Organisierte Kriminalität Das Milliardengeschäft mit den Zwangsprostituierten

Von Melanie Heike Schmidt

Laut Schätzungen gibt es in Deutschland 400.000 Prostituierte – mindestens, denn das Dunkelfeld ist riesig. Etwa ein Zehntel von ihnen ist auf dem Straßenstrich tätig. Foto: dpaLaut Schätzungen gibt es in Deutschland 400.000 Prostituierte – mindestens, denn das Dunkelfeld ist riesig. Etwa ein Zehntel von ihnen ist auf dem Straßenstrich tätig. Foto: dpa

Osnabrück. In ländlichen Gegenden Bulgariens oder Rumäniens hängen sie an Bäumen und in Diskotheken: Zettel, die jungen Frauen gute Jobs in Deutschland versprechen, etwa in der Gastronomie, als Au Pair-Hilfe, als Tänzerin. Auch „Modelagenturen“ schießen wie Pilze aus dem Boden. Tausende Frauen tappen in diese Fallen – und landen im Bordell oder auf dem Straßenstrich. Ein Milliardengeschäft für kriminelle Banden.

Manfred Paulus kennt das Geschäft mit der Ware Frau – nicht als Täter, sondern als Ermittler. Mehrfach war der ehemalige Kriminalhauptkommissar aus Ulm an den Orten des Geschehens, in Bulgarien, Rumänien, eben in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion, wo täglich unzählige Frauen Opfer abgebrühter Menschenhändler werden. Einmal hat Paulus, Autor des Standardwerks „Tatort Deutschland – Menschenhandel“ in Minsk, Hauptstadt von Weißrussland, vor 200 jungen Frauen gesprochen. „Als ich sie fragte, wer denn von ihnen gerne im Ausland, zum Beispiel in Deutschland, arbeiten möchte, gingen 200 Hände hoch. Alle wollten weg, alle! In Bulgarien ein ähnliches Bild. Es gibt in diesen Ländern insgesamt eine riesige Migrationsbereitschaft.“ Beste Voraussetzungen also für Menschenhändler, die unbedarften Mädchen das Blaue vom Himmel versprechen, sie mitnehmen, einschüchtern, häufig auch drogenabhängig machen und anschließend als Prostituierte ausbeuten oder weiterverkaufen.

Endstation Bordell

Für viele Frauen ist Deutschland Endstation, etwa 80 Prozent der Prostituierten hierzulande kommen aus dem Ausland, aus Asien, doch viel häufiger aus Osteuropa, verführt, verschleppt und eingeschleust über die berühmte Balkanroute. „Wer hier von Freiwilligkeit spricht, hat grundsätzlich etwas nicht verstanden“, sagt Paulus.

Eigene Welt mit eigenen Gesetzen

Wer einmal im Mikrokosmos dieser kriminellen Subkultur mit ihren eigenen Regeln und Gesetzen gefangen ist, kommt dort kaum wieder heraus. Die Tricks, die die Schleuser anwenden, sind so ausgefeilt wie wirksam. Und sie dienen nur einem Zweck: die jungen Frauen abhängig und gefügig zu machen. Sie werden mit Gewalt eingeschüchtert, unter einem Vorwand nehmen ihnen die Täter die Pässe ab, dann verschwinden ihre Handys, sodass die Opfer isoliert und verängstigt sind. So manches Mal greift auch die Schuldenfalle zu, weiß Paulus: „Die Täter erzählen Geschichten von utopisch hohen Visagebühren oder Transportkosten, Summen, die die Frauen aufzubringen hätten und die sie aber mit den versprochenen Jobs niemals bezahlen könnten. Aber zum Glück hätten sie da eine Idee, wie die Frauen das Geld doch noch beschaffen könnten...“ Prostitution scheint dann der einzige Ausweg für die in die Ecke gedrängten Frauen zu sein.

Doppelt abhängig

Auch dass die Menschenhändler ihre Opfer häufig drogenabhängig machen, ist Teil der Strategie. Drogen machen die Betroffenen nicht nur wehrloser, sondern binden sie auch eng an die Täter. „Die Bindung ist sogar eine doppelte: Einerseits fühlen sich die Opfer schuldig, weil sie als Drogenkonsument kriminalisiert werden. Das hält sie davon ab, sich an die Polizei zu wenden. Zum anderen brauchen sie den Stoff“, beschreibt der Experte. Am Ende entsteht ein Abhängigkeitsverhältnis zwischen Opfer und Täter, bei dem – ähnlich wie bei der Mafia und anderen Gruppen der Organisierten Kriminalität – Verrat das schlimmste aller Vergehen darstellt.

Nur wenige Hundert Ermittlungsverfahren im Jahr

Dies erklärt auch, weshalb nur sehr wenige Frauen ihre Peiniger anzeigen. Überhaupt sind die offiziellen Zahlen erstaunlich niedrig: Laut dem Bundeslagebild des BKA aus dem Jahr 2016 (neuere Zahlen sind nicht verfügbar) unter der Überschrift „Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung“ sind gerade mal 363 Ermittlungsverfahren verzeichnet. Von den 488 Opfern waren 95 Prozent weiblich und 85 Prozent aus Osteuropa. In den Jahren zuvor war die Zahl der Ermittlungsverfahren nahezu konstant. Und das bei geschätzten 400.000 Prostituieren in Deutschland.

Experte: Dunkelfeld ist gigantisch

Eine Zahl, von der Paulus wenig hält. „Diese Zahl 400.000 wird seit Anfang der 80er-Jahre immer wieder genannt, doch wie jeder weiß, war damals Deutschland noch geteilt und sehr viel kleiner, auch die Grenzen Richtung Osteuropa waren geschlossen. Das Dunkelfeld ist gigantisch“, so der Experte. Doch so genau scheine man nicht nachzählen zu wollen: „Wir sind das Land der Statistiken, wir wissen genau, wie viele Legehennen es bei uns gibt. Aber wie viele Prostituierte es sind, das weiß man nicht“, so der ehemalige Kriminalhauptkommissar. Ein hohes Dunkelfeld schütze jedoch nicht nur Täter, sondern entbinde auch die Verantwortlichen in der Politik. „Keine Zahlen, kein Handlungsbedarf“, fasst Paulus zusammen. „Und die Opfer bleiben auf der Strecke.“

Opfer häufig aus Osteuropa – und die Täter auch

Gewinner sind die, die an der Ausbeutung verdienen, Schleuser, Zuhälter, Bordellbetreiber. „Menschenhandel ist ein Milliardengeschäft für kriminelle Banden“, sagt Paulus. Wie viele Euro genau fließen, weiß naturgemäß niemand, doch dass es ein lukratives Geschäft ist, liegt auf der Hand. Nicht nur die Opfer kommen überwiegend aus Osteuropa, auch die Täter. An den Zwangsprostituierten verdienen bulgarische und rumänische Banden, albanische Clans und andere Gruppen wie das Balkan-Syndikat, die mit der Zeit ein komplexes, von der Außenwelt abgeschottetes System errichten. Auf die Schliche kommt die Polizei ihnen dann nur noch durch aufwendige, langwierige Ermittlungsarbeit. „Doch den Luxus einer Strukturermittlung, die wir dafür brauchen, können wir uns nicht leisten“, bedauert Paulus, der sich eigentlich Spezialteams bei der Polizei und bei Gerichten sowie bessere, sprich weniger komplizierte, realitätsnähere Gesetze wünscht. Und spätestens, wenn bei einer jahrelangen Ermittlung dem Täter vielleicht zwei Jahre Gefängnis drohen, taucht bald die Frage nach der Verhältnismäßigkeit der Mittel auf. Ermittlungen werden eingestellt, die Täter kommen davon oder lassen sich von ihren findigen Anwälten vor Gericht Deals erkämpfen. „Deutschland ist zum Bordell Europas verkommen“, kritisiert Paulus. „Die Politik muss besser hinsehen und das Problem überhaupt erst einmal erkennen.“

Prostitution als Wirtschaftsfaktor

Dass das Problem kein Randproblem ist, belegen zwei weitere Zahlen: Etwa 1,2 Millionen Mal pro Tag werden in Deutschland die Dienste von Prostituierten in Anspruch genommen, den Jahresumsatz aller Prostituierten im Land schätzt das Statistische Bundesamt auf 14 bis 15 Milliarden Euro. Das Thema mag für viele unangenehm sein. Ein Wirtschaftsfaktor ist es definitiv.


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