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Organisierte Kriminalität blüht Tatort Deutschland: Ein Land im Visier von Verbrecherbanden

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Beschlagnahmte Waffen: Die Organisierte Kriminalität blüht. Foto: dpaBeschlagnahmte Waffen: Die Organisierte Kriminalität blüht. Foto: dpa

Osnabrück. Einbrecher, Drogendealer, Geldwäscher: Die Organisierte Kriminalität in Deutschland blüht, und das alles im Verborgenen. Verbrecherbanden fühlen sich zunehmend wohl. Denn die Polizei sieht nur die Spitze des Eisbergs – und ist oft machtlos.

Mindestens 70-mal schossen die Mafia-Killer vor dem Duisburger Hauptbahnhof – sie machten kurzen Prozess. Mitten in der Nacht, bei einem Blitzüberfall um 2 Uhr morgens. Am Ende lagen sechs Leichen vor dem Restaurant „Da Bruno“. Der Wirt, seine Verwandten und der Lehrling, alle aus der Ortschaft San Luca in Kalabrien. Sie ist die Hochburg der italienischen ’Ndrangheta, der mächtigsten kriminellen Vereinigung Europas, Spezialgebiet: Kokainhandel. Was im August 2007 im Ruhrgebiet bei einer Fehde rivalisierender Clans passierte, machte den Deutschen klar: Die organisierte Kriminalität ist auch hierzulande aktiv.

Vornehmste Eigenschaft: Ruhe bewahren

Aufsehenerregende Zwischenfälle wie der Sechsfachmord von Duisburg gelten jedoch als absolute Ausnahme. Denn die vornehmste Eigenschaft der Mafia und anderer Banden ist, nicht aufzufallen. Zumeist erledigen Verbrecherbanden ihre dunklen Geschäfte geräuschlos, denn wer Ruhe bewahrt, wird auch in Ruhe gelassen. „Die Gewalt geht zurück, weil Gewalt auffällig ist, und das wollen Banden vermeiden“, sagt der Direktor des Zentrums für Europäische und Internationale Strafrechtsstudien (ZEIS) an der Universität Osnabrück, Arndt Sinn.

„Spitze des Eisbergs“

Genau das ist aber auch der Grund, warum Deutschland im Kampf gegen Schwerkriminalität laut Experten versagt. Die organisierte Kriminalität breitet sich hierzulande nach Einschätzung von Prof. Sinn rasant aus. „Das wirkliche Ausmaß kennen wir nicht, wir sehen nur die Spitze des Eisbergs“, warnt der Strafrechtler. Die Kriminalitätsstatistik, in der das Phänomen erst einmal harmlos klingt, zeige nur einen kleinen Teil: 8655 Tatverdächtige im Bereich der organisierten Kriminalität nennt das Bundeskriminalamt (BKA) für 2016. Demnach richteten die Banden eine Milliarde Euro Schaden an, mehr als doppelt so viel wie im Vorjahr. Dass der Drogenhandel auf Platz eins der Delikte steht, stellt Sinn infrage: „Der illegale Handel mit Fälschungen – von gefälschten Arzneimitteln über T-Shirts bis zu Autoteilen – ist weitaus größer und das wichtigste Betätigungsfeld von Banden.“

Die Geschäfte boomen

Illegale Geschäfte rund um den Globus boomen. Verbrecherbanden und Familienclans schmuggeln Drogen und Zigaretten, handeln mit Waffen, Prostituierten oder gestohlenen Autos, mit gefälschten Arzneimitteln oder Markenkleidung. Sie erpressen Schutzgelder und waschen Geld. Die organisierte Kriminalität gilt als die größte Branche der Welt. So beziffert die Industrieländerorganisation OECD den Jahresumsatz von Verbrecherbanden weltweit auf umgerechnet fast 800 Milliarden Euro – mehr als die Wirtschaftskraft der Niederlande. In den zurückliegenden 20 Jahren betrug der Zuwachs 1000 Prozent. Allein 5000 Banden sind wohl in der EU aktiv.

Weltkarte: In welchen Ländern die größten Verbrecherclans aktiv sind

Jede Bande hat Spezialgebiete

In Deutschland haben sich die Banden das Geschäft aufgeteilt. Berlin gilt als Hauptstadt der Clan-Kriminalität, arabische Großfamilien sind auf Drogendeals und Schutzgelderpressung spezialisiert. Die Russenmafia setzt auf Ladendiebstahl und Wohnungseinbruch, Balkan-Clans sind in Süddeutschland auf Einbruchstour, polnische Banden auf die Sprengung von Geldautomaten spezialisiert.

Das reiche Deutschland gilt durchaus als Paradies für Banden. „Hier gibt es viel Geld zu verdienen“, sagt der Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Oliver Malchow. Das Weltwirtschaftsforum warnt in einem Bericht, in Deutschland könnten Banden zunehmend Flüchtlinge als Drogendealer und Kuriere rekrutieren.

Polizei ist überfordert

Wie so oft fehlt es der Polizei auch hier an Personal, Technik und Geld. Statt Banden zu observieren, müssen die Einsatzkommandos Islamisten überwachen – der Kampf gegen den Terrorismus geht vor. Die Gewerkschaft der Polizei schlägt Alarm. „Wir brauchen mehr Personal für die Ermittlungen, die oft Jahre dauern“, sagt GdP-Chef Malchow. „Allein beim Zoll fehlen 3000 Stellen.“ Zwar werden derzeit viele Polizeieinheiten mit Personal verstärkt, doch die Neueinstellungen reichten kaum aus, um die Pensionierungen auszugleichen.

