Risikoforscher im Interview „Nicht automatisch mehr Bienen durch Glyphosat-Ausstieg“

Von Dirk Fisser

Anti-Pestizid-Protest in Berlin. Foto: AFPAnti-Pestizid-Protest in Berlin. Foto: AFP

Osnabrück. Risikoforscher Andreas Hensel hat eine tief sitzende Angst der Gesellschaft vor Chemie beklagt. Im Interview mit unserer Redaktion sagte der Präsident des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR): „Wir Deutschen neigen zur Verklärung der Natur. Schlecht ist eben das, was nicht natürlich, sondern menschengemacht ist.“

Er kritisierte die Arbeit von Nichtregierungsorganisationen. Es sei ihnen gelungen, den Eindruck zu erwecken, „alles, was von der Industrie kommt, sei grundsätzlich schlecht“. Der Blick auf tatsächliche Risiken – etwa beim umstrittenen Unkrautvernichter Glyphosat – werde dadurch verstellt. Er warnte davor, die Angst zum Ansatz von Politik zu machen. „Damit arbeitet man eben auch gegen die Wissenschaft.“ Dies sei fortschrittsfeindlich. (Weiterlesen: Das gesamte Interview)

„Nicht automatisch mehr Bienen“

Hensel verwies auf mögliche Konsequenzen aus einem Glyphosat-Ausstieg. Den haben Union und SPD im Koalitionsvertrag festgeschrieben. „So schnell wie möglich“ wollen die Parteien laut Vertrag die Anwendung „grundsätzlich“ beenden. Der BfR-Präsident sagte: „Andere Wirkstoffe werden angewendet, die möglicherweise giftiger sind als Glyphosat.“ Es werde nicht automatisch mehr Insekten geben, weil kein Glyphosat mehr angewendet werde. „Vielleicht sogar im Gegenteil.“

Grünen-Bundestagsabgeordneter Harald Ebener sagte dazu am Mittwoch: „Herr Hensel hat Recht: selbstverständlich löst ein Glyphosat-Ausstieg nicht alle Probleme auf einen Schlag. Aber er ist ein erster Schritt. Wir müssen den Pestizideinsatz insgesamt drastisch reduzieren.“ Nach Ebeners Einschätzung hätte es das Thema kaum in den Koalitionsvertrag geschafft, hätte es nicht die breite Debatte über Insektensterben und Glyphosat gegeben.

Behördenchef Hensel verteidigte auch die Einschätzung seiner Behörde hinsichtlich möglicher Gesundheitsgefahren für Menschen: „Der Wirkstoff ist als nicht krebserregend einzustufen. Es gibt keine Untersuchung, die das Gegenteil belegt.“ Gegner machen Glyphosat zum einen für das Artensterben etwa bei Bienen verantwortlich, vermuten aber auch eine Krebsgefahr für den Menschen. Eine Unterbehörde der Weltgesundheitsorganisation hatte den Wirkstoff als „möglicherweise krebserregend“ eingestuft.

Das deutsche Bundesinstitut und andere Behörden teilen diese Einschätzung aber nicht, was für heftige Kritik gesorgt hatte. „Die ausgeuferte Glyphosat-Debatte hatte zum Ergebnis, dass meine Mitarbeiter und ich Morddrohungen erhalten haben“, sagte Hensel. (Weiterlesen: Das gesamte Interview)

Die Europäische Union hat die Glyphosat-Zulassung im November um fünf Jahre verlängert. Möglich gemacht hatte das der deutsche Landwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU). Er hatte eigenmächtig für eine Verlängerung stimmen lassen. Der Alleingang löste eine Krise innerhalb der geschäftsführenden Bundesregierung aus.

Derweil schaffen immer mehr Kommunen in Deutschland selbst Fakten und untersagen die Glyphosat-Anwendung auf ihren Flächen. (Weiterlesen: Das gesamte Interview)