Designierte Bildungsministerin dämpft Ängste Anja Karliczek wünscht sich Mut zur Zukunft

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Sieht es als Vorteil, dass sie „von außen kommt und unvoreingenommen an die Arbeit geht“: Anja Karliczek, designierte Bundesministerin für Bildung und Forschung. Die Betriebswirtin will die berufliche Bildung zu einem Schwerpunkt ihrer Arbeit machen. Foto: imago/photothekSieht es als Vorteil, dass sie „von außen kommt und unvoreingenommen an die Arbeit geht“: Anja Karliczek, designierte Bundesministerin für Bildung und Forschung. Die Betriebswirtin will die berufliche Bildung zu einem Schwerpunkt ihrer Arbeit machen. Foto: imago/photothek

Berlin. Mehr Mut zur Zukunft wünscht sich Anja Karliczek, designierte Bundesministerin für Bildung und Forschung. Die CDU-Politikerin sieht mit Sorge, dass viele Menschen ängstlich nach vorn schauen. „Das Neue ist Chance und Bereicherung“, sagt die 46-Jährige, mit deren Berufung Kanzlerin Angela Merkel einen Überraschungscoup gelandet hat. Die Betriebswirtin will den Bundesbürgern das Unbehagen gegen neue technologische Herausforderungen nehmen und die berufliche Bildung stärken.

Frau Karliczek, Kanzlerin Merkel hat mit ihrer Berufung zur Ministerin auch Sie überrascht – haben Sie gleich Ja gesagt?

Dass die Kanzlerin an mich gedacht hat, hat mich sehr gefreut, aber auch überrascht. Ein Ministeramt ist eine große Herausforderung, nicht zuletzt in zeitlicher Hinsicht. Da musste ich zunächst mit meinem Mann sprechen. Wir waren uns aber schnell einig, dass ich das Angebot annehmen soll. Das Bildungs- und Forschungsministerium leiten zu dürfen – eine interessantere Aufgabe gibt es in der Politik ja kaum. Ich werde mir aber zunächst die Zeit nehmen, mich gründlich einzuarbeiten. (Weiterlesen: Angela Merkels Kabinett: Jünger, weiblicher, überraschender)

Wie hat die Kanzlerin Ihnen dieses Angebot gemacht? Per Telefon?

Ja, es gab einen Anruf. Dabei haben wir ein persönliches Treffen vereinbart und alles in Ruhe besprochen.

In der Bildungs- und Wissenschaftsszene sind Sie unbekannt, bitte nennen Sie uns Ihre vordringlichen Ziele…

Deutschland wird es in Zukunft nur gut gehen, wenn wir in Wissenschaft und Forschung an der Weltspitze sind. Dazu muss der Staat weiter in die Universitäten, Hochschulen und Forschungseinrichtungen gewaltig investieren. Dazu sind wir bereit, wie der Koalitionsvertrag zeigt. Die Versprechen in dem Vertrag will ich auch durchsetzen. Die Koalition will zu Recht eine neue Dynamik in Deutschland entfachen. Hier haben Bildung und Forschung eine Schlüsselstellung. Neue Dynamik kann aber auch nur entstehen, wenn die Menschen insgesamt mehr vom Nutzen von Innovationen überzeugt werden können. Natürlich müssen wir Innovationen sorgfältig prüfen. Die Gesellschaft sollte das Neue stärker als Chance und Bereicherung ansehen. Meine Aufgabe sehe ich auch darin mitzuhelfen, Ängste abzubauen. Ich will dazu beitragen, dass wir mehr Mut zur Zukunft und mehr Freude an der Zukunft haben. Momentan haben viele Menschen eher Sorgen wegen einer unsicheren Zukunft.

Was genau können Sie gegen dieses Unbehagen gegen neue technologische Herausforderungen tun?

Wir müssen uns noch intensiver mit den Ursachen dieses Unbehagens befassen. Das hohe Tempo, mit dem sich unser Leben fortwährend verändert, macht die Menschen unruhig. Ohne das Smartphone funktioniert für die meisten das Leben nicht mehr. Vor zehn Jahren gab es das aber noch nicht. Diese Rasanz der Entwicklung besorgt viele.

Sie sind Betriebswirtin und dreifache Mutter, aufgewachsen in Brochterbeck, einem 2700-Seelen-Dorf im Tecklenburger Land. Das hört sich handfest an. Werden Sie mit abgehobenen Wissenschaftlern fremdeln?

Dass ich von außen komme und unvoreingenommen an die Arbeit gehe, kann doch auch ein Vorteil sein. Ich habe zunächst mehr praktische Erfahrungen in zwei Ausbildungen gesammelt und habe dann das Studium gewissermaßen draufgesetzt. Ich finde, das war nicht der schlechteste Weg. Die weitere Verbesserung der Durchlässigkeit zwischen den Ausbildungswegen und die Förderung von dualen Studiengängen werden mir ein Anliegen sein. Das klassische Studium nach dem Abitur hat aber natürlich ebenso seinen Wert, wie wir generell natürlich hoch qualifizierte Wissenschaftler brauchen.

Sie sind das Paradebeispiel für einen unorthodoxen Bildungsweg: Nach dem Abitur 1990 erst Bankkauffrau und dann Hotelfachfrau, später Fernstudium der Betriebswirtschaft. Setzen Sie einen Schwerpunkt auf berufliche Bildung?

Die berufliche Bildung ist ein zentraler Bereich unserer Bildung. Ein wenig wird das immer wieder vergessen. Mit dem Meister-Bafög wurde ein Förderinstrument geschaffen, das Praktikern den Aufstieg ermöglicht. Das ist ein gutes Beispiel. Klar ist auch: Ein Studium allein ist noch nicht die Garantie für ein erfolgreiches Arbeitsleben. Ich kenne Unternehmenschefs, die hohen Wert auf eine praktische Ausbildung legen. Also: Alles hat seine Berechtigung: Ausbildung, Weiterbildung und Studium. Und: Nicht nur, wo etwas gelernt wird, ist wichtig, sondern was gelernt wird.

Man kann, wenn man will – ist das Ihr Motto?

Ja, so ist es. Dieses Land bietet viele Möglichkeiten. Die Politik muss weiter mit aller Kraft daran arbeiten, dass Beruf und Familie vereinbar sind und Frauen wie Männer den Weg gehen können, den sie für richtig halten.

Im Koalitionsvertrag versprechen Union und SPD bis 2025 den Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung in der Grundschule. Wie soll das gehen, da es jetzt schon an Kräften mangelt?

Das muss ein Projekt von Bund und Ländern sein, in deren Verantwortung die Schulpolitk ja liegt. Wir müssen Schritt für Schritt für eine Ganztagsbetreuung in der Grundschule sorgen, so wie wir die Kita-Betreuung immer weiter verbessert haben. Es soll ein Angebot, nicht aber Zwang sein. Wir haben bis 2025 genug Zeit, auch personell gute Angebote zu machen. Aber es ist mir klar, dass wir vor einer großen Herausforderung stehen.

16 Bundesländer, 16 unterschiedliche Profile: Union und SPD haben sich in ihrem Koalitionsvertrag für mehr Vergleichbarkeit im Bildungswesen ausgesprochen. Wie soll das gehen?

Die Zusammenarbeit mit den Ländern wird meine Kernaufgabe sein. Wir müssen uns in Deutschland in der Bildungspolitik mehr zusammenraufen. Das soll in einem nationalen Bildungsrat geschehen. Wir brauchen mehr Vergleichbarkeit in den Abschlüssen, aber auch die Schulbildung insgesamt sollte besser werden. Das Abschneiden Deutschlands in den internationalen Vergleichsstudien ist nicht immer überzeugend.

Laut Bertelsmann-Studie sind jährlich 2,8 Milliarden Euro nötig, um Deutschlands Schüler für den digitalen Wandel fit zu machen…

Mal langsam. Es werden viel zu schnell Rechnungen präsentiert und Zahlen in den Raum geworfen. Fakt ist: 3,5 Milliarden Euro wollen wir in dieser Wahlperiode investieren. Wir haben Engpässe an anderer Stelle: Es fehlt an Infrastruktur und an Lehrpersonal.

Die SPD interpretiert den Koalitionsvertrag so, dass das Kooperationsverbot zwischen Bund und Ländern im Schulbereich gefallen ist. Stimmen Sie dem zu?

Nein. Die Kultushoheit bleibt in der Kompetenz der Länder. So heißt es im Koalitionsvertrag. Und an diese klare Zuordnung der Zuständigkeit sollten wir uns halten, auch wenn der Bund bei der Schulsanierung und beim Digitalpakt finanziell helfen wird. Die Länder wissen am besten, welche Bedürfnisse in den doch sehr unterschiedlich ausgeprägten Regionen bestehen.

Zum Schluss: Beim Bafög gibt es den Ruf nach schnellen Verbesserungen. Studenten und Grüne fordern bis 2021 eine Milliarde Euro zusätzlich…

Ich sage: Erst schauen wir, warum die Bafög-Zahlungen zurückgegangen sind. Und wenn wir die Gründe kennen und Bedarf feststellen, wird entschieden. Das ist in meinen Augen der richtige Weg. Klar ist: Im Koalitionsvertrag ist vereinbart, die förderbedürftigen Auszubildenden wieder besser zu erreichen.


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