Die Ermittlungen gegen Banden sind aufwendig, dauern manchmal Jahre und bleiben dann doch ohne Erfolg. Denn da müssen die Fahnder nicht nur einen Drogendealer finden, sondern mehrere Strippenzieher, die irgendwo in Rumänien, Polen oder der Ukraine sitzen. Allein die Telefonüberwachung Dutzender Anschlüsse und die Übersetzungen aus anderen Sprachen nehmen viel Zeit in Anspruch.

Zu lasche Strafen?

Zudem verabreden sich die Täter immer wieder zum nächsten Coup über Messenger-Dienste wie Whatsapp oder Skype, die die Polizei lange nicht abhören konnte. Inzwischen ist das rechtlich möglich und steht auch so im Koalitionsvertrag. „In der Praxis geht das aber kaum, weil es schwierig ist, die Endgeräte zu hacken“, kritisiert Sinn. Wenn der Fahndungsdruck wächst, satteln die Banden einfach um. – etwa als die Polizei mehr Ermittlungsgruppen gegen Wohnungseinbruch gebildet hat und mehr Fälle aufklärte. Der Chef des Bundeskriminalamtes Holger Münch sagt: „Das größte Problem ist die Anpassungsfähigkeit und Dynamik der Täter – was bedeutet, dass die Polizei schnell und flexibel reagieren muss.“

Zudem gehen die Banden davon aus, dass ihnen in Deutschland nichts passiert. „Die Sanktionsmöglichkeiten schrecken in den Herkunftsstaaten niemanden ab“, sagt Sinn. Das Strafrecht müsse sich ändern. „Wer sein Auto falsch parkt, bekommt ein Knöllchen. Wer mit nachgemachten Marken-T-Shirts vom Zoll erwischt wird, kommt einfach so davon.“ Bewährungsstrafen wegen eines versuchten Einbruchs oder Fahrraddiebstahls gelten allenfalls als Ärgernis. Bei schwereren Taten müssen die Täter mit einigen Jahren Haft rechnen, wenn sie geständig sind – für Berufskriminelle ist das ein hinnehmbares Risiko.

Offene Grenzen machen es Verbrechern leicht

Das Grundproblem ist, dass internationale Banden mit ihrer Beute problemlos kreuz und quer durch Europa reisen können. Die Ermittler arbeiten aber erst einmal nur bis zur Grenze. Schon lange fordern Experten, dass der Datenaustausch und die internationale Zusammenarbeit besser werden müssen, damit ein Haftrichter zum Beispiel auch Informationen über Taten in anderen EU-Staaten bekommt. Der BKA-Chef setzt auf eine „neue, noch modernere IT-Struktur der deutschen Polizei“, die gerade im BKA aufgebaut wird.

Strafrecht muss verschärft werden

Aber nicht nur auf fremdes Eigentum haben Schwerverbrecher es abgesehen. Deutschland macht es Banden aber auch leicht – aus Expertensicht zu leicht –, illegal gemachtes Vermögen sauber zu waschen. Hierzulande müssen Behörden einem Kriminellem nachweisen, dass er die Millionen, die er etwa in Immobilien investiert, illegal erworben hat. In Italien, der Heimat der Mafia, ist das umgekehrt. Die Mafia investiert deshalb schmutzige Millionen schon lange gerne in deutsche Häuser, Wohnungen und Firmen, um am Ende saubere Gewinne einzustreichen. „Die Organisierte Kriminalität findet hier einen guten Nährboden“, kritisiert Sinn. Immerhin sei in Deutschland – im Gegensatz zu Italien - die Verflechtung von Organisierten Kriminellen mit Politik oder Polizei nur gering: „Wir sind traditionell kein sehr anfälliges Land dafür.“

Bürger finanzieren kriminelle Geschäfte mit

Allerdings betrifft das viele Bürger, ohne dass sie es wissen – etwa wenn die Immobilienpreise steigen, weil viel illegales Geld in den Markt fließt. Aber auch beim Einkauf: „Viele Deutsche finanzieren die Organisierte Kriminalität mit, ohne dass sie es wissen“, sagt GdP-Chef Malchow. Wer ein Auto bei einem Autohändler kaufe, dessen Firma zur Geldwäsche genutzt werde, finanziere das Verbrechen mit. „Die Organisierte Kriminalität hat dann ihr Ziel erreicht und hat die Gesellschaft unterwandert“, sagt Malchow.

Gefälschte Zigaretten und Drogen sind bei Schmugglern und Verbrecherbanden beliebt. Foto: dpa

Ob die neue Große Koalition Schwerverbrecher besser bekämpfen wird? Die Soziologin Gina Rosa Wollinger vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen glaubt, dass die Politik das Thema erkannt hat. Der Koalitionsvertrag von Union und SPD verspricht tausende neue Stellen bei der Polizei und nenne explizit die organisierte Kriminalität. Die Ansätze seien richtig, so Wollinger. „Jetzt muss man die Umsetzung abwarten.“


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