Philologen warnen Verband: Bildungsnotstand, weil Lehrer fehlen

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Prof. Susanne Lin-Klitzing, Bundesvorsitzende des Deutschen Philologenverbandes, beklagt  in Deutschland einen „Bildungsnotstand“..Foto: DPhVProf. Susanne Lin-Klitzing, Bundesvorsitzende des Deutschen Philologenverbandes, beklagt in Deutschland einen „Bildungsnotstand“..Foto: DPhV

Osnabrück. Bildungsnotstand in Deutschland, weil Lehrer fehlen? Immer mehr Platznot in den Klassen? Wie soll ein Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung für Grundschüler funktionieren? Dazu im Interview Susanne Lin-Klitzing. Die neue Vorsitzende des Deutschen Philologenverbandes vertritt 90 000 Gymnasiallehrer.

Frau Lin-Klitzing, was erwarten Sie von der neuen Bundesministerin für Bildung und Forschung?

Ich sehe ihre vordringliche Aufgabe darin, die im Koalitionsvertrag angekündigten Zusagen für den Bildungsbereich mit einem guten Konzept auch wirklich umzusetzen. Nur ein Beispiel: Union und SPD versprechen bis 2025 den Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung in der Grundschule. Wie soll das gehen, da es jetzt schon an Kräften mangelt? Wir haben flächendeckend Lehrernot in Deutschlands Grundschulen.

Was kann der Bund überhaupt dagegen machen?

Die neue Ministerin kann darauf hinwirken, dass im Verein mit der Kultusministerkonferenz und den Ländern endlich vorausschauend geplant wird. Fakt ist: Schulpolitik bleibt nach wie vor Ländersache. Die von Union und SPD verabredete Lockerung des sogenannten Kooperationsverbots von Bund und Ländern bedeutet nur, dass aus Berlin Gelder fließen dürfen für die Bildungsinfrastruktur, zum Beispiel für Digitalisierung, also IT-Ausstattung, und für die Sanierung der Schulen.

Die SPD interpretiert den Koalitionsvertrag so, dass das Kooperationsverbot zwischen Bund und Ländern im Schulbereich gefallen ist…

Das interpretiert die SPD falsch. Das Kooperationsverbot ist nicht gefallen, es ist nur gelockert. Die Kultushoheit bleibt in der Kompetenz der Länder. So heißt es im Koalitionsvertrag. Für den Deutschen Philologenverband ist das wichtig, und es ist ein kluger Kompromiss.

Die designierte Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) sieht die Zusammenarbeit mit den Ländern als ihre „ Kernaufgabe“. Nötig sei, dass die Schulbildung insgesamt besser werden müsste…

Da kann sie einiges tun, zum Beispiel kann Frau Karliczek eine „Clearing-Stelle“ einrichten, so wie es sie in den USA gibt. Schulpraktiker und Wissenschaftler arbeiten dort eng zusammen. Wissenschaftler stellen ihre Forschungsergebnisse zu Schulfragen dar, Praktiker fragen, wie das konkret umgesetzt werden kann. Und umgekehrt! Außerdem: Frau Karliczek könnte eine Studie in Auftrag geben, wie viel die Ganztagsschule in unseren Bundesländern tatsächlich zu einer Verbesserung der Leistungen der Schüler beigetragen hat.

Auf der Agenda einer erneuten Großen Koalition steht eine Investitionsoffensive bei Schulbau- und -sanierung. Wo wird das Geld am meisten gebraucht?

Ganz banal: Wir brauchen Schulen, in denen sich Kinder und Jugendliche wohlfühlen können. In denen sie sich nicht ekeln müssen, wie es angesichts maroder Toiletten derzeit der Fall ist. Wir nehmen die Politiker beim Wort, die im Wahlkampf schnelle Abhilfe versprochen haben. Und: Wir brauchen ausreichend große Klassenräume. Es darf nicht sein, dass auf wieder steigende Schülerzahlen mit der simplen Lösung reagiert wird, immer mehr Mädchen und Jungen in immer kleinere Räume zu pferchen. Die Vorschriften sehen vor, dass Klassenzimmer vier Quadratmeter kleiner sein sollen, also statt 70 jetzt 66 Quadratmeter beziehungsweise statt 58 jetzt 54 Quadratmeter. Das ist nicht akzeptabel. In den Grundschulklassen sitzen durchschnittlich 25 Kinder, im Gymnasium müssen sich etwa 33 Jugendliche einen Raum teilen. Es wird dann noch besonders schwierig, wenn Pädagogen kleinere Gruppen bilden für gewünschten Gruppenunterricht. Deshalb hoffe ich, dass der Bund beim Thema Schulbau mindestens an gut funktionierende Toiletten denkt, aber auch den nötigen Platz schafft für gute pädagogische Arbeit.

Ist gute Bildung noch zu machen? Es fehlen laut Bertelsmann-Stiftung allein an Grundschulen 35 000 reguläre Lehrkräfte bis zum Jahr 2025…

Es wird extrem schwierig an allen allgemeinbildenden Schulen. Insgesamt haben wir jetzt rund 200 000 Schüler mehr als von der Kultusministerkonferenz bisher geschätzt. Bis 2025 sind es laut Bertelsmann sogar rund eine Million Schüler mehr. In Niedersachsen hatten wir die krasse Situation, dass es quasi „Teilzeit-Gymnasien“ gab, weil Gymnasiallehrer an andere Schulen abgeordnet wurden. Ein Mangel zog den anderen nach sich. Leider müssen wir feststellen: Wir waren einmal eine Bildungsnation und standen dann in den 1960er-Jahren vor einer „Bildungskatastrophe“. Heute müssen wir einen „Bildungsnotstand“ beklagen. Der Grund: Der Staat hat seine Pflicht, ausreichend Pädagogen einzustellen, sträflich vernachlässigt. Warum gibt es keine jährlich aktualisierten Statistiken, wie viele Schülerinnen und Schüler es gibt und wie viel Lehrerbedarf daraus abzuleiten ist? Hier sind die Länder und die Kultusministerkonferenz aufgefordert, endlich diese jährliche Statistik zu erstellen. Dann könnten die Länder vorausschauend handeln und müssten nicht ständig Notsituationen überbrücken.

Bildungstrends zeigen: Mädchen und Jungen verlassen die Grundschule, ohne rechnen und lesen zu können. Wer soll entscheiden, welche weiterführende Schule Viertklässler besuchen sollen?

Leider ist das Thema politisch vermint. Fakt ist: Laut Grundgesetz stehen sowohl Eltern und Schule in der Pflicht. Die Länder legen dies aber unterschiedlich aus. Entscheidend ist in den meisten Fällen bei der Wahl der Schulart derzeit der Elternwille. Doch die nordrhein-westfälische Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) hat eine Rückkehr zum verbindlichen Schulgutachten durch Lehrer für Viertklässler ins Gespräch gebracht. Dies wäre ein Einschwenken auf das Vorgehen in Bayern. Meine Meinung dazu ist: Die Expertise der Grundschullehrer sollte grundsätzlich beachtet und nicht weggewischt werden. Nötig ist aber ein gemeinsamer Blick auf das Kind. Wie viel das Wort der Eltern und wie viel das der Lehrer zählen soll, erfordert ein anspruchsvolles Ringen. Dies könnte ein wichtiges Thema für den Nationalen Bildungsrat sein. Klar ist: Dieses Thema gehört auf die Agenda. Wir sollten uns dem stellen, in den letzten Jahren haben wir uns davor gedrückt.


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