Merkel zu mehr Engagement aufgefordert Tafel-Chef: Wir lassen uns nicht von der Kanzlerin rügen

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Osnabrück. Der Vorsitzende der Tafeln in Deutschland, Jochen Brühl, verwahrt sich in der Tafel-Debatte strikt gegen die Kritik von Kanzlerin Angela Merkel und fordert sie auf, sich vor die Tafeln, ihre Arbeit und die ehrenamtlichen Helfer zu stellen. Im Interview mit unserer Redaktion sagte Brühl: „Wir lassen uns nicht von der Kanzlerin rügen, denn die aktuelle Entwicklung ist eine Konsequenz ihrer Politik.“

Die Entscheidung der Essener Tafel, vorerst nur noch Deutsche neu in die Liste bedürftiger Menschen aufzunehmen, hatte für Aufsehen gesorgt. Auch Kanzlerin Angela Merkel kritisierte das Vorgehen. „Da sollte man nicht solche Kategorisierungen vornehmen“, hatte sie in einem Fernsehinterview gesagt. Tafel-Chef Brühl fordert die Kanzlerin nun auf, mehr soziales Engagement zu zeigen.

Lesen Sie hier das Interview im Wortlaut:

Herr Brühl, die Ausländer-Beschränkung der Essener Tafel hat für Diskussionen gesorgt. Wie nehmen Sie diese Debatte wahr?

Es macht mich wütend, dass die Skandalisierung eines lokalen Vorgangs den wirklichen Skandal verdrängt: Deutschland hat ein enormes Armutsproblem. Darüber sollte diskutiert werden. Hier geht es offensichtlich nicht um Lösungen. Den Skandal zu befeuern ist vielen anscheinend wichtiger als Veränderungen herbeizuführen. Das ärgert mich.

Worin liegt der Skandal?

Der Fall der Essener Tafel ist nicht der Skandal. Das ist einer von vielen Auslösern. Die Frage ist „Wie kann es sein, dass Rentner, Alleinerziehende oder Flüchtlinge auf Tafeln angewiesen sind?“ Der eigentliche Skandal ist, dass es uns seit 25 Jahren gibt, dass wir mittlerweile 1,5 Millionen Bedürftige unterstützen, dass es 250.000 Tonnen Lebensmittelüberschüsse gibt, dass es in diesem reichen Land Menschen gibt, denen es am Nötigste mangelt.

Stoßen die Tafeln denn an ihre Belastungsgrenzen?

Natürlich sind die Tafeln an ihren Belastungsgrenzen, aber nicht erst seit letzter Woche, sondern schon seit Jahren. Der Druck ist extrem. Bisher hat nur keiner richtig hingehört. Wir haben mit Situationen zu kämpfen, die die Gesellschaft und die Politik zu verantworten haben.

Angela Merkel hat kritisiert, dass eine Kategorisierung der Kunden nicht gut sei. Wie sehen Sie das?

Wir lassen uns nicht von der Kanzlerin rügen, denn die aktuelle Entwicklung ist eine Konsequenz ihrer Politik. Ich erwarte von einer Bundeskanzlerin, sich deutlich vor die Tafeln, ihre Arbeit und die Ehrenamtlichen zu stellen und zu sagen: „Ihr macht eine großartige Arbeit. Danke, dass ihr euch einsetzt“. Wir sind bereit, unsere Expertise aus 25 Jahren Tafel-Arbeit einzubringen und gemeinsam mit der neuen Regierung an Lösungen des Armutsproblems zu arbeiten.

Was sagen Sie den Menschen, die die Entscheidung der Tafel in Essen verurteilen?

Bevor ihr irgendwen anklagt, solltet ihr euch ein Bild von der Arbeit und den Umständen vor Ort machen. Die pauschalisierenden und zum Teil sehr verletzenden Äußerungen sind doch entlarvend. Damit setzt ihr euch nur selbst auf die Anklagebank. Ihr habt in den letzten 25 Jahren offensichtlich trotz Tafel nicht verstanden, wo das eigentliche Problem liegt. Die momentan geführte Diskussion entlarvt unsere Gesellschaft und die Politik, wie wir mit dem Thema Armut umgehen und das bringt uns nicht voran.

Wo liegt das Problem?

Es kann nicht sein, dass Rentner nach einem jahrzehntelangen Arbeitsleben zu wenig Rente haben. Wir haben einen unfassbaren Niedriglohnsektor, deren Löhne nicht ausreichen. Wir haben eine unzureichende Grundsicherung. Wir haben eine unausgegorene Zuwanderungspolitik. Hartz IV wurde nie weiter entwickelt. Niedrige Arbeitslosenzahlen und Milliardenüberschuss bedeuten nicht, dass in Deutschland keine Armut existiert. Es gibt eine Reihe von sozial- und gesellschaftspolitischen Fehlentwicklungen Wir müssen nachhaltige Lösungen suchen.

Wie können die aussehen?

Der Entrüstungspopulismus bringt uns nicht weiter. Es geht nicht um Deutsche und Ausländer, sondern um Menschen in Not. Es muss endlich eine ehrliche Debatte zum Thema Armut und Integration geführt werden. Dabei müssen Tafeln mit eingebunden werden, sei es in der Beschäftigungs-, der Sozial- oder Flüchtlingspolitik. Wir brauchen dringend gute politische Rahmenbedingungen, damit sich endlich etwas ändert.

Was fordern Sie von der Politik?

Kümmert euch um die, die abgehängt sind. Geht nicht als Parteien an den Rand, sondern holt die Leute wieder in die Mitte. Hört auf zu skandalisieren. Kümmert euch um die, die sich ehrenamtlich engagieren. Stärkt denen den Rücken. Hört auf, ihnen gegenüber Rügen auszusprechen. Fragt euch mal, wo eure Anteile an den wachsenden Problemen sind. Die politischen Rahmenbedingungen müssen verbessert werden, das ist nicht die Aufgabe der Tafel. Das ist Aufgabe des Staates.

Die Tafeln leben von Ehrenamtlichen. Wie schwierig ist es in der heutigen Zeit Freiwillige für diese Arbeit zu finden?

Wir haben über 60.000 Menschen, die sich bei den 937 Tafeln einsetzen. Das sind Weltverbesserer. Aber das reicht nicht. Wir suchen händeringend Ehrenamtliche.

Welche Probleme treten auf?

Aktuell wir darüber diskutiert, das Rentenalter weiter anzuheben. Aber hat sich jemand mal Gedanken gemacht, was das für das Ehrenamt bedeutet? Wenn Menschen nicht mehr mit 65 ehrenamtlich tätig sein können, sondern bis 70 arbeiten? Das Ehrenamt ist eine wichtige Säule der Gesellschaft, die wegzubrechen droht.

Wie wirkt sich die aktuelle Debatte auf die Helfer aus?

Wir müssen aufpassen, dass wir die Menschen, die unsere Gesellschaft lebenswerter machen, durch diese Diskussion nicht verlieren. Entgleisungen der aktuellen Debatte sind enorm frustrierend für die, die tagtäglich helfen statt zu reden oder mit dem Finger auf andere zeigen. Ehrenamt muss attraktiv gemacht werden, indem man es würdigt, indem man es unterstützt und nicht, indem man es rügt.

Nun soll in Essen ein „Runder Tisch“ gründet werden. Wie bewerten Sie diese Entscheidung?

Ich frage mich, warum das nicht viel eher passiert ist. Aber durch den medialen Druck ist der Hilfeschrei der Tafel jetzt gehört worden. Der Dialog vor Ort, der enorm wichtig ist, findet nun endlich statt. Aber auch die Bürger sind gefordert.

Wie meinen Sie das?

Die Verantwortlichkeit liegt bei jedem Einzelnen, sich für etwas einzusetzen und nicht immer gegen etwas zu sein. Aus dem betroffenen Bürger sollte ein handelnder, beteiligter Bürger werden. Nur so kann sich etwas ändern.


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