Cyberkriminalität Das Darknet als krimineller Marktplatz und Demokratie-Helfer

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Das Darknet gilt als Kaufhaus für kriminelle Geschäfte wie Waffen- oder Drogenhandel. Foto: dpaDas Darknet gilt als Kaufhaus für kriminelle Geschäfte wie Waffen- oder Drogenhandel. Foto: dpa

Osnabrück. Das Darknet, der verborgene Teil des Internets, gilt als digitales Kaufhaus für Drogen, Waffen und Kinderpornos. Die Verschlüsselung der Identität, die eigentlich dem Schutz von politisch Verfolgten und Whistleblowern dient, macht die Fahndung nach Kriminellen kompliziert. Doch nicht jeder, der dort surft, ist auch kriminell.

Am Schluss war es ein Lockvogel des Zolls, der dem Waffenhändler zum Verhängnis wurde. Unter dem Pseudonym „Rico“ hatte der 32-Jährige im Darknet jahrelang illegal Waffen verkauft – auch eine Glock 17, eine Pistole mit 100 Schuss Munition. 4000 Euro bekam er dafür. Sein Käufer, ein 18-jähriger namens „Maurächen“, tötete kurze Zeit später bei einem Amoklauf in München neun junge Leute. Die Ermittlungen führten die Fahnder auch ins Darknet und auf die Spur von „Rico“. Dort nahm ein Zollbeamter den Kontakt auf und gab sich als Waffennarr und Käufer aus. Bei der Übergabe der Waffe im Gitarrenkoffer schnappte die Falle zu.

Spuren ins reale Leben

„Sobald ein Täter im realen Leben auftaucht, haben wir ihn“, sagt ein Darknet-Fahnder der Polizei aus Niedersachsen. Auch er ist im Netz unter Pseudonymen unterwegs, weder die noch seinen echten Namen will er öffentlich machen. Auch wenn im dunklen Teil des Internets, der von Suchmaschinen wie Google nicht erfasst werden kann, jeder Teilnehmer anonym bleibt, so hat er doch auch ein reales Leben. Der Fahnder sagt: „Kriminelle sind im Darknet nicht professioneller als im normalen Leben. Irgendwann machen sie einen Fehler.“

Daten werden in Schichten verpackt wie bei einer Zwiebel

Sie heißen „Spiderman“ oder „Donald Duck“ und verlagern ihre Aktivitäten zunehmend in den verborgenen Teil des Internets. Das Darknet ist der Teil des Webs, in dem der komplette Datenverkehr anonym läuft. Um Seiten aufzurufen, ist eine Verschlüsselung notwendig. Das populärste Netzwerk, das legal die eigenen Spuren im Netz verwischt, heißt Tor („The Onion Router“). Alle Adressen enden auf .onion statt .de oder .com. Die Daten sind – wie bei einer Zwiebel, englisch Onion – in mehrere Schichten verpackt. Wer die Information liest, kann nicht herausfinden, wer der Absender war.

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Von Waffen bis zum falschem Fünfziger

Und im Darknet wird alles verkauft, was das kriminelle Herz begehrt. Drogen, Waffen, Falschgeld, Kinderpornographie oder auch gestohlene Kreditkarten-Daten. Manche Cyberkriminelle bieten maßgeschneiderte Erpressungssoftware oder Hackerattacken an. „Die Kriminellen organisieren sich im Darknet, ohne dass sie sich jemals gesehen haben“, sagt der Fahnder. „Da fragt der eine: Kannst du für mich ein Konto unter falschem Namen eröffnen? Und der nächste: Ich brauche eine neue Identität, kannst du mir einen falschen Pass besorgen?“ Verfassungsschutz-Präsidenten Hans-Georg Maaßen warnte jüngst vor der unkontrollierten „Vernetzung“ im Cyber-Raum, und der Chef des Bundeskriminalamtes (BKA), Holger Münch, forderte eine IT-Offensive der Polizei: „Wir müssen cyberfähiger werden.“

Strafermittler hecheln hinterher

Denn die Spuren im Darknet, dem versteckten Teil des Internets, werden verwischt, die Strafermittler hecheln hinterher. Viele Delikte wie Geldwäsche und Drogenhandel haben sich ins Netz verlagert. Das BKA nennt für das Darknet keine Zahlen, nur für Cybercrime-Vorfälle insgesamt: mehr als 82 600 Cybercrime-Vorfälle im engeren Sinne 2016 (neuere Zahlen sind nicht verfügbar) – ein Zuwachs von 80 Prozent. Vor allem Computerbetrug hat sich verdoppelt. Die Dunkelziffer ist viel, viel höher.

Bedeutung wird überschätzt

Allerdings wird die Bedeutung des dunklen, geheimnisvollen Teils des Web nach Expertenansicht überschätzt. Das Darknet ist überraschend klein. Etwa eine Milliarde Webseiten gibt es insgesamt weltweit, davon nur 50 000 Adressen im Darknet – und weniger als die Hälfte davon mit Inhalt. Etwa 200 000 Deutsche gehen nach Schätzungen täglich ins Darknet, oft auch nur, um mal anonym im Netz zu surfen, damit Datenkraken wie Facebook oder Google weniger Daten von ihnen abgreifen und Werbetracker sie nicht identifizieren können. Das ist völlig legal.

Vor allem Drogen gehandelt

Aber wer sind die Kunden der illegalen Händler im Darknet? Entgegen gängiger Meinung sind es nicht Waffenhändler oder Auftragskiller, sondern zumeist Menschen, die sich früher Marihuana oder harte Drogen auf der Straße besorgt haben – und das jetzt im Web tun. Zwar werden auch Waffen angeboten, „allerdings nicht in der Menge, wie es zum Beispiel bei Betäubungsmitteln der Fall ist“, sagt BKA-Chef Münch.

Ins Visier der Ermittler geraten zunehmend Verkaufsplattformen und Tauschbörsen im Darknet. Bezahlt wird in der Regel mit der Digitalwährung Bitcoin, die sich kaum zurückverfolgen lässt. Geliefert wird die Ware oft an anonyme Packstationen oder sie wird versteckt, der Käufer bekommt nur die Geodaten des Verstecks genannt. „Persönlicher Kundenkontakt ist nicht erforderlich, was die Hemmschwelle für die Täter weiter senkt“, schreibt das BKA in seinem Lagebericht.

Internationale Zusammenarbeit schwierig

Die großen Handelsplattformen Alphabay und Hansa konnten im Sommer 2017 dank internationaler Zusammenarbeit vom FBI zerschlagen und vom Netz genommen werden. Die Verschlüsselung zu knacken, ist möglich. Aber spätestens, wenn die Server sich im Ausland befinden, wird es schwierig. „Wenn ich eine Anfrage an die USA schicke, dauert die Antwort ein halbes Jahr. Aus Russland kommt gar keine Antwort“, berichtet der Darknet-Fahnder aus der Praxis.

Schwierig wird es dann vor Gericht. Die Betreiber stellen ja nur die digitale Infrastruktur zur Verfügung und sind nicht für die gehandelten Waren oder Inhalte verantwortlich. Nach aktueller Gesetzeslage ist das lediglich eine Beihilfe zu einer Straftat. Holger Münch fordert härtere Strafen: „Es kann nicht sein, dass diejenigen, die die Infrastruktur aufbauen, oftmals geringer bestraft werden als die, die sie nutzen.“

Die Fahnder fordern auch mehr Vorratsdatenspeicherung. 2017 konnte die Polizei in 8400 mutmaßlichen Kinderporno-Fällen die Täter nicht ermitteln, weil die Daten wie die IP-Adresse des Computers nicht mehr gespeichert waren. Auch der Fahnder aus Niedersachsen sagt: „Wenn die Tat vorbei ist und die Daten sind weg, dann ist es zu spät. An jedem Haus steht eine Straße mit Hausnummer, aber im Internet steht gar nichts – das muss die Politik ändern.“ Er warnt zudem vor Kriminellen, die das normale Web nutzen: „Wenn ich viele Leute abzocken will, dann erreiche ich die nicht über das Darknet, sondern über das normale Internet.“ Da werden mit Fishing-Mails Passwörter für Bankkonten ergaunert, digitale Identitäten gestohlen oder bezahlte Waren niemals geliefert.

Die helle Seite

Doch es gibt auch eine helle Seite des dunklen Netzes. Wer auf den Schutz der Anonymität angewiesen ist, kann dort sensible Daten austauschen. Zum Beispiel politisch Unterdrückte und Oppositionelle in Ländern mit Zensur wie China, aber auch Journalisten und Whistleblower, die so sich selbst und ihre Quellen schützen können. So haben Aktivisten des Arabischen Frühlings das Tor-Netzwerk genutzt, um Informationen über die Proteste über Social Media zu verbreiten. Für die Organisation Reporter ohne Grenzen ist klar: Das Darknet ist auch „ein Demokratie-Helfer“.

Vor allem Drogen werden häufig im dunklen Teil des Internets, dem Darknet, gehandelt. Foto: dpa

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