bis 2019. In diesen drei Jahren ist Ziel des Verbandes, dass die Sätze um bis zu 30 Prozent steigen“, erklärt Preibsch. Mit den Ersatzkassen sei es bereits zu einer Einigung gekommen, die bis zum 1. April 2018 eine Anpassung der Preise um insgesamt 20,6 Prozent mit sich bringt. Eine Verbesserung ist dadurch zwar bis 2019 in Sicht, doch danach kann die Gehaltsentwicklung wieder stagnieren. Preibsch fordert, dass auch über 2019 hinaus höhere Vergütungen verhandelt werden können.

Ein weiteres Problem der Physiotherapeuten ist die Zeit, die sie für Patienten aufbringen können. „Wir haben für eine Behandlungen 15 bis 25 Minuten Zeit für den Patienten . Diese Zeit inkludiert die Terminplanung , die Dokumentation und das Umkleiden des Patienten“, sagt Beyenburg. Da leuchte es ein, wie wenig Zeit für die eigentliche Behandlung bleibe. Am Montagvormittag behandelt sie elf Patienten. Alle kommen mit unterschiedlichen Problemen zu ihr, die auf verschiedene Arten therapiert werden müssen. Von Manueller Therapie nach einer Bein-OP, über Lymphdrainage gegen Wasserlagerung in den Beinen sowie weitere Behandlungen bei Knieathrose oder nach einer Arm-Operation ist alles dabei. Zeit zum Durchschnaufen zwischen den einzelnen Patienten hat sie nicht. In der Regel dauert es laut ZVK zehn bis 14 Tage, bis die Patienten einen Termin bekommen. Länger darf es auch nicht sein: Nach 14 Tagen verlieren die Verordnungen ihre Gültigkeit.

Nachfrage steigt immer mehr

Die Nachfrage nach physiotherapeutischen Behandlungen ist in den vergangenen Jahren immer mehr gestiegen. „Das liegt unter anderem auch an der immer älter werdenden Gesellschaft. Wir müssen aufpassen, dass die Schere zwischen steigender Nachfrage und sinkendem Angebot durch zunehmenden Fachkräftemangel nicht zu groß wird“, sagte Preibsch. Das Wissenschaftliche Institut der AOK (Wido) bringt jährlich einen Heilmittelbericht heraus. Demnach waren es im Jahr 2012 noch 36 Millionen Leistungen, die an die rund 70 Millionen gesetzlich Versicherten verschrieben wurden. Den aktuellen Zahlen zufolge waren es bereits 37,9 Millionen Leistungen.

Nadine Beyenburg hat eine klare Einstellung, wenn es um die Zukunft der Physiotherapie geht: „Es sind ein Umdenken und drastische Maßnahmen notwendig, um auch weiterhin alternative Behandlungsmethoden zu Medikamenten und Operationen zu erhalten. Gerade auch im Hinblick auf den demografischen Wandel.“


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN