Mehr als 10.000 zivile Opfer Krieg in Afghanistan: Bundesregierung unter Druck

Meine Nachrichten

Um das Thema Politik Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.


Osnabrück. Die Menschenrechtsorganisation Pro Asyl hat angesichts eines neuen UN-Berichts über zivile Kriegsopfer in Afghanistan an die Bundesregierung appelliert, jetzt endlich die Fakten über die Lage in dem Krisenstaat auf den Tisch zu legen und Abschiebungen in das Land sofort zu stoppen.

Hintergrund: Im Krieg gegen die radikalislamischen Taliban und die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) sind in Afghanistan das vierte Jahr in Folge mehr als 10 000 Zivilisten getötet oder verletzt worden. Allerdings sank die Gesamtzahl der Opfer im Jahr 2017 im Vergleich zum Vorjahr um neun Prozent auf 10 453. Es gab 3438 Tote sowie 7015 Verletzte, wie aus einem Jahresbericht der Vereinten Nationen hervorgeht.

Pro-Asyl-Geschäftsführer Günter Burkhardt forderte Konsequenzen und sagte unserer Redaktion: „Das Auswärtige Amt muss endlich einen sachgerechten Lagebericht veröffentlichen. Es kann nicht sein, dass das Außenministerium seit vielen Monaten damit argumentiert, dass die deutsche Botschaft in Kabul zerstört und nicht arbeitsfähig ist.“ Mit dieser Schutzbehauptung wolle sich die Bundesregierung lediglich vor dem öffentlichen Eingeständnis drücken, dass es keine sicheren Regionen in Afghanistan gebe.

Belege für die überaus kritische Lage gebe es zuhauf, betonte der Geschäftsführer und verwies unter anderem auf den aktuellen UN-Bericht. Burkhardt ergänzte: „Wir haben eine Gemengelage, in der es ein unverantwortliches Risiko ist, Menschen dorthin zu verfrachten.“ In Afghanistan agierten nicht nur die Taliban und der IS, sondern darüber hinaus auch noch regionale Warlords, „teilweise mit besten Beziehungen zum Regierungsapparat“.

Auch der Grünen-Außenexperte Omid Nouripour forderte die Bundesregierung auf, die Lage nicht länger zu beschönigen. „Mehr Truppen allein werden Afghanistans Probleme nicht lösen.“ Vor allem müsse die Bundesregierung den USA gegenüber deutlich machen, dass der Wirkungsradius der militärischen Ausbildung ohne Fortschritte im Friedensprozess mit den Taliban sehr begrenzt sei. „Eine Absage an politische Gespräche ist inakzeptabel und wird Afghanistan dem Frieden nicht näher bringen.“

Nach dem Bericht der Vereinten Nationen sind die Opferzahlen vor allem deshalb zurückgegangen, weil die afghanische Armee besser auf Zivilisten Rücksicht nehme und nicht mehr willkürlich schwer steuerbare Geschosse in dicht besiedelte Gebiete feuere.

„Dass wir 2017 weniger zivile Opfer gesehen haben, liegt auch einfach daran, dass die Taliban ihre Herrschaft über bestimmte Gebiete konsolidiert haben. Wo sie Gegenden voll kontrollieren, gibt es eben keine Kämpfe mehr“, sagte ein UN-Mitarbeiter, der namentlich nicht genannt werden wollte.

In dem 75 Seiten langen Bericht heißt es weiter, dass es unter den Opfern weiterhin viele Frauen und Kinder gebe. Mehr als 4400 seien 2017 getötet oder verletzt worden. Damit machten Frauen und Kinder 42 Prozent aller zivilen Opfer aus.

Den Taliban lasten die UN dabei 42 Prozent aller Opfer an, dem IS zehn Prozent, 16 Prozent den afghanischen Sicherheitskräften und zwei Prozent dem internationalen Militär im Land. Der Rest sei nicht unmittelbar zuzuordnen gewesen, berichten die UN.

