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18.02.2018, 17:18 Uhr „JÜDISCHE TÄTER“

Morawieckis Geschichtsklitterung

Kommentar von Manuel Glasfort

Auschwitz ist zum Symbol für die Vernichtung der europäischen Juden geworden. Über den Holocaust wird immer wieder gestritten. Jetzt hat Polens Regierungschef Mateusz Morawiecki eine neue Kontroverse ausgelöst. Foto: dpaAuschwitz ist zum Symbol für die Vernichtung der europäischen Juden geworden. Über den Holocaust wird immer wieder gestritten. Jetzt hat Polens Regierungschef Mateusz Morawiecki eine neue Kontroverse ausgelöst. Foto: dpa

Osnabrück. Juden als Täter im Holocaust? Mit dieser grotesken Behauptung hat Polens Regierungschef Mateusz Morawiecki scharfe Reaktionen von seinem israelischen Amtskollegen ausgelöst. Von einer „Unfähigkeit, Geschichte zu verstehen“, sprach Benjamin Netanjahu.

Tatsächlich ist die Vorstellung völlig bizarr, dass Juden freiwillig ihre Glaubensbrüder ermordeten. Falls Morawiecki das wirklich glauben sollte, muss er Nachhilfeunterricht in Geschichte nehmen.

An Brisanz gewinnt der Streit dadurch, dass er zwischen zwei Nationalkonservativen ausgetragen wird, noch dazu zwischen Vertretern zweier Gruppen, die Opfer des nationalsozialistischen Rassenwahns wurden. Für die Polen wie für die Juden ist das in der NS-Zeit erfahrene Leid identitätsstiftend. Rüttelt jemand am Opferstatus, fällt die Reaktion entsprechend heftig aus.

Der Mensch neigt zum Schubladendenken, was allzu oft den Blick auf Widersprüche verstellt. So gab es Homosexuelle in Häftlingskleidung – und in SS-Uniform. Es gab viele Deutsche, die Juden ermordeten, und manche, die ihnen Schutz boten. Es gab zehntausende Wehrmachtsoldaten mit jüdischen Vorfahren, darunter Helmut Schmidt.

Viel wäre gewonnen, wenn mancher sich von starren Täter-Opfer-Schemata lösen würde. Darum geht es Morawiecki nicht; sondern um Geschichtsklitterung im Dienst der eigenen Sache.


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