Besuch in Anja Karliczeks Heimat Auf den Spuren der künftigen Bundesbildungsministerin in Brochterbeck

Anja Karliczek vor dem familieneigenen Ringhotel Teutoburger Wald am Ortsrand von Brochterbeck. Foto: Thomas NiemeyerAnja Karliczek vor dem familieneigenen Ringhotel Teutoburger Wald am Ortsrand von Brochterbeck. Foto: Thomas Niemeyer

Tecklenburg. Ihre Benennung als mögliche künftige Bundesbildungsministerin kam für Anja Karliczek selbst überraschend. Für ihr berufliches und privates Umfeld erst recht. Erst wenn langjährige Begleiter ein wenig länger darüber nachdenken, schwindet die Überraschung: „Na klar kann Anja das.“

So reagiert auch ihr jüngerer Bruder Olaf Kerssen, der das familieneigene Ringhotel Teutoburger Wald in Brochterbeck, dem mit 2700 Einwohnern größten Ort der kleinen Stadt Tecklenburg, leitet: „Wir freuen uns für sie und sind sicher, dass sie die in sie gesetzten Erwartungen erfüllen wird. Aber mehr wollen wir als Familie dazu nicht sagen.“

Ein Begleiter und Förderer

Da ist Wilfried Grunendah l, der bis 2017 für die CDU im Düsseldorfer Landtag saß und ebenfalls in Brochterbeck wohnt, weniger zurückhaltend. „Die Anja“ kennt der 65-Jährige nämlich seit 46 Jahren, also quasi von ihrer Geburt an, hat ihren persönlichen und politischen Werdegang nicht nur beobachtet, sondern wo möglich gefördert.

Ihr Vater Werner Kerssen gehört ebenfalls der Tecklenburger CDU an, deren Stadtverband Grunendahl von 1991 bis 2011 vorsaß – Nachfolgerin: Anja Karliczek. Schon in den 1970er Jahren gab es viele Parteiveranstaltungen dort, manche auch im Vier-Sterne-Hotel der Kerssens. Da lief dann die kleine Anja den Christdemokraten um die Beine.

„Also, wenn ich jetzt höre, der Anja fehle der politische Stallgeruch, kann ich nur lachen“, sagt Grunendahl. Allerdings habe sie als Jugendliche noch keine politische Karriere angestrebt, sondern eine solide Existenzgrundlage: Abitur 1990 am Goethe-Gymnasium Ibbenbüren, zweijährige Banklehre bei der Deutschen Bank in Osnabrück, 1993 Zusatzausbildung zur Hotelfachfrau im eigenen Hause, dort dann auch als Ausbilderin in leitender Funktion.

Parteipolitik spielte da noch keine Rolle. Dafür die Liebe. Im Dorf ist bekannt, dass Anja Kerssen damals Flugstunden nahm und 1995 den Berufspiloten Lothar Karliczek heiratete. Ihren Fluglehrer. In fünf Jahren kamen drei Kinder. Engagement in der Brochterbecker St.-Peter-und-Paul-Kirchengemeinde insbesondere zum Ausbau der Kinderbetreuung ging damit einher. Nebenbei das Fernstudium zur Diplom-Betriebswirtin.

„Inhaltlich war sie schon damals sehr zielstrebig, sehr fleißig und deshalb auch erfolgreich“, bescheinigt ihr Grunendahl. Über die Junge Union fand sie zur CDU.

„Wir haben in der Tecklenburger CDU und in der Ratsfraktion keine Frauenquote“, berichtet er. Aber da es zwischen den vier Ortschaften gelegentlich recht heftig zur Sache ging, habe der Vorstand Wert auf das ausgleichende weibliche Element gelegt und geeignete Frauen gezielt angesprochen. Für Anja Karliczek verzichtete der Stadtfraktionschef 2004 selbst auf seinen Wahlkreis Brochterbeck. Auch in der Funktion folgte ihm Karliczek 2011 nach, als Grunendahl sich stärker auf den Fraktionsvorsitz im Steinfurter Kreistag fokussierte.

„Das lief typisch ab“, erzählt er. „Ich habe in der Ratsfraktion angedeutet, dass das jemand Anderes übernehmen könne, und Anja wollte.“ Als zwei Jahre später ein neuer Bundestagskandidat gesucht wurde, lief es ähnlich. „Und wenn sie dann etwas macht, dann macht sie es richtig“, lobt Grunendahl. „Sie liest wirklich und ist deshalb inhaltlich stark. Ich habe in Düsseldorf viele kennengelernt, die lieber lesen und schreiben lassen.“

Überrascht habe ihn die schnelle Karriere in Berlin, wo sie rasch finanzpolitische Sprecherin und dann Parlamentarische Geschäftsführerin der CDU-Fraktion wurde, deshalb nicht wirklich. Dass sie äußerlich gewinnend auftrete, habe ihr zusätzlich geholfen.

Fraktionschef Volker Kauder habe sie unter den mehr als 300 Abgeordneten schnell als Finanzexpertin entdeckt, kam im Wahlkampf 2017 extra für sie ins Tecklenburger Land; und Angela Merkel habe sie bereits vor einem Jahr in der CDU-Fraktion der Bundesversammlung zur Wahl von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier lobend hervorgehoben, hat Grunendahl miterlebt. Auch dass die wegen ihrer mädchenhaften Art von manchem politischen Alphatier gerne unterschätzt wird, ist da sicherlich kein Schade.


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