Moraltheologe wünscht sich mehr Mut Hitzige Debatte nach Vorstoß zu Segnung homosexueller Paare

Von Stefanie Witte


Osnabrück. Der Vorstoß des Osnabrücker Bischofs Franz-Josef Bode zur Segnung gleichgeschlechtlicher Paare hat eine hitzige Kontroverse ausgelöst. Das Thema steht weit oben auf der katholischen Agenda – in Deutschland wie international.

Bode hatte vor einem Monat im Interview mit unserer Redaktion festgestellt, dass die „Ehe für alle“ politische Realität sei und über eine Segnung der Paare nachgedacht. Daraufhin hatten konservative Kritiker den Bischof massenhaft in Online-Foren beleidigt, diffamiert und verdammt. Homosexualität sei eine Sünde und damit unmöglich zu segnen, so der Tenor. Auch über die deutschen Grenzen hinaus wird der Vorschlag wahrgenommen. Bode bekam viel englischsprachige Post aus dem europäischen Ausland aber auch darüber hinaus – bis zu Briefen aus Brasilien. Zuletzt sorgte in der vergangenen Woche ein Österreichischer Ex-Weihbischof für Empörung, der homosexuelle Beziehungen mit Konzentrationslagern verglichen hatte.

Bischöfe halten sich bedeckt

Andere bedankten sich bei Bode, lobten seinen Mut und hofften auf Bewegung in der Kirche. Die deutschen Bischöfe hielten sich bislang auffällig zurück. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, schließt eine Segnung jedoch explizit nicht aus. Er sagte im Bayerischen Rundfunk, man müsse dazu ermutigen, „dass die Priester und Seelsorger den Menschen in konkreten Situationen auch einen Zuspruch geben.“ Er sehe da keine Probleme. Es gehe jedoch nicht um generelle Lösungen – also etwa eine allgemeine Erlaubnis für deutsche Priester – sondern um Einzelfälle.

Moraltheologie ist weiter

Dabei ist die Theologie eigentlich schon weiter, sagt der Moraltheologe Elmar Kos im Gespräch mit unserer Redaktion. „Die Haltung des römischen Lehramtes hat sich in den vergangenen Jahrzehnten klar entwickelt.“ Homosexualität werde schon lange nicht mehr grundsätzlich verworfen, erklärte der Professor an den Universitäten Osnabrück und Vechta. „Mittlerweile wird anerkannt, dass Menschen mit einer Neigungshomosexualität geboren werden und sich nicht dafür entscheiden. Diese Homosexualität wird nicht verurteilt.“

Konservative zitieren immer wieder Bibelstellen, die belegen sollen, dass Homosexualität gegen den Willen Gottes sei. Etwa das Buch Levitikus, in dem es heißt: „Schläft einer mit einem Mann, wie man mit einer Frau schläft, dann haben sie eine Gräueltat begangen; beide werden mit dem Tod bestraft […]“.

Theologe: Sündenstatus aus Bibel nicht abzuleiten

Der Theologe schränkt die vermeintliche Gültigkeit solcher Textstellen ein – hier gehe es vielmehr um sexuelle Praktiken, die als Gewalt ausgeübt wurden. „Da grenzt man sich beispielsweise gegen bestimmte Phänomene aus dem hellenistischen Raum ab, die damals üblich waren – etwa das, was wir heute als Missbrauch von Minderjährigen bezeichnen würden.“ Aus der Bibel könne man nicht ableiten, dass Homosexualität gegen den Willen Gottes oder die Schöpfung gerichtet sei.

Allerdings gibt es in der katholischen Kirche nach wie vor einen wesentlichen Unterschied dazwischen, homosexuell zu sein und seine Sexualität auch auszuleben. Der Katechismus, das offizielle Regelwerk nach dem sich Katholiken zu richten haben, besagt, dass homosexuelle Handlungen der Natur widersprächen und nicht zu billigen seien. Lesben und Schwule hätten ihre Sexualität nicht selbst gewählt, sie seien jedoch „zur Keuschheit gerufen“, sollen also keinen Sex haben. Ihnen sei mit „Achtung, Mitleid und Takt“ zu begegnen. Nicht nur Paare mit Segnungswunsch bekommen die Konsequenzen dieser Haltung zu spüren. Wer in katholischen Einrichtungen eine Leitungsfunktion inne hat, hat schlechte Karten, seinen Job zu behalten, wenn er offen mit einem gleichgeschlechtlichen Partner lebt.

Widerspruch

Noch 2010 hatte der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck Homosexualität in einer viel beachteten Talkrunde von Anne Will explizit als Sünde bezeichnet. Sie widerspreche der Natur. „Im Moment sagt das römische Lehramt: Die homosexuelle Neigung wird nicht mehr verurteilt, die Praxis aber schon. In meinen Augen ist das widersprüchlich, denn es widerspricht christlichen Grundaussagen zur Bedeutung des Leibes“, sagt Kos. „Für das Christentum ist die Leiblichkeit des Menschen ein ganz wesentlicher Faktor. Diese Leiblichkeit verleugnen zu müssen widerspricht dem vollkommen.“ Kos wünscht sich eine Weiterentwicklung: „Wenn man zugeben muss, dass die Neigungshomosexualität kein willentlicher Entschluss ist, muss man auch den nächsten Schritt gehen und erklären, dass die zugehörige Praxis in Ordnung ist.“

Fruchtbarkeit nur auf Kinder bezogen?

Innerhalb der Moraltheologie gebe es dazu zwei Ansätze. Der eine frage danach, ob Fruchtbarkeit auf Kinder reduziert werden müsse. Der andere frage danach, inwieweit Homosexualität der Schöpfungsordnung widerspreche. „Da kann man kritisch fragen, woher wir so genau wissen können, dass das kein Teil der Schöpfung sein kann. Immerhin kam und kommt Homosexualität zu allen Zeiten und in allen Gesellschaften immer relativ konstant vor“, sagt Kos.

Es hängt von Rom ab

Er sei Bode dankbar dafür, dass er die Frage nach Segnungen voranbringe, erklärt Kos. Am Ende hänge es jedoch vom römischen Lehramt ab, wie es weitergehe. Rom schweigt bislang zu der deutschen Diskussion. „Ich würde mir wünschen, dass die Entscheidungsträger – die Bischöfe – das Thema Segnungsfeiern für homosexuelle Paare mutiger angehen würden“, sagt der Moraltheologe. „In dieser Diskussion höre ich immer wieder, dass die Theologie Vorlagen zum weiteren Vorgehen erarbeiten müsse. Darüber wundere ich mich. Denn theologisch liegen die Konzepte auf dem Tisch. Es kommt jetzt darauf an, zu handeln und sich zu entscheiden.“

Hinter den Kulissen

Auch wenn es nicht auf der offiziellen Tagesordnung steht: Das Thema wird bei der Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz, die heute in Ingolstadt beginnt, mindestens hinter verschlossenen Türen besprochen werden. Wie es weiter geht, ist offen.