„Das darf man nicht dulden“ DRK-Präsidentin: Vorfälle bei Oxfam indiskutabel

Von Beate Tenfelde

Gerda Hasselfeldt Foto:dpaGerda Hasselfeldt Foto:dpa

Osnabrück. Gehen Deutschland die Helfer aus? Was kann man tun, um deren Arbeit zu würdigen, zu belohnen und Anreize zu schaffen? Gerda Hasselfeldt, Präsidentin des Deutschen Roten Kreuzes, wünscht sich eine bundesweite „Engagement-Karte“, die in ganz Deutschland Vergünstigungen bietet.

Frau Hasselfeldt, wie steht es um die Spendenbereitschaft der Deutschen?

Die Hilfsbereitschaft der Deutschen ist ungebrochen hoch. Im Jahr 2016 unterstützten die Bürger die Arbeit des DRK mit Spenden in Höhe von 34 Millionen Euro. Für das Jahr 2017 zeichnet sich eine leichte Steigerung ab. Dies ist umso bemerkenswerter, als wir 2017 kaum spektakuläre Naturkatastrophen hatten, die besonders stark zu Spenden animieren.

Ein Sexskandal erschüttert Oxfam: Wie groß ist die Gefahr, dass Hilfsorganisationen generell in Misskredit geraten?

Solche Vorfälle sind völlig inakzeptabel und dürfen unter keinen Umständen toleriert werden. Das DRK hat schon seit Jahren einige Vorkehrungen getroffen, um so etwas möglichst zu verhindern. Wir haben Standards zum Schutz gegen sexualisierte Gewalt. Wir haben einen unabhängigen Ombudsmann, der Beschwerden entgegennimmt. Und wir werden die Vorfälle bei Oxfam in Haiti zum Anlass nehmen, unsere Maßnahmen nochmals zu überprüfen.

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Ohne ehrenamtliche Kräfte geht es nicht. Wird deren Einsatz genug honoriert?

Mir liegt sehr viel daran, das Ehrenamt weiter gezielt zu fördern und zu stärken. Es ist ein zentrales Fundament unserer Gesellschaft. Allein im Deutschen Roten Kreuz haben wir drei Millionen Fördermitglieder, die Zahl der Ehrenamtlichen ist erfreulicherweise seit 2010 von 395 000 auf 415 000 gewachsen – der demografischen Entwicklung zum Trotz. Ehrenamtliche werden künftig verstärkt gebraucht in der Kinder- und Jugendarbeit, bei der Betreuung älterer Menschen oder der Integration von Flüchtlingen, auch beim Bevölkerungsschutz in Deutschland, wenn es Überschwemmungen oder ein großes Unglück gibt.

Sind neue Anreize nötig, um Helfer zu gewinnen?

Ja, wir wünschen uns mehr Anreize für ehrenamtliches Engagement. Beitragen könnte dazu die Anrechnung langjährigen Engagements als Wartesemester für ein Studium oder die Einführung einer bundesweiten „Engagement-Karte“ analog zur Jugendleiter-Card. In vielen Bundesländern und Kommunen existieren bereits solche Ehrenamtskarten. Eine bundesweite Karte könnte die unterschiedlichen Angebote zusammenführen und dem Ganzen einen einheitlichen Rahmen geben, damit engagierte Menschen in Osnabrück, Garmisch oder Gera vergleichbare Chancen auf Anerkennung ihres Einsatzes haben.

Worum geht es genau?

Dabei könnte es konkret um Vergünstigungen beim Besuch von Museen, Theatern, Kino, Schwimmbad, Sportveranstaltungen oder um Ermäßigungen im öffentlichen Nahverkehr oder einen Rabatt im Einzelhandel gehen. Eine solche bundesweite Ehrenamtskarte würde außerdem einen positiven Druck auf Länder und Kommunen ausüben, die ein solches Angebot bisher noch nicht haben. Es wäre ein Signal an alle, dass freiwilliges Engagement von der Gesellschaft auch anerkannt wird.

Fakt ist leider, dass Helfer bei ihrer Arbeit angegriffen werden und Gaffer hemmungslos sind…

Wer Rettungskräfte im Einsatz beschimpft oder gar angreift, gefährdet Menschenleben und gehört bestraft. Die Strafen für solche Übergriffe sind bereits verschärft worden. Per Gesetz lässt sich jedoch nicht alles regeln. In den Köpfen der Menschen muss sich etwas ändern. Eine öffentliche Kampagne, die für mehr Respekt vor Helfern und Rettungskräften wirbt, wäre hier sicherlich hilfreich. Denn auch das Problem der Gaffer hat mit dem Siegeszug des Smartphones und der sozialen Netzwerke zugenommen. Auch sie gefährden Menschenleben, weil es bei einem Noteinsatz auf jede Sekunde ankommt. Unfallopfer zu fotografieren und die Fotos dann in den sozialen Netzwerken hochzuladen verletzt nicht nur die Persönlichkeitsrechte der Betroffenen, sondern ist auch geschmacklos.

Blick ins Ausland: An Syriens Grenze zur Türkei wird heftig gekämpft. Was kann das Rote Kreuz tun?

Wir sind sehr besorgt über die anhaltenden Gefechte an der syrisch-türkischen Grenze in der Region Afrin und in der Region Ost-Ghouta bei Damaskus, wo rund 400.000 Menschen eingeschlossen sind und dringend Hilfe brauchen. Bei diesen Kämpfen gab es bereits Hunderte von zivilen Opfern und Tausende von Vertriebenen. In den vergangenen Wochen wurden uns zudem mehrere Angriffe auf Gesundheitseinrichtungen, Helfer und medizinisches Personal in verschiedenen Landesteilen berichtet. Wir appellieren eindringlich an die Konfliktparteien, die Einhaltung des humanitären Völkerrechtes zu gewährleisten und unseren Helfern sicheren und ungehinderten Zugang zur notleidenden Bevölkerung zu gewähren sowie das Rote Kreuz und den Roten Halbmond als Schutzzeichen zu respektieren.

Kann das DRK beim Wiederaufbau helfen?

Nach wie vor befindet sich Syrien in einer akuten Krisenlage. Sechs Millionen Menschen sind als Binnenflüchtlinge im eigenen Land vertrieben und über 13 Millionen Menschen auf die Hilfe von humanitären Organisationen angewiesen, wie sie dort täglich vom DRK gemeinsam mit dem Syrischen Arabischen Roten Halbmond und anderen Partnern geleistet wird. Jedoch ist auch wahr, dass die Situation in einigen Regionen Syriens wieder stabiler geworden ist.

Ihre Bilanz ist?

Die humanitäre Situation der Zivilbevölkerung ist außergewöhnlich katastrophal. Mehr als die Hälfte aller syrischen Gesundheitseinrichtungen sind nicht mehr voll in Betrieb, zugleich wird ein Anstieg von Erkrankungen wie Polio beobachtet. Mindestens ein Drittel aller Schulen sind zerstört oder beschädigt. Etwa 1,75 Millionen Kinder – also fast ein Drittel der Kinder zwischen fünf und 17 Jahren - gehen nicht mehr zur Schule. Etwa jeder Dritte muss verschmutztes Wasser trinken. Der Bedarf an humanitärer Hilfe ist also riesig, Deshalb bleibt die Hilfe für die Menschen in Syrien und die syrischen Flüchtlinge in den Nachbarländern auch 2018 die größte Auslandsoperation des DRK.