Die Vereinten Nationen warnen allerdings, dass sie vermutlich „unterberichten“ - das heißt, die tatsächlichen Opferzahlen dürften weitaus höher sein. Die Menschenrechtsabteilung der UN in Afghanistan benötigt für jedes offiziell registrierte Opfer drei unabhängige Quellen. Diese sind aber in den zunehmend umkämpften Provinzen mit immer weniger UN-Beobachtern im Feld kaum noch zu bekommen.

Außerdem wachsen die Regionen unter Taliban-Kontrolle - und damit auch die blinden Flecken der Beobachter. Das US-Militär sagt, dass die Taliban mittlerweile rund 13 Prozent des Landes „kontrollieren oder beeinflussen“. Andere Quellen gehen von weit höheren Zahlen aus.

Der Bericht zu den zivilen Opfern des Krieges ist einer der wichtigsten im UN-Berichtskalender für Afghanistan. Er bricht einen Konflikt, den viele nach mehr als 16 Jahren kaum noch im Detail verfolgen, auf die Betroffenen herunter. Er enthält nämlich nicht nur Zahlen, sondern erzählt die Geschichten von Menschen, die getötet oder verletzt wurden, die ihr Einkommen oder Heim verloren haben oder deren Schulen oder Kliniken zerstört oder beschädigt wurden. Außerdem macht der Jahresbericht die Trends des Krieges deutlich.

Besonders besorgniserregend finden die Autoren den Anstieg an Opfern von Selbstmord- und anderen Anschlägen. Diese hätten im vergangenen Jahr mehr als ein Fünftel (22 Prozent) aller zivilen Opfer des Krieges verursacht - 17 Prozent mehr als 2016.

Die afghanische Hauptstadt Kabul bleibt weiter im Brennpunkt. Einige deutsche Politiker bezeichneten die Stadt im Zusammenhang mit den umstrittenen Abschiebungen von abgelehnten Asylbewerbern auch 2017 noch als sicher. Aus dem UN-Bericht geht nun hervor, dass die Taliban und der IS mit Selbstmordattentaten und anderen Angriffen 2017 in Kabul knapp 500 Zivilisten getötet und mehr als 1200 verletzt haben. Damit verzeichnete die Hauptstadt etwa jedes sechste zivile Opfer (16 Prozent). Für den schwersten Anschlag mit rund 2000 Tonnen Sprengstoff vor der deutschen Botschaft im Mai 2017 meldeten die UN nun offiziell 92 Tote und 491 Verletzte.

Die Vereinten Nationen verzeichneten außerdem einen Anstieg der zivilen Opfer nach Luftangriffen um sieben Prozent. Die USA weiteten beispielsweise 2017 ihre Luftangriffe gegen Taliban und IS massiv aus - auf mehr als 2000 im ganzen Jahr (2016: knapp 1000). Zwar befindet sich die afghanische Luftwaffe noch im Training, aber sie schießt schon.

Für 2018 wird nicht erwartet, dass die Opferzahlen weiter zurückgehen. „Mit Trumps neuer Afghanistanstrategie, mehr Soldaten im Land, viel mehr Luftangriffen und scharfer Rhetorik gegen die Taliban sehen wir gerade eine Eskalierung, keine Beruhigung der Lage“, sagt ein westlicher Diplomat in Kabul, der sich seit Jahren mit den Konflikten in Afghanistan beschäftigt. Beide Seiten, die Taliban wie auch als auch die USA, setzten nun auf nachgerade „theatralische Gewalt“.

„Die USA fliegen für Luftangriffe mit den B-52 die größten Bomber, die sie haben, und die Taliban füllen Ambulanzen mit Sprengstoff“, sagte der Experte. „Wenn sich das fortsetzt, sehen wir 2018 neue Rekorde von Zivilopfern.“

Die ersten Anzeichen dafür sind schon sichtbar: Im Januar hatten Taliban und IS allein in Kabul vier Anschläge mit rund 150 Toten verübt - unter anderem einen Selbstmordanschlag mit einem als Ambulanz angemalten Wagen in der Stadtmitte und eine 17 Stunden lange Schießerei in einem großen Hotel. (mit dpa)


